Freitag, 10. Februar 2012

Trucker mit „Elektro-Ferrari“ - 13. Oktober 2007


Bächle hat im Führerhaus seinen Spaß.
Bächle hat im Führerhaus seinen Spaß.
„Gut gesehen werden ist alles“ – das Motto von Hellmut Bächle. Fotos: Rücker
„Gut gesehen werden ist alles“ – das Motto von Hellmut Bächle. Fotos: Rücker

Hellmut Bächle ist trotz eines Schlaganfalls der König der Landstraße

Er muss Kilometer bolzen“, bringt Ilse Bächle es auf den Punkt. 45 Jahre lang war ihr Mann Hellmut als Berufskraftfahrer unterwegs. Rund acht Millionen Kilometer legte der 69-Jährige mit großen Brummis zurück. Unvorstellbar, dass sich der Enzweihinger mit dieser Vita einfach so in einen Elektrorollstuhl setzt. Ohne Lenkrad, ohne Leistung unter der Haube. Nach seinem Schlaganfall im Jahre 1997 war bald klar: Bächle braucht einen fahrbaren Untersatz. Mittlerweile schrubbt er mit seinem Elektrofahrzeug „Classic Plus“ bis zu 100 Kilometer pro Tag. Ein wenig aufgemotzt ist das Gefährt natürlich schon: Vom Werkzeugkistenhalter über den Fahrradanhänger mit Stromaggregat bis zur Katalyt-Ofen-Heizung reicht die Sonderausstattung. „Damit kann ich mich austoben“, sagt Bächle, der sich in den letzten Tagen auf eigene Faust an der Suche nach der vermissten Rosa Hetzel im Stromberg beteiligte.

Bis vor zehn Jahren saß Bächle noch hoch oben im Führerhaus seines Brummis. Es war im Dezember 1997, als sich der große Schlaganfall mit einem „Streiferle“ ankündigte. An jenem Samstagmorgen hatte der Trucker eine Ladung aus Mailand geliefert und seinen Lkw wieder gefüllt. Am Abend brach er auf einer Weihnachtsfeier beim Kegeln besinnungslos zusammen. „Ich kann mich noch ans Kegeln erinnern und dass mir schlecht geworden ist“, sagt der Enzweihinger. Bächle wurde nach diesem „Streiferle“ ins Ludwigsburger Krankenhaus eingeliefert. Am Dienstagabend streckte ihn dort ein Hirnschlag nieder. Die Bettnachbarn erzählen später, dass Bächle sich aus seinem Bademantel, der hinter der Türe hing, Zigaretten habe holen wollen. Dort brach er mit einer Hirnblutung zusammen. Als Ilse Bächle am nächsten Tag mit einer der drei Töchter zu Besuch kommt, ist sie völlig ahnungslos: „Kein Mensch hat uns etwas gesagt.“ Hellmut Bächle erkennt weder Frau noch Tochter. Heute erinnert er sich noch an den Schlag gegen sein Ohr, den der Krankenhausarzt ihm nach dem Kollaps unabsichtlich mit der Türe versetzte. Und an ein Gefühl, als „würde eine Flipper-Kugel im Kopf herumsausen“.

Bei einer späteren Untersuchung stellte sich heraus, dass beide Halsschlagadern zu über 60 Prozent verstopft waren. Bächles linke Körperseite ist zunächst vollständig gelähmt. Langsam bessert sich sein Zustand. In einer Reha-Klinik wird Bächle eines nachts mit einem Leintuch fixiert, was ihn derart ärgert, dass er sein linkes Bein aus der Stoff-Fessel zerrt. „Das hat ganz arg weh getan, aber ab da konnte ich das Bein strecken.“ Doch bis heute plagen den siebenfachen Großvater Missempfindungen an der betroffenen Körperhälfte, den linken Arm kann er nicht bewegen.

Anfang März 1998 wird Hellmut Bächle entlassen. Die Halsschlagadern werden kurz darauf im Vaihinger Krankenhaus operativ gereinigt. „Das haben sie wunderbar gemacht.“ In der ersten Zeit daheim ist Hellmut Bächle recht depressiv gewesen. Der Mann, der sonst in Europa unterwegs war, konnte ohne seine Frau nichts unternehmen. „Schlaganfallpatienten sind außerdem sehr sensibel und weinen häufig“, sagt Bächle. Neuen Auftrieb brachte dem Paar die Selbsthilfegruppe des Landesverbands Aphasie und Schlaganfall Baden-Württemberg, die sich in Ludwigsburg trifft. Immens wichtig sei auch die Gruppe „Sport nach Schlaganfall“ des Männerturnvereins Ludwigsburg. Die Fortschritte kosten viel Training und Selbstüberwindung. Inzwischen kann Bächle rund zwei Kilometer am Stück gehen.

Mit seinem ersten Elektromobil, einem dreirädrigen Elektroscooter, begann 1999 die Ära der neuen Mobilität. Bächle: „Ich muss fahren, des isch im Blut.“ Doch der Elektromotor erwies sich sogar für den Kornberg als zu schwach. „Jetzt hat er den Ferrari“, lacht Ilse Bächle mit Blick auf das derzeitige Gefährt. Rund 15000 Euro haben die Bächles in die Elektrokutsche investiert, von der Krankenkasse gab es hierfür keine Zuschüsse mehr. „Es hat Nerven gekostet, das alles auszutüfteln“, erinnert sich die Gattin beispielsweise an Versuche mit Heizlüftern, die der Belastung nicht standhielten. Jetzt heizt ein Katalyt-Ofen aus der Campingbranche die Fahrer-Kabine. Mit 15 Kilometern pro Stunde und Mopedkennzeichen darf Bächle über Straßen und Feldwege fahren. Die Fahnen sorgen für gutes Gesehenwerden, betont der Fernfahrer.

Beseelt vom fast unbegrenzten Fahrvergnügen heizt Bächle mit einem PS durch die Lande. Die Gelbatterien unter der Haube begrenzten zunächst die Fahrstrecke auf 60 Kilometer. Dank Stromaggregat und Ladegerät fließt der Saft jetzt aber ohne lange Ladepause. Im Sommer erkundete Bächle mit seinem Unikat den Neckartal-Radweg. Und sobald es mit dem selbstständigen Anziehen besser klappt, macht er sich mit seinem Mobil auf in Richtung Bodensee: „Dann bin i fort.“

Sabine Rücker


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