Was macht einer, der schon „auf der ganzen Welt rumzigeunert“ ist, im Ruhestand? Ganz klar: weiter durch die Welt ziehen.
So hält es der ehemalige Ochsenbacher Schwanenwirt Herbert Merkle, der kurzerhand den Ruhestand zum Unruhestand erklärt. Eigentlich hätte er auch daheim im Sachsenheimer Stadtteil genug zu tun. Doch den 64-Jährigen lockt nach wie vor die Ferne. Seit diesem Jahr ist er als Senior Experte (siehe Info) unterwegs und leistet im Ausland Hilfe zur Selbsthilfe.
Im Frühjahr führte ihn sein erster ehrenamtlicher Einsatz ins Hotel Sajachat in Uralsk, einer Stadt im asiatischen Teil von Kasachstan. Dort sollte der altgediente Gastwirt und Küchenmeister in einem Hotel mit rund 70 Mitarbeitern helfen, Arbeitsabläufe zu verbessern und an internationale Standards anzupassen.
„Da stehst du dann in der Küche, mit Frauen drumrum, die wissen wollen, was sie tun sollen“, schildert Merkle seinen Einsatz. Dabei erwischte ihn ein Problem kalt, das er eigentlich nicht kennt: eine Sprachbarriere. Mit Englisch, Französisch, Afrikaans, Schwedisch und Spanisch hat der Vielgereiste kein Problem, doch Russisch gehörte bis dato nicht zu seinem Repertoire. Aber, meint Merkle gut gelaunt, „wenn du ’reingeschmissen wirst, dann lernst du einfach Russisch“.
Vier Wochen lang stand der Ochsenbacher den Kasachen zur Seite, regte beispielsweise eine Spielecke für Kinder an und eine Verbesserung der Bedienung der Gäste. Doch auch für den abgebrühten Küchenchef gab es einiges zu staunen. Aus wenigen Grundprodukten wie Zwiebeln, Kürbis, Kartoffeln und Möhren zaubern die ungelernten Kräfte in der kasachischen Küche allerhand Köstliches. Merkle: „Es war für mich erstaunlich zu sehen, was die Frauen in der Küche für eine große Auswahl von sehr guten Gerichten immer wieder frisch daraus zubereiteten.“ Nachdem die ersten russischen Fachwörter saßen, „war es für mich eine Freude, mit diesen freundlichen, aufgeschlossenen und wissbegierigen Menschen zu arbeiten“, so der Profi weiter. Fische nicht nur mit Gräten in Scheiben zu schneiden, sondern zu filitieren, Grundsoßen anzusetzen, Anrichteteller vorzuwärmen, Gerichte zu dekorieren und das Frühstücksbüfett zu verbessern waren die Hauptaufgaben, die gemeinsam abgearbeitet wurden.
Beim emotionalen Abschied wurde dem Ochsenbacher dann eine besondere Ehre zuteil: Er wurde ehrenhalber zum Stammesfürsten, dem Khan, gekürt. Er habe mindestens genauso viel gelernt, wie er den Menschen dort beigebracht habe, sagt Merkle. Auf Wunsch musste er die Küchendamen in die Zubereitung eines typisch deutschen Gerichts einweihen. Seitdem werden in der kasachischen Küche wohl hin und wieder Spätzle geschabt.
Merkle wurde die Leidenschaft für die Essenszubereitung offensichtlich in die Wiege gelegt. Die Großeltern hatten um das Jahr 1920 die Gastwirtschaft „Schwanen“ im Herzen von Ochsenbach eröffnet. Die Eltern Liese und Otto führten das Gasthaus fort, und Herbert lernte in der Schwanen-Metzgerei zunächst das Metzgerhandwerk. Eine Lehre als Koch folgte, nach deren Abschluss „Reisen um die ganze Welt“ angesagt waren. Bei diesem so genannten Job-Hopping wird in vielen Ländern in die Kochtöpfe geschaut und mitgekocht. Wieder in Deutschland hat Merkle die Küchenmeisterprüfung absolviert, war danach stellvertretender Direktor eines Steigenberger Hotels und übernahm 1974 schließlich die Ochsenbacher Gastwirtschaft von seinen Eltern.
Gemeinsam mit Ehefrau Gerlinde und den beiden Söhnen blieb er seiner Reiselust treu. Aus aller Herren Länder brachten die Eheleute Rezepte und Ideen für ihren „Schwanen“ mit. Beispielsweise hielt auf diese Weise ein südafrikanischer Trüffel Einzug ins Ochsenbacher Restaurant und bald boten die Merkles nicht nur karibische Wochen, sondern auch eine südafrikanische Trüffelwoche an.
Mit Suppen, Soßen, Ragouts und Fonds, die selbst gekocht und in Dosen abgefüllt wurden, schaffte sich der findige Küchenmeister in den 80er Jahren ein zweites Standbein.
Seit 2008 ist das Restaurant „Schwanen“ nun geschlossen. Durch einen befreundeten Hotelier erfuhr Merkle von der Sache mit den Senior Experten. Am Sonntag startet Merkle gemeinsam mit Gattin Gerlinde, die inzwischen auch Senior Expertin ist, nach Rumänien. „Wir sollen dort die Eröffnungsphase eines Hotels mitgestalten“, sagt der Ruheständler.
Was ist eigentlich die Leibspeise von jemandem wie Herbert Merkle? „Schlachtplatte und Rostbraten“, sagt er ohne Zögern. Gut durchgewachsen vom Hochripp, scharf angebraten, mit Zwiebele, die in Butter brutzeln durften. Dazu gehört für Merkle unbedingt „das Bauernbrotknäusle und Ebirasalat, sche schlonzig“. (sr)
