02/02 2010
Weg aus der Krise
Renate Gutjahr lacht gerne. „Ich habe keinen Grund, unglücklich zu sein.“ Drei Wochen hat die 47-Jährige gefastet, den Körper entschlackt. Auf dem Tisch steht ein Wasserkrug, darin liegen verschiedene Steine. Der Besucher soll sich wohlfühlen – dementsprechende Steine strömen die richtige Energie aus.
Über Renate Gutjahr gibt es mittlerweile schon mehrere Geschichten. Die Frauenzeitschrift „Tina“ hat ihr eine Doppelseite gewidmet. Das Foto, das am Ensinger See entstanden ist, zeigt Renate Gutjahr mit einer Kristallkugel. In der Bildunterschrift wird sie zitiert: „Ich nehme sie in die Hände, wenn ich vor einer wichtigen Entscheidung stehe.“ Bei „Frau von heute“ lehnt Renate Gutjahr an einem Baum. Die Geschichte ist überschrieben „Jetzt fange ich noch von vorne an“.
Spiritualität ja,
aber auch Bodenständigkeit
Wir sitzen in Renate Gutjahrs Haus in der Wielandstraße in Kleinglattbach. Sie erzählt ihre Biographie, schildert wie sie eine schwere Krise gemeistert hat, lebt die Kraft vor, die sie wieder stark gemacht hat. Auf dem Sekretär liegen die vielen Heilsteine, mit denen sie arbeitet. An der Wand hängt ein Buddha, daneben steht ein Altar. Renate Gutjahr ist heute Feng-Shui- und Lebensberaterin, hält Meditationen ab. Zwei Tage in der Woche arbeitet sie in einem Feinkostladen in Neckarsulm. „Ich bin aber keine abgehobene Spiri-Tante“, lacht die vierfache Mutter. Spiritualität ja, aber auch Bodenständigkeit.
Bodenständig war das Leben bis 2007 allemal. Statt Selbstheilungskräfte durch Steine war eher Schinkenwurst angesagt. Bis 2007 führte Renate Gutjahr noch die letzte Metzgerei-Filiale in Sersheim, es folgte der Umzug von Löchgau nach Kleinglattbach. Hier wohnt ihre Schwester und ihr Schwager, hier gibt es noch einmal einen Neubeginn.
Der Tag, der Renate Gutjahrs Leben völlig verändert, ist der 14. Juni 2000. Mit 39 Jahren stirbt ihr Mann Wolfgang – Herzstillstand. Sie ist plötzlich allein mit vier Kindern. In den vier Filialen der Metzgerei arbeiten damals 21 Mitarbeiter. 16 Jahre war sie mit der großen Liebe ihres Lebens verheiratet. „Es war ein schöner Abend mit der Familie“ erzählt Renate Gutjahr heute die letzten Stunden mit ihrem Mann Wolfgang.
In dem Beitrag „Im falschen Film“ rekapituliert sie das Geschehen. „Ich wollte auch sehen, wie ich das alles verarbeitet habe. Und an manchen Stellen ist es mir sehr schwer gefallen und ich musste noch mit den Kindern reden.“ Das Kapitel von Gutjahr in dem Buch „Jetzt reicht’s“, herausgegeben vom Forum Sinneswandel (www.forumsinneswandel.de), ist der „Aufhänger“, es ist die krasse Geschichte vom Metzger zu den Heilsteinen. Ein Thema, das auch bei der Yellow Press ankommt.
