Bis zum 17. Juli 2005 war das Handy von Ulrike Stalder immer aus. An jenem Sonntagmorgen schaltet sie das Mobiltelefon ein. Wieso? Sie weiß es nicht. Um 10 Uhr kommt der Anruf, der alles verändern wird: „Du Ulli, den Helmut hat’s geschmissen.“ Seit jenem Motorradunfall ist Ulrike Stalders Mann Helmut, Vater ihrer drei Kinder, nicht mehr der, der er war. Aus dem schaffigen Zimmerermeister ist ein Wachkoma-Patient geworden.
Im Teenageralter lernen sich Helmut und Ulrike kennen. Beide sind erst vor Kurzem mit den Eltern nach Hohenhaslach gezogen. Treffpunkt ist damals der Bunker, ein Keller im Gasthaus Ochsen. In der Clique ist auch Roland Wirth. Der Typ hat einen wilden Helm, der noch an Bedeutung gewinnen soll. Nach der Schule beginnt Helmut Stalder eine Ausbildung zum Zimmerer. Die Arbeit und die Tradition der Zimmerleute, „das war sein Ding“, sagt Ulrike Stalder. Sie selbst lernt Arzthelferin. Schon im Juni 1981 verloben sich die beiden, fünf Jahre später wird geheiratet. Das Paar lebt einige Zeit in Poppenweiler, um die Anfahrt zum Arbeitsplatz zu verringern. 1992 zieht es die junge Familie wieder nach Hohenhaslach zurück. Ein altes Haus haben sie gekauft. „Wie alt, da müsste ich meinen Mann fragen, der wüsste das sofort“, sagt die 45-Jährige. Der junge Familienvater schafft: Beim Arbeitgeber in Kornwestheim, im Nebenberuf selbstständig und auf der Baustelle des eigenen Hauses. Tochter Franziska, heute 22 Jahre alt, und Sohn Björn, heute 20, sind beim Umbau oft mit dabei. 1997 macht sich der Zimmerermeister mit einer Werkstatt am Haus selbstständig. Zwei Gesellen gehören zum Betrieb. Jakob, heute 13, wird geboren. „Friede, Freude, Eierkuchen, so wie es sein soll“, sagt Ulrike Stalder über diese Jahre.
Helmut Stalder, heute 46, hatte den Motorradführerschein erst eineinhalb Jahre vor dem Unfall gemacht. Motorradfahren, das war sein Ausgleich zum Alltag. Seine Maschine, eine „Buell“, war etwas Besonderes. Stalder wird erster Vorsitzender der Motorradfreunde Hohenhaslach. Das Vereinsheim „Zweirädle“ wird federführend von ihm mit aufgebaut. Und auch Roland Wirth, genannt Pande, ist bei den Motorradfreunden dabei. Der Helm mit den Kuhhörnern fährt bei Ausfahrten festgezurrt auf dem Motorrad mit.
Ulrike Stalder kann die Begeisterung fürs Zweirad weniger teilen und widmet sich lieber im Sportverein der Laufgruppe. Am 17. Juli 2005 ist sie mit den Kindern daheim. Helmut Stalder ist mit seinen Motorradfreunden zu einer Ausfahrt aufgebrochen. Irgendwo bei Heilbronn kommt es zu dem Sturz. Ulrike Stalder war nie am Unfallort, es hätte ihr nichts gebracht, sagt sie. Eine Kuppe, dahinter eine Kurve, keiner weiß genau, wieso es passiert ist. Viel Fahrtraining habe es beim Club immer gegeben. Und trotzdem: „Vermutlich hat er falsch reagiert“, sagt Ulrike Stalder. Ihr Mann prallt mit dem Kopf an den einzigen Pfosten weit und breit. Davon zeugen weniger die äußeren Verletzungen von Helmut Stalder, sondern Farbreste an Helm und Pfosten.
Der Notarzt meldet sich vom Unfallort telefonisch bei Ulrike Stalder in Hohenhaslach. Ihr Mann sei relativ rasch komatös gewesen. Der Arzt fragt mögliche Vorerkrankungen ab, man warte auf den Rettungshubschrauber. Ulrike Stalder und ihr Sohn Björn fahren los und kommen noch vor dem Hubschrauber im Katharinenhospital in Stuttgart an. Mutter und Sohn hören, wie der Helikopter landet, dürfen aber erst Stunden später den Ehemann und Vater sehen.
Einen Ehevertrag hatte das Paar mit der Selbstständigkeit abgeschlossen. Der Betrieb lief auf ihn, das Haus gehörte ihr. „Das war nach dem Unfall ein Riesenproblem“, erinnert sich die Hohenhaslacherin. Sie darf das Geld der Unfallversicherung nicht zum Abbezahlen der Schulden vom Haus nutzen. Erst, nachdem das Gericht einen Zwischenbetreuer bestellt, kann sie über das Geld verfügen. Durch Glück, Zufall oder Vorsehung hat Helmut Stalder im Juli 2005 zwei Unfallversicherungen. „Wenn das nicht wäre, hätte ich vermutlich das Haus nicht mehr“, sagt Ulrike Stalder.
