Heute Abend wird’s was geben. Kinder werden sich fürchten und verkriechen. Andere sagen munter einen kleinen Vers auf, wenn der Weihnachtsmann an die Tür klopft.
In der Ukraine müssen sich die Kinder noch ein paar Tage gedulden, denn dort wird Weihnachten später gefeiert, sagt Lilia Kudler. Seit acht Jahren lebt sie in Vaihingen. Aufgewachsen ist sie in der Hauptstadt der Ukraine, in Kiew.
Im April 1979 erblickt Lilia Jablonko das Licht der Welt. Ein paar Jahre später wartet sie, wie die anderen Kinder der Ukraine, auf Silvester. „Dann kommt der Weihnachtsmann und es gibt Geschenke“, erzählt die junge Frau. Der Weihnachtsbaum wird schon Mitte Dezember geschmückt und muss einige Zeit durchhalten, denn erst am 7. Januar wird beim orthodoxen Glauben Christi Geburt gefeiert.
„Dann gibt es bei uns auch ein großes Essen, aber nicht so groß wie hier“, sagt Kudler. An Silvester, in der Ukraine „Neues Jahr“ genannt, wird eher ganz normal gekocht, wenn auch etwas üppiger. Kudler: „Geflügel gibt es eher nicht, sondern viel Salate.“ Doch die haben’s in sich. Mit reichlich Fleisch, Käse, Eier und Wurst wird auch ein Salat zu einer deftigen Mahlzeit.
Am Rand der Riesenstadt Kiew ist Lilia Kudler in einem Wohnblock mit neun Stockwerken aufgewachsen. Schon mit einem Jahr kommt sie in die Kinderkrippe. Das sei damals so üblich gewesen, da die Eltern gearbeitet hätten. Heute gehen die Kinder oft auch erst mit drei in den Kindergarten. In dem Ganztageskindergarten gefiel es Lilia Kudler weniger, es gab oft Tränen, „ich war eher so häuslich“. Mit sieben Jahren darf sie dann in die Schule. Doch vorher rollt eine Katastrophe über das Land und die ganze Welt hinweg. Im April 1986 ereignet sich im Kernkraftwerk Tschernobyl eine Explosion.
„Meine Mutter hat mich zu meiner Tante in die Nähe
der polnischen Grenze gebracht“
Lilia Kudler zur Katastrophe in Tschernobyl
Der Super-Gau findet nur rund 100 Kilometer nördlich von Kiew statt. „Meine Mutter hat mich zu meiner Tante in der Nähe der polnischen Grenze gebracht“, erinnert sich die 31-Jährige. „Am Anfang wurde das gar nicht so veröffentlicht“, sagt Kudler. Später sei die Region rund um den Reaktor evakuiert worden.
Doch auf Lilia wartet die Schule und sie wird wieder heim nach Kiew geholt. In den Ferien reist die Familie auf die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. In der Schullandschaft gibt es keine Aufteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium, sondern es besteht die Möglichkeit, nach acht Jahren abzuschließen. Das berechtigt allerdings nicht zu einem Studium. Nach zehn Jahren Schule steht dem Sprung in die Hochschule noch eine Aufnahmeprüfung im Weg. Lilia beginnt an der Wirtschaftsuniversität Kiew ein Betriebswirtschaftsstudium. Nach fünf Jahren büffeln und lernen, im zarten Alter von 21, hat sie den Abschluss als Diplom-Betriebswirtin in der Tasche.
Deutsch hatte sie als Fremdsprache schon an der Schule gelernt und auch an der Uni werden Kurse angeboten. Der erste echte Kontakt mit Deutschland entsteht bei zwei Auslandssemestern an der Uni Konstanz am Bodensee. Ihr Resumee: „Das hat mir sehr gut gefallen. Man kommt aus dem Elternhaus und ist im Wohnheim – eine interessante, lustige Zeit.“
Nach ihrem Abschluss arbeitet sie ein Jahr lang in Kiew in einer BMW-Niederlassung. Kudler: „Mir ging’s gut, ich wollte nicht unbedingt raus, alles war in Ordnung.“ Doch 2001 tritt der Vaihinger Karlheinz Kudler in ihr Leben.
Ein Jahr lang werden die rund 2000 Kilometer zwischen Vaihingen und Kiew mit Hilfe von Internet und Besuchen überbrückt. Dann wird in Vaihingen standesamtlich geheiratet. Zwei Wochen später findet in Kiew die kirchliche Trauung statt. Inzwischen gehören der siebenjährige Daniel und die zwei Jahre alte Angelina zur Familie.
Bereut hat sie den Schritt nach Deutschland nicht. Beim ersten Besuch in Vaihingen habe es ihr gut gefallen. Doch inzwischen fühle sie sich manchmal ein wenig einsam und wird ein bisschen von Heimweh geplagt. „Mein Eindruck ist, dass die Leute in der Ukraine eher aufgeschlossen sind, ein bisschen offener vielleicht. Hier ist eher jeder für sich selbst“, sagt Kudler.
In der Ukraine würden beispielsweise an Silvester von manchen Firmen ganze Restaurants gemietet und dann die ganze Nacht gefeiert. Auch die Chefs trinken, tanzen und sind lustig. Dann fließe schon viel Alkohol, räumt sie ein. „Ich trinke wenig, vielleicht ein bissle Wein“, aber der Ukrainer an und für sich könne schon als trinkfest gelten.
Gekocht wird im Hause Kudler meistens schwäbisch, aber ein paar Gerichte der alten Heimat müssen sein. Borschtsch zum Beispiel, der Gemüseeintopf mit Roter Beete. Oder Vareniki, Teigtaschen mit variabler Füllung. Zur Arbeit gehen würde Lilia Kudler gerne, denn im September kommt Angelina in den Kindergarten: „Sieben Jahre Zuhause sitzen ist auch zu viel.“ Doch da gibt es das gleiche Problem wie bei ihrem alten Führerschein damals: Das Diplom aus der Ukraine wird hier nicht anerkannt. „Aber mittlerweile bin ich flexibel“, sagt Kudler.
Doch nun steht erst mal Weihnachten vor der Tür. Das Päckchen an Opa Leonid in der Ukraine ist schon lange abgeschickt. Das Festessen steht fest: Es wird Pute geben. Und Daniel und Angelina haben Glück. Für sie ist heute Abend Bescherung. (Dez. 2010, sr)
