Freitag, 25. Mai 2012

Warten auf ein Organ




Reinhold Zech aus Oberriexingen. Foto: Gergen
Reinhold Zech aus Oberriexingen. Foto: gergen

Derzeit warten Tausende Patienten in Deutschland auf eine lebensrettende Organspende. Zum heutigen „Tag der Organspende“ berichtet ein betroffener Oberriexinger von seinen Erfahrungen.
Reinhold Zech konnte letzte Woche innerhalb weniger Tage gleich zweimal Geburtstag feiern: Er vollendete nämlich nicht nur sein 63. Lebensjahr, sondern überlebte auch einen Herzstillstand. Eigentlich ein doppelter Grund zur Freude: Allerdings hält sich seine Feierlaune in Grenzen, denn sein „Leben läuft seit zweieinhalb Jahren im Leerlauf“, wie er es selbst beschreibt. Auch wenn man es dem äußerlich sehr vital wirkenden Schwaben nicht auf den ersten Blick ansieht: Reinhold Zech ist ernsthaft krank und weiß, dass ihm nur eine baldige Organspende das Leben retten kann.
Leider lässt die schon seit 2008 auf sich warten. Dass er momentan noch in der Lage ist, zu Hause zu leben und sogar mit Familienhund Anton gemäßigte Spaziergänge zu unternehmen, habe er wohl seinem langjährigen gesunden Lebenswandel zu verdanken, vermutet der ehemalige Fußballprofi, der von 1967 bis 1975 für den VfB Stuttgart kickte und anschließend mit dem FC Saarbrücken in die erste Bundesliga aufstieg. Er habe sich stets bewusst ernährt und seinen Körper trainiert, was ihm in seiner jetzigen Situation zugute komme.
Schneckentempo auf
der Warteliste
„Damit bin ich eigentlich der ideale Organempfänger, denn nach der Transplantation sind bei mir keine größeren gesundheitlichen Probleme zu erwarten“, resümiert er. Leider hat diese Medaille zwei Seiten: Er ist zwar einer von derzeit rund 920 Patienten, die in Deutschland auf ein Spenderherz warten. Aber dadurch, dass er noch nicht ständig auf der Intensivstation betreut werden muss, ist er noch nicht als „hochdringlich“ eingestuft und rückt auf der Warteliste nur im Schneckentempo voran, weil Notfälle stets vorrangig behandelt werden. Und das, obwohl ihm trotz implantiertem Defibrillator und Herzschrittmacher immer wieder das Herz unvermittelt stehenbleibt und es dann nur dem schnellen Eingreifen der Notärzte zu verdanken ist, wenn er die Attacke unbeschadet übersteht. Gerade seine Frau Rose leidet sehr unter diesen unvorhersehbaren Episoden, wenn das Herz ihres Mannes plötzlich aus dem Rhythmus gerät und es zum lebensgefährlichen Kammerflimmern kommt. Sie macht sich ständig Gedanken darüber, was passieren könnte, wenn sie in diesem Moment nicht in der Nähe wäre oder der Rettungswagen länger als zehn Minuten bräuchte.
Reinhold Zech dagegen blendet nach eigener Aussage das meiste davon aus, „denn sonst würde ich ja verrückt werden!“ Er vertraut auf die Technik in seinem Körper, die es auch nach mehr als 30 Aussetzern bis jetzt immer wieder geschafft hat, sein Herz wieder in den Takt zu bringen, und er vertraut auf die 25 Medikamente, die er täglich schluckt, um die Wartezeit bis zur Organtransplantation zu überbrücken. „Zum Glück spüre ich recht wenige Nebenwirkungen, lediglich von einer Arznei merke ich eine leichte Sehverschlechterung, die im schlimmsten Fall aber bis hin zur Blindheit führen könnte.“ Alles in allem glaubt der optimistische Schwabe an die Kunst seiner Ärzte, die ihn in der Uniklinik Heidelberg regelmäßig überwachen, bedauert aber gleichzeitig, dass die Diagnose fast zu spät gestellt wurde.
Noch vor sechs Jahren galt
er als voll leistungsfähig
Denn noch vor sechs Jahren galt er als voll leistungsfähig, fuhr regelmäßig Fahrrad, kickte mit seinen Enkeln im Garten und arbeitete als Geschäftsführer einer großen Mineralquelle. Nur durch eine Thrombose im Bein erkannte man im Februar 2005 einen taubeneigroßen Blutpfropf an der Herzwand und stellte fest, dass das Organ lediglich noch 22 Prozent Leistungsfähigkeit besaß. Offenbar hatte Zech als aktiver Sportler bei einem Fußballspiel unbemerkt durch einen Stoß einen sogenannten stillen Infarkt erlitten, der den linken Herzmuskel vernarben ließ. Als Ursache für die daraus resultierende Vergrößerung des restlichen Teils hatte man stets nur das sogenannte „Sportlerherz“ zitiert.
