Der Grundstein für die Leidenschaft, die Armin Scherzinger umtreibt, wird vor vielen Jahren im Religionsunterricht gelegt. Als Zehnjähriger lauscht der Bub aus Hattingen dem Pfarrer, der ein Faible für Botanik und für Wesen vergangener Zeiten hat. Mitschüler bringen bald Versteinerungen mit und es entwickelt sich eine Geologiestunde. „Ich habe gedacht: Mensch, das würde mir auch mal gefallen“, erinnert sich Scherzinger.
Heute wohnt der 39-Jährige in Eberdingen und ist Träger der Zittel-Medaille. Scherzinger erhielt diese Auszeichnung der Paläontologischen Gesellschaft im vergangenen Jahr. Gewürdigt werden damit Personen, die ehrenamtlich einen bedeutenden Beitrag für das Fach geleistet haben. Beruflich hat Scherzinger nämlich nichts mit der Wissenschaft von den Lebewesen der Urzeit, der Paläontologie, zu tun. Der Diplom-Ingenieur Landespflege ist beim Landratsamt Ludwigsburg im Fachbereich Straßen tätig.
Der junge Armin Scherzinger läuft nach dem Aha-Erlebnis durch den Pfarrer über die Äcker der Heimat und sammelt seine ersten Versteinerungen. Die Eltern schenken dem Filius Bücher zum Thema, mit dem Ergebnis, dass „sie mich sonntags irgendwo hinbringen mussten, wo ich dann gesammelt habe“. Versteinerte Fossilien – Zeugnisse vergangenen Lebens aus der Erdgeschichte – haben es ihm angetan.
Es sind letztendlich mehrere Schlüsselerlebnisse, die Scherzinger zu dem Experten auf seinem Spezialgebiet werden lassen, der er heute ist. Den Auftakt macht der Pfarrer, der die Neugier weckt. Die Spezialisierung auf eine Zeitepoche, die rund 145 Millionen Jahre zurückliegt, verdankt Scherzinger einer Begebenheit an einer Baustelle. Dort, im Wutachgebiet, hatten sich einige Fossiliensammler auf die Suche nach Versteinerungen gemacht. Denn auch der Straßenbau bringt manchmal derartige Schätze hervor. Scherzinger und einem anderen Sammler sticht ein fossiler Leckerbissen ins Auge. Der andere prescht vor, schnappt sich das Teil und für Scherzinger steht in diesem Moment fest: Das habe ich nicht nötig. Er widmet sich fortan Schichten im Gestein, die von anderen „Jägern“ gemieden werden, da sie als fossilienarm gelten.
Scherzinger sucht zunächst in der näheren Heimat rund um Hattingen Ablagerungen vom höheren Oberjura, eben jener Zeit vor rund 145 Millionen Jahren. „Süddeutschland lag damals am Rand eines Ozeans namens Tethys“, erzählt der Eberdinger. Einzelne Inseln ragten heraus, das Klima war eher subtropisch bis tropisch. Scherzinger: „Es gab Urvögel und Flugsaurier, im Meer lebten Fischsaurier und Krokodile.“ Und natürlich vieles mehr. Darunter Ammoniten, eine ausgestorbene Gruppe der Kopffüßer. Ihren Überresten gilt Scherzingers besondere Passion. Heute lebende Verwandte der Ammoniten sind das „Perlboot“ Nautilus und Tintenfische. Von der reichen Lebewelt dieser Epoche zeuge auch der Posidonienschiefer aus Holzmaden am Fuße der Schwäbischen Alb, wirft Scherzinger ein.
Anfang der 90er Jahre knüpft der Hobby-Paläontologe Kontakt zum Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. „Es hat sich eine Zusammenarbeit ergeben, die bis heute andauert“, sagt Scherzinger. Es ist auch der Moment, in dem die reine Sammelleidenschaft durch den wissenschaftlichen Aspekt überlagert wird. Die Mitarbeiter vom Museum profitieren von Scherzingers Wissen im Gelände, er von deren Literatur und den Tipps. 1995 wird Scherzinger als Gast zu einer Tagung der Jura-Subkommission, einer Abteilung der Deutschen Stratigraphischen Kommission, eingeladen.
