16/07 2011
Veigel wird 75
Alle vier Wochen besucht das Ehepaar Veigel die Stadtbibliothek in Ludwigsburg. Hier fühlen sich die Illinger wohl. Schließlich ist Ewald Veigel, Ehrenbürger der Gemeinde, am 21. Juli 1936 in Ludwigsburg geboren. Gertrud Veigel (73) hat sich dabei die passende Lektüre herausgesucht: „Alt werden wie ein Gentleman“.
Ewald Veigel lehnt sich genüsslich auf der Couch zurück. Das spitzbübische Lachen huscht über das Gesicht. „Ja, das passt zu mir.“ Er wird jetzt 75 Jahre, am 29. Juli wird in der Festhalle in Schützingen mit über 160 geladenen Gästen gefeiert. „Ich glaube, ich bin noch nicht ganz vergessen“, sagt der frühere Bürgermeister, Landtagsabgeordnete und Unternehmer.
Dass er nicht vergessen wird, dafür sorgt schon die Biografie. Von 1966 bis 1994 war Veigel Bürgermeister in Illingen. In diesen 28 Jahren hat er sich viele Beschreibungen erworben: ein Meister an Schlagfertigkeit, Entscheidungen aus dem Stand, schwäbische Schlitzohrigkeit, hemdsärmlicher Manager. „Sie haben doch damals jeden Bauarbeiter persönlich mit Handschlag begrüßt“, sagt der Zeitungsmensch. Veigel blüht auf. Klar, das Ortszentrum, die Bahnunterführung, die Ortssanierung, die Schnellbahntrasse. Hochbau – das war die Welt des Ewald Veigel.
Veigel hat den Gestaltungswillen gehabt, als er mit 57 Stimmen Vorsprung als junger Oberinspektor der Stadt Asperg 1966 zum Schultes in Illingen gewählt wurde. Der Strombergort war die Wachstumsgemeinde schlechthin, für die nötige Infrastruktur sorgte Veigel. „Das war mir auf den Leib geschnitten“, erzählt er heute.
Im Rentenalter kann er noch immer nicht loslassen. Das Schaffen, das Wirbeln bestimmt immer noch den Alltag von Veigel. Andere Pensionäre züchten Rosen, pflegen ihren Rasen. Das ist nicht die Welt von Ewald Veigel. „Deshalb sieht es bei uns auch ein bisschen wild aus. Oder naturbelassen“, ergänzt Gertrud Veigel und schaut hinaus auf das Grundstück in der Alexanderstraße in Illingen.
Eine Symbiose zwischen
Arbeit und Sport
Der Ehrenbürger hegt eine Symbiose zwischen Arbeit und Sport. Arbeit heißt derzeit die Einrichtung von zentralen, kommunalen Dienstleistungen, sogenannten Komm-In-Zentren. Im Landkreis Tuttlingen arbeitet Veigel daran, die Dienstleistungen gebündelt in der Gemeinde zu halten. Das Geschäftsmodell soll im südlichen Bereich des Landes weiter ausgedehnt werden. Zuvor war der Illinger für die Kommunalentwicklung aktiv, hat Sanierungsaufträge an Land gezogen.
Die Grundlagen für diese Jobs hat Veigel im Stuttgarter Landtag gelegt. Von 1995 bis 2001 war er Abgeordneter der FDP, dann flog er bei der Wahl raus. Als innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion hat er immer Kontakt zu den Kommunen gepflegt, hat Sanierungsmittel losgeeist. Zwei Jahre war er Vorsitzender des Petitionsausschusses. „Das hat er sehr gern gemacht“, mischt sich Ehefrau Gertrud in das Gespräch ein. „Ich habe halt geholfen, wo man helfen konnte“, sagt Ewald Veigel.
Das unangenehme Thema spricht er selbst an, erzählt ohne Punkt und Komma. Damit vermeidet man auch unangenehme Fragen, weiß der alte Politikfuchs. Es geht um den Mühlehof in Mühlacker, wo Veigel Geschäftsführer und Komplementär der Mühlehof E. Veigel KG war. Von 1994 bis 2004, dem Jahr der Zwangsverwaltung, bestimmte der vor 30 Jahren gebaute Mühlehof das Leben von Veigel mit. Jetzt wird der Prestigebau möglicherweise von der Stadt abgerissen. Auch für Veigel war das Projekt eine wirtschaftliche Bruchlandung. „Andere Menschen, die leichter gestrickt sind, wären dabei vor die Hunde gegangen“, zieht er eine desaströse Bilanz. Im Anfang sei der Mühlehof mit Rewe als Ankermieter noch gut gelaufen. Auch zählt es Veigel zu seinem Verdienst, das Finanzamt hier ansiedeln zu können. Doch dann wurde die Situation immer mieser.