Knapp 4000 Euro pro Monat kostet die Pflege im Robert-Breuning-Stift in Besigheim, in dem ihr Mann seit rund fünf Jahren ist. Stalder: „Die Pflegeversicherung zahlt davon 1279 Euro.“ Den Rest übernehmen die Unfallversicherungen. Seit einer Gesetzesnovelle vor drei Jahren müsste auch die Krankenversicherung einen Anteil an diesen Kosten zahlen, sagt Stalder. Aber: „Die stellen sich quer.“ Ulrike Stalder strebt nun vor dem Sozialgericht ein Grundsatzurteil an. Die Frau des Wachkoma-Patienten hat ihre Geschichte schon öfter für die Medien erzählt. Dabei sei sie eigentlich kamerascheu. „Aber ich finde wichtig, dass die Gesellschaft die Leute nicht vergisst“, sagt sie. An den Schädel-Hirn-Patienten werde unheimlich gespart, obwohl gerade die Förderung bräuchten.
Im Katharinenhospital erfährt Ulrike Stalder im Sommer 2005, dass bei ihrem Mann mehrere Hirnblutungen festgestellt wurden. In den sechs Wochen, die ihr Mann Helmut dort verbringt, wird ihr immer wieder Mut gemacht. Hoffnung begleitet jeden Besuch, „vielleicht schwätzt er jetzt“. Ein Schwebezustand für die Ehefrau. Heute sagt sie: „Mein Mann liegt im Prinzip so da, wie nach dem Unfall.“ Ein wenig Kommunikation sei über seinen Lidschluss möglich. Wachkoma nennt der Volksmund den Zustand, den Ärzte als Apallisches Durchgangssyndorm bezeichnen. Helmut Stalder befindet sich in einer besonderen Welt. Während die Körperfunktionen wie beispielsweise die Atmung, Verdauung und der Kreislauf gut funktionieren, ist das Bewusstsein nahezu verloren gegangen. Vergleichbar vielleicht mit einem Säugling, meint seine Frau.
Was er noch kann, ist Menschen und Dinge mit den Augen fixieren, „aber nur bestimmte Leute und wenn er Lust hat“, sagt Ulrike Stalder. Er knirscht mit den Zähnen und verzieht das Gesicht, wenn er zum Beispiel unbequem liegt. Wenn sein Kumpel Pande mit dem Helm kommt, wird er ausgiebig gemustert.
Nach sechs Wochen im Katharinenhospital kommt Helmut Stalder in die Rehaklinik nach Neresheim bei Heidenheim. Mehrere Wochen gehen ins Land, bis ein Arzt zu Ulrike Stalder sagt, dass ihr Mann nie wieder arbeiten kann. Das Ausharren im Schwebezustand ist beendet. „Nachdem ich wusste, dass er nie mehr arbeiten kann, konnte ich reagieren“, sagt sie. Schweren Herzens löst sie den Betrieb auf, den sie gemeinsam mit ihrem Mann aufgebaut hatte. Im Dezember 2005 gilt Helmut Stalder in Neresheim als austherapiert und kommt in das Robert-Breuning-Stift nach Besigheim. „Ich bin täglich dort, auch wenn’s nur kurz ist“, sagt sie, „mir geht es nur gut, wenn es ihm gutgeht.“ Ihr Anwalt hätte ihr nach dem Unfall geraten, sie solle sich scheiden lassen. Das hätte die finanziellen Fragen vereinfacht. „Das war gar nie ein Thema für mich“, sagt Stalder. Der Spruch „in guten wie in schlechten Zeiten“ habe eben doch Gültigkeit. Es sei keine Beziehung mehr wie zu einem Partner, „sondern wie zu einem Kind, das ist aber fast noch mehr“. Sie würde ihrem Helmut gegenüber kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich neu verlieben würde, „aber ein neuer Partner müsste meinen Mann mit akzeptieren“. Stalder ist sich sicher: „Mein Mann weiß, dass er sich auf mich verlassen kann.“ Sie lässt daran keinen Zweifel und sagt: „Ich pass auf.“
In ihrem eigenen Leben haben sich einige Dinge verschoben. „Geld ist nicht mehr so wichtig“, sagt sie. Und sie plane gar nichts mehr. Sie ist inzwischen überzeugt, dass „irgendeiner oder irgendetwas da ist, der lenkt. Es gibt keine Zufälle“. Alles habe einen Sinn.
In den zwei Jahren vor dem Unfall habe ihr Mann immer wieder über ein Fremdkörpergefühl am Hals geklagt – an der Stelle, an der heute eine Kanüle in die Luftröhre führt. Einmal sei er nachts aufgeschreckt und hat über einen heftigen Stich geklagt – an der Stelle, an der am Unfallort die Lungendrainage gelegt wurde.
Hoffnung auf Besserung für seinen Zustand hat sie nach den fünfeinhalb Jahren nicht mehr. Gemeinsam mit einer weiteren Angehörigen hat Ulrike Stalder die Regionalgruppe Besigheim des Vereins Schädel-Hirnpatienten in Not gegründet. Das nächste Treffen ist am 19. März um 13 Uhr im Robert-Breuning-Stift. Interessierte sind herzlich willkommen.
Roland Wirth ist einer der wenigen Kumpel, die Helmut Stalder regelmäßig besuchen. Der Erkennungshelm galt einige Zeit als verschollen (wir haben berichtet). Durch den Artikel in der VKZ wurde eine Leserin aufmerksam und der Helm fand über einige Ecken wieder zu Roland Wirth zurück. Beim nächsten Besuch auf der Wachkoma-Station ist er bestimmt dabei.
Informationen zum Verein Schädel-Hirnpatienten in Not bei Ulrike Stalder,
Telefon: 0 71 47 / 22 04 80
