Seit 39 Jahren Schulleiterin in Roßwag
Zarte Kinderstimmchen erklingen im Roßwager Schulhaus. Warm wird’s Passanten ums Herz, wenn die alte Volksweise „Kein schöner Land in dieser Zeit“ durch die Sprossenfenster dringt. Die Kleinen üben für die Abschiedsfeier von Elke Alberts. Seit 39 Jahren ist sie Schulleiterin in dem „zuckerpuppigen Hexenhäuschen“. Diese Zeit sei für eine Schulleiterfunktion ein „unbedingt exzeptioneller Rekord“, sagt Schulamtsdirektor Michael Karle. Vermutlich ist das nicht einmal bundesweit zu toppen.
Am Montag wird die 64-Jährige offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Diese süße Schule zu verlassen, breche ihr „schier das Herz“. Sie hat in dem Vaihinger Stadtteil Spuren hinterlassen. Mittlerweile unterrichtet sie schon die Kinder ihrer einstigen Schüler. Mit Spitzenvorhängen, Blumenkästen und restaurierten Möbeln unterstrich Alberts die heimelige Atmosphäre im Schulhaus. Seit ihrem Amtsantritt im Jahr 1970 wohnt die Rektorin nur wenige Meter von der Schule entfernt – und das wird wohl auch so bleiben: „Ich glaube, dass ich hier am besten aufgehoben bin.“
Dabei ist sie eine Berliner Göre. Geboren zwar unter dramatischen Umständen in Pommern, doch aufgewachsen in Berlin. Ihr Schulweg führte durch die zerbombte Stadt, „auf der einen Seite waren nur Ruinen, auf der anderen Seite der botanische Garten“. Für die Kinder der Nachkriegszeit ein Abenteuerspielplatz. Alberts: „Ich war so dünn, dass ich durch die Stäbe des Zauns vom botanischen Garten passte und immer den Ball wieder holen musste.“ Bis zu ihrem 17. Lebensjahr war die Metropole ihre Heimat. Der Vater war inzwischen gestorben und auf der Suche nach Arbeit wurde ihre Mutter in Karlsruhe fündig. „Ich bin sehr ungern von Berlin weg“, erinnert sich die Schulleiterin heute, „es war die Zeit des Rock’n’Roll und in Berlin war schwer was los.“
Doch das Heimweh verblasste und nach dem Abitur verbrachte Alberts ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Amerika. Wieder zurück in Deutschland begann sie ein Studium im Dolmetscher-Institut in Heidelberg. Aber die älteren Semester rieten ab: keine Zukunftsaussichten. Schließlich studierte sie Lehramt für Grund- und Hauptschule an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Im Schwäbischen waren Lehrer gesucht und im Jahr 1970 trat sie ihren Dienst an der Grund- und Hauptschule in Vaihingen an. „Nach acht Wochen hieß es, dass in Roßwag kein Lehrer aufgetaucht sei“, sagt Alberts. Auf einer „ganz komischen Schiene“ sei sie in die Position der Schulleiterin gerutscht.
Nicht einmal ihre zweite Dienstprüfung habe sie zu der Zeit gehabt. Doch der Schulrat habe sich für sie entschieden. Von da an unterrichtete sie die 45 Kinder der 1. und 2. Klasse und leitete die Schule. Die Klassen 3 und 4 waren damals nach Großglattbach ausgelagert, wo Alberts ebenfalls Unterricht hielt.
Nun bestand eine gewisse sprachliche Barriere, Berliner Schnauze prallte auf Roßwager Schwäbisch. Schon am allerersten Tag ihres Schuldienstes ergoss sich ein Redeschwall auf die junge Frau, dessen näherer Sinn sich ihr nicht erschloss. „Der damalige Haus- und Fronmeister Willy Böhringer kam mit einem Korb voll Trauben“, so Alberts. Dass er es gut mit ihr meinte, das konnte sie trotzdem verstehen. Allen unschönen Vorurteilen zum Trotz habe sie die Schwaben als herzlich und großzügig erlebt.
Sprachliche Annäherung
erfolgte Stück für Stück
Unvergessen bleiben ihr Aufsätze, in denen von Zibeben oder Ebiren die Rede war. Nachbarin Klara Böhringer half beim Übersetzen. Die Roßwager Schüler gaben ihrer Lehrerin Rätsel auf, wenn sie von ihrer Dote erzählten oder jemand sagte, er nehme „den Teppich mit ins Schwimmbad“. Auch das Schwäbische „auf die Bühne gehen“ ließ die Berlinerin anfangs ratlos zurück. Die Kinder wiederum erzählten daheim, dass ihre Lehrerin so spricht, wie die im Fernsehen. Gemeinsam mit ihren Roßwager Helfern erfolgte Stück für Stück die sprachliche Annäherung. „Die Roßwager waren so nett“, schwärmt Alberts.
Überhaupt sei das Besondere an dem Dorf, dass ganz tolle Eltern immer engagiert waren und mitgearbeitet haben. „Wir haben immer mit dem Dorf unterrichtet, nicht über die Köpfe hinweg“, so Alberts. Das zeigte sich schon im Jahre 1972, als die Schule vor ihrer Auflösung stand. „Die Eltern wurden aktiv, es ging politisch hoch her“, sagt Elke Alberts. Das Engagement zeigte Erfolg. Zwei Jahre später wurden wieder alle vier Klassen in Roßwag unterrichtet. Heute besuchen 64 Kinder den Unterricht in dem Gebäude aus dem Jahr 1848. Momentan sei die Schülerzahl ausreichend. Im Schuljahr 2010/2011 könnte „aber wieder die Sorge kommen, dass es zu wenig Schüler sind“, so Alberts. Was sie tun wird, wenn der Schuldienst Vergangenheit ist? Zunächst viel reisen, auch um einen räumlichen Abstand zur Schule zu bekommen. Mit dem Fahrrad nach Köszeg fahren, Mexiko und Südafrika entdecken und sich sozial in der Entwicklungshilfe engagieren stehen auf der Agenda.
Rückblickend seien die meisten Tage entzückend gewesen. Nur der endlose Verwaltungswust, der seit einiger Zeit auf die Schule einströme, „nimmt einem die Leichtigkeit und lässt den Kopf nicht frei für die eigentlich pädagogische Arbeit“. Erziehung, das sei Vorbild und Liebe, man müsse einen herzlichen Draht zu den Kindern haben. „Es waren immer auch ein bisschen meine Kinder“, sagt Rektorin Elke Alberts.
Ihre zweite Dienstprüfung hat Alberts schon Anfang 70er Jahre abgelegt. Aber: „Das Wichtigtste, das ich in meiner Schulzeit gelernt habe, ist auf den Fingern zu pfeifen.“ Schlagartig still sei es dann selbst im größten Tohuwabohu.
Im Klassenzimmer üben derweil die Kinder. Am Montag werden sie ihrer Schulleiterin das alte Volkslied vortragen: „...dass wir uns hier in diesem Tal, noch treffen so viel hundertmal...“ (sr)