Auch dies ist ein Ereignis in Scherzingers Leben, das sich als prägend erweist. Denn dort lernt der junge Mann aus Hattingen unter anderem den Londoner Professor John Callomon, eine Koryphäe auf dem Gebiet von Ammoniten aus dem Jura, kennen. Scherzinger beginnt in dieser Zeit zudem, gemeinsam mit seinem Freund aus dem Naturkundemuseum in Stuttgart erste Publikationen zu schreiben.
Zwar sammelt Scherzinger auch versteinerte Überreste von Säugetieren aus der Erdneuzeit. Von den inzwischen rund 4000 Stück lagert der Großteil im Naturkundemuseum. Die größere Sammlung hat er jedoch von Wirbellosen aus den fossilienarmen Schichten des Jura zusammengetragen. Die meisten dieser rund 9000 Fundstücke lagern im Elternhaus in Faltschachteln und Regalen. Europaweit handelt es sich um eine der größten Sammlungen aus dieser Zeit im Oberjura, die von Spezialisten als Tithonium und Kimmeridgium bezeichnet werden. Ein Zeitraum, der 142 Millionen bis 153 Millionen Jahre zurückliegt.
Damals schweben Kopffüßer in ihrer gekammerten Schale aus Aragonit durch die Weiten der Tethys. Aragonit ist eine mineralisierte Form von Calciumcarbonat und beispielsweise der Hauptbestandteil von Muschelperlen.
Sinkt nun das Tier tot zu Boden, kann Folgendes zur Verewigung im Sediment führen: Entweder die Schale löst sich auf und es entsteht ein Steinkern-Ausguss. Oder es erfolgt eine Umkristallisation. Selten bleiben Teile der Schale erhalten. Manchmal wird das Tier auch als negative Hohlform überliefert.
In Steinbrüchen, an Abbruchkanten oder beim Straßenbau rückt Scherzinger den Zeugen der Vergangenheit dann zu Leibe. Da rauscht schon mal der Vorschlaghammer auf den Felsbrocken nieder. Daheim werden dann in bis zu 40 Stunden dauernder Kleinarbeit mit Meißel, Hammer oder Präparationsstichel die Feinheiten der Versteinerung freigelegt.
Mittlerweile hat Scherzinger aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit weniger Zeit dafür, ins Gelände zu gehen. Internationale Kontakte zu Spezialisten bestehen, darunter nach Argentinien, Russland, Ungarn, Frankreich und Großbritannien. Scherzinger publiziert selbst Arbeiten und wird auch als Gutachter für solche eingesetzt. Für Scherzinger erzählen die stummen Zeitzeugen aus ihrer Lebewelt, berichten von ihren Mitgeschöpfen, vom Klima, Meeresströmungen und Katastrophen.
Die Grundlagenforschung hält Scherzinger in ihrem Bann. Meist formiere sich in seinem Kopf eine Idee, wie etwas gewesen sein könnte. Dann zeige sich häufig im Gelände, dass sich seine Theorie bestätigt, sagt Scherzinger. Demnächst will er eine Ammonitenfauna in Süddeutschland bearbeiten, bei der der „Kenntnisstand in den 50er/60er Jahren stehengeblieben ist“.
Diese Zone will er neu definieren, neue Erkenntnisse erlangen und neue Arten finden. Arten und Gattungen hat Scherzinger schon öfter erstmals mitbeschrieben, eine Ammonitenart trägt seinen Namen: Berckemeria scherzingeri, ein Fund von der westlichen Schwäbischen Alb.
Wieso jagt Scherzinger dieser Leidenschaft unentgeltlich hinterher und hat sie nicht zu seinem Beruf gemacht? „Das war eine Vernunftentscheidung“, sagt er. Obwohl Süddeutschland durch seine Spezialisten im 19. Jahrhundert eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Paläontologie habe, blute die Wissenschaft in Deutschland langsam aus. Stellen werden gestrichen, die Leute gehen mangels Zukunftsperspektive ins Ausland. Dabei sei das Wissen der Spezialisten unersetzlich, sagt Scherzinger, beispielsweise bei aktuellen Bohrungen oder bei der Diskussion um den Klimawandel.
„Ein wichtiger Schlüssel, um in die Zukunft zu blicken, liegt in der Vergangenheit“, findet Scherzinger. Abgesehen vom Nutzen für die Menschheit treibt Paläontologen noch eine Faszination um, die Scherzinger mit einem Sprichwort verdeutlicht: „Die Sterne am Himmel kann ich notdürftig zählen, aber die Ammonitentiere im Schoße der Erde nicht.“ (sr) 27. August 2011