Bereits ein Jahr später kollabierte der Patient nun in immer kürzeren Abständen, so dass sich die Mediziner 2006 dazu entschlossen, ihm ein Sicherungssystem in Form des Defibrillators einzubauen, der bei jedem Herzstillstand oder Flimmern automatisch einspringt und so lange Stromstöße auf den Muskel gibt, bis das Herz von selbst oder durch zusätzliche Notfallmedikamente wieder im Takt schlägt. Eine weitere kontinuierliche Schwächung konnte dies jedoch nicht verhindern. Heute schafft es der Herzmuskel lediglich noch 18 Prozent des Blutes in die Lunge zu pumpen, um den Körper mit dem nötigen Sauerstoff zu versorgen - 65 Prozent sind es bei Gesunden.
So wird die Luft im wahrsten Sinne des Wortes immer dünner für den Sportinvaliden und er und seine Frau fragen sich täglich, wie lange es denn noch dauern wird, bis der erlösende Anruf aus Heidelberg kommt. „Jeden Tag sterben drei Patienten von rund 12 500 in Deutschland, die auf der Transplantationsliste stehen. Und dies, weil in unserem Land nur dann Organe von Hirntoten entnommen werden dürfen, wenn zum einen ein Organspende-Ausweis vorliegt, beziehungsweise die Angehörigen ihre Zustimmung erteilen und wenn zudem das Krankenhaus den potenziellen Spender an die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) meldet. „Dass dies häufig nicht der Fall ist, liegt daran, dass die Kliniken die Entnahmekosten und den zusätzlichen Personalaufwand scheuen“, gibt der bestens Informierte zu bedenken. Er appelliert deshalb eindringlich, das Organspende-Gesetz von 1997 zu reformieren und die geltende „erweiterte Zustimmungslösung“ durch die „Widerspruchslösung“ zu ersetzen. Bei letzterer ist die Organentnahme grundsätzlich zulässig, wenn der potenzielle Spender zu Lebzeiten nicht ausdrücklich schriftlich widersprochen hat. Angehörige brauchen nicht zu Rate gezogen werden. Die Widerspruchslösung bewährt sich seit langem in Frankreich, Belgien und Österreich, wo die Zahl der Spender viel höher ist und folglich Kranke schneller die lebensrettende Organspende erhalten. Auch in Spanien gibt es mit 34 Spenden pro einer Million Einwohner eine mehr als doppelt so hohe Rate wie in Deutschland mit gerade einmal 15 Spenden. Dabei belegt insbesondere Baden-Württemberg laut Statistik der Stiftung Eurotransplant mit nur elf Spenden auf eine Million Menschen das traurige Schlusslicht. Ob hier der sprichwörtliche schwäbische Geiz eine Rolle spielt?
„Das Fatale ist zudem, dass gerade Herzspenden selten sind. Von allen potenziellen Organspenden werden nur rund 30 Prozent genutzt und von diesen sind wiederum lediglich 30 Prozent Herzspenden, also rund 350 pro Jahr. Denn offenbar verbinden immer noch viele das Herz mit dem Sitz ihrer Seele“, ergänzt Reinhold Zech. So sprechen die Fakten gegen eine rasche Operation. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf und denkt weiterhin positiv. Die Kraft dazu bekommt er von seiner Familie. Die drei erwachsenen Söhne mit ihren Familien, die vier fußballbegeisterten Enkel sowie seine Frau motivieren ihn immer wieder zum Durchhalten. „In der Zeit rückt die Familie noch enger zusammen!“, stellt der Oberriexinger dankbar fest.
Mehr Unterstützung
durch die Politik
Zum „Tag der Organspende“ wünscht sich der Betroffene zum einen mehr Unterstützung durch die Politik. Hier müssten den Worten endlich Taten folgen und - wie beispielsweise in Spanien - die Zusammenarbeit der Kliniken und der DSO mit staatlicher Förderung besser koordiniert werden. Zum anderen appelliert er jedoch auch an jeden Einzelnen, sich einmal im Leben mit dem Thema Organspende zu befassen und aktiv mit einem Spender-Ausweis zu entscheiden, ob man nach seinem Tod einer solchen zustimmt oder nicht. „Schließlich kann es jeden treffen“, ergänzt seine Frau, „und dann ist jeder froh, wenn er rechtzeitig eine Transplantation bekommt!“  Vera Gergen




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