Veigel musste mit seinem Privatvermögen geradestehen, musste mit über 60 einen kompletten Neuanfang wagen. Nach dem Mühlehof-Flop reift bei Veigel die Erkenntnis: „Die Politik ist nicht so brutal wie die Wirtschaft.“ Seine Mutter, die 84 Jahre alt wurde, habe gesagt, es gehe immer wieder ein Fenster auf. Veigel beweist Steherqualitäten und kann heute sagen: Es ist wieder alles im Lot.
Irgendwie braucht der bald 75-Jährige auch das Unstete, das Stürmische. „Eine ruhige See will ich nicht“, sagt er. Er hat den Mut zum Risiko, kann erfolgreich sein, kann aber auch einbrechen. Die Lebenslinie wird immer wieder wie bei einem Erdbeben erschüttert. „Der Aufstieg und der Fall des Ewald Veigel“, findet Veigel selbst eine passende Überschrift.
Schon als Bürgermeister von Illingen hat es Veigel einmal in das Nachrichtenmagazin Spiegel geschafft, als er 1971 knapp bei der Bürgermeister-Wahl von Bissingen unterlag. Am Tag vor der Wahl hatten „viele Bissinger Bürger“ in einem Inserat im „Enz- und Metter-Boten“ Veigel unter anderem nachgesagt, er wolle seine Gemeinde, die er „in fünf Jahren restlos verschuldet habe“, „wegen ein paar Mark mehr Gehalt“ verlassen. Und gleich darunter empfahlen „fortschrittliche Illinger Bürger“ in einer Anzeige den Bissingern, ihnen doch ihren Veigel abzunehmen, denn: „Wir sind am Ende und brauchen einen neuen Bürgermeister.“ Der Verwaltungsgerichtshof musste sich mit der Angelegenheit beschäftigen, beurteilte die Anti-Veigel-Annoncen als „noch zulässige, wenn auch unsaubere und polemische Wahlpropaganda“.
„Manchmal legt sich meine
Stirn in Falten“
Ewald Veigel über die aktuelle Kommunalpolitk
Veigel kann sich noch gut an die Affäre erinnern. Heute hält er sich aus der Kommunalpolitik heraus. „Manchmal legt sich meine Stirn in Falten, manchmal muss ich lächeln“, sagt Veigel, wenn er in der Zeitung die Illinger Kommunalpolitik verfolgt. Ganz zügeln kann er sich dann aber doch nicht. „Wenn sie das alte Feuerwehrhaus abgerissen hätten, da hätte ich mich schon dagegen gewehrt.“ Veigel sorgt sich um den Wert, die Balance von Illingen zwischen den beiden Städten Vaihingen und Mühlacker, spricht vom „gemeinsamen Bahnhof“ in Vaihingen. „Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.“
Den Stromberg kennt
er wie seine Hosentasche
Nachmittags schwingt sich Ewald Veigel gerne mit einem Freund aufs Fahrrad. Dann geht es in den Stromberg, 30 oder 40 Kilometer. „Ich kenne mittlerweile die Gegend wie meine Hosentasche“, erzählt Veigel. Wanderungen im Kirbachtal gehören zum Standardprogramm, ebenso wie Joggingeinheiten. 21-mal hat Veigel das goldene Sportabzeichen abgelegt.
Die selbst gebackenen Schnecken von seiner Frau lässt Veigel liegen. Der Pfeifenraucher achtet auf seine Linie. Auch auf Alkohol verzichtet der Diabetiker gänzlich.
Im Laufe des Gesprächs zitiert Veigel den damaligen FDP-Fraktionschef und Wirtschaftsminister Walter Döring, „Solange die Sau noch zuckt, lebt sie.“ Irgendwie ist der Illinger Ehrenbürger auch stolz auf das Auf und Ab in seinem Leben. Ein bisschen Macho ist er schon. Heute Bürgermeister einer Kommune zu sein, kann sich Veigel nicht vorstellen. Die Diskussionen über Betreuungsplätze für unter Dreijährige ist nicht seine Welt. Er lebte für den Hochbau, sagt, dass er als Schultes die Geschicke von Illingen „nachdrücklich“ bestimmt habe. Heute, so betont Ewald Veigel, kann ich beruhigt durch „meinen“ Flecken gehen. Uwe Bögel