Alles läuft seinen gewohnten Gang. Vier kleine Kinder – Sarah (damals 14), Eva (12), Johannes (9) und Theresa (6). Eine glückliche Familie, eine Metzgerei, über 20 Angestellte. Renate Gutjahr schreibt: „Stell dir vor: Morgens um fünf klingelt der Wecker und die Welt ist anders. Wie jeden Morgen klingelte der Wecker pünktlich um 5 Uhr, um meinen Mann Wolfgang zu wecken, doch er rührt sich nicht. Ich stoße ihn mehrmals an, aber er reagiert nicht. Ärgerlich darüber, dass er den Wecker nicht ausmacht, angele ich mich über ihn drüber, um den Lärm endlich abzustellen. Sein Rücken ist ganz kalt, fürsorglich wie ich bin, stopfe ich ihm seine Decke an seinen Rücken, ich könnte noch eine Stunde weiter schlafen, wenn er endlich aufwachen würde. Wieder rüttele ich ihn, diesmal heftiger. Nichts, keine Reaktion, kein Ton. Er hatte viel gearbeitet gestern und dann die Sorgen, die ihn so drücken. Ich liebe ihn und ich verstehe ihn, aber es hilft alles nichts, jetzt muss er aufstehen. Unten, in der Wurstküche, warten vier Metzger auf ihren Chef. Ich versuche es mit liebevollen und ärgerlichen Worten. Nichts. Ich schüttle ihn regelrecht. Nichts. Beim Anfassen merke ich wieder die Kälte seiner Haut. Irgendetwas stimmt nicht. Er ist nicht nur kalt, er ist auch steif. Erschrocken drehe ich ihn von der Seite auf den Rücken, so dass ich das Gesicht sehen kann. Bewegungslos und starr, bleich, mit offenen Augen liegt er da.“
„Ich habe mich zugenagelt
mit Arbeit“
Renate Gutjahr
„Es war ein Hammerschlag“, sagte Renate Gutjahr heute. Nach der Beerdigung läuft der Alltag weiter, Zeit zum Trauern bleibt kaum. Diese Phase kann Renate Gutjahr nur mit Hilfe der Familie überstehen. „Ich habe mich zugenagelt mit Arbeit“, sagt sie. Der Betrieb musste aus den Schulden heraus geführt werden. Dafür arbeitete Renate Gutjahr hart. Tagsüber das Geschäft, abends die Tränen. Sieben Jahre nach dem Tod von Wolfgang Gutjahr ist der Metzgereibetrieb mit Stammsitz in Löchgau schuldenfrei, es gibt wieder Gewinne.
In dem Buch schildert Renate Gutjahr den Wandel: „Der Tod von Wolfgang hat mein Leben und meine Einstellung zum Leben verändert. Eine Nachbarin sagte zu mir: ‚Sie sind ja wieder auferstanden wie der Phönix aus der Asche.’ Mein Schicksal war meine Chance, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. herauszufinden, was ich kann und will. Festzstellen, dass ich alles kann, was ich will. Alles, was ich mir erdenken kann und vorstellen kann, kann ich auch erreichen. Wolfgang war mein Zuhause, ich wäre mit meinem Mann überall hin gegangen, weil ich ihn so liebte. Heute ist mein Zuhause in mir. Wo ich bin, bin ich zu Hause. Ich habe ein Trauma durchlebt und in diesem Tal, in Untergründen, feine energetische Wege entdeckt. Um meinen Kindern und Wolfgang zu helfen, habe ich mich auf den Weg gemacht, das Familiensystem nach Bernd Hellinger zu verstehen. Ich bin nicht allein. Ich bin ein ‚Umsetzer’, wenn ich etwas lerne, eine Idee habe oder neue Gedanken, probiere ich es einfach aus. Diese Fähigkeit hat mich überleben lassen. Ich habe gelernt abzuschalten, eins nach dem anderen zu tun. Ich achte darauf, mich nicht überrollen zu lassen. Ich kann Entschlüsse fassen. Wenn ich ein Ziel habe, beschließe ich, es zu verfolgen und zu erreichen. Ich hatte eines Morgens beschlossen, wieder glücklich zu sein. Es hat funktioniert.“
Man kann sich auf den Boden reinjammern, „aber man muss sich bloß erlauben, glücklich zu sein“, sagt Renate Gutjahr heute. Sie hat hier in Kleinglattbach ihre Familie, ihren schönen Garten, ihre spirituelle Arbeit, ihre Anerkennung. Renate Gutjahr hat den Weg aus der Krise gefunden. Sie ist glücklich.(ub)
