Freitag, 10. September 2010

Schwester Hanna 100 Jahre alt


Johanna Faigle

Es ist kaum zu glauben. Die Frau, die da kerzengerade und voll konzentriert neben dem Klavier sitzt, soll hundert Jahre alt sein. 1909 geboren. Vor einer kleinen Ewigkeit. Johanna Faigle aus Horrheim feiert heute ihren großen Ehrentag. Und es muss nicht groß spekuliert werden: Sie wird sich vor Gratulanten kaum retten können, hat sie doch ganze Generationen von Horrheimer Buben und Mädchen durch ihre Kindergartenzeit begleitet: Schwester Hanna war von 1942 bis 1972 für das „Kinderschüle“ der Gemeinde zuständig.
„Des isch a ganz liebe Frau“, sagt der Horrheimer Getränkehändler, der einst selbst die Erziehung von Johanna Faigle genossen hat. Ihren Geburtstag hat er natürlich im Kopf, wie viele andere aus dem Ort auch. Heute Abend können alle, denen es danach ist, nach einem Dankgottesdienst, in der evangelischen Kirche (Beginn 18.30 Uhr) im Gemeindehaus bei einem Glas Sekt der Jubilarin gratulieren und mit ihr von alten Zeiten schwärmen. Der Gottesdienst wird übrigens von einem Neffen gehalten; er ist in Berlin Oberkirchenrat. „Es isch schön, dass der Kopf au no soweit mittut“, lacht Johanna Faigle. Und wie der Kopf, auf dem wie selbstverständlich die Diakonissenhaube sitzt, mittut! Viele Anekdoten von früher kann sie einfach abrufen. Sie erinnert sich zum Beispiel noch an das erste Auto, das vor gut 90 Jahren durch Horrheim gefahren ist.
Am 14. Januar 1909 kam sie als sechstes von acht Kindern (zwei Schwestern und fünf Brüder) in Horrheim zur Welt. Inzwischen zählt sie zu den drei ältesten Einwohnern Vaihingens (drei Frauen sind über 100 Jahre alt). Schon mit fünf Jahren war Johanna Faigle Halbwaise, denn der Vater starb im Ersten Weltkrieg. In Horrheim ging sie auf die Volksschule und besuchte dann drei Jahre die Arbeitsschule in Vaihingen: „Mit dem Fahrrad bin ich jeden Tag hin geradelt.“ Bei Bleyle in Ludwigsburg verdiente sie das erste Geld. Ihre Liebe zu Kindern zog sie in den Kindergarten, wo sie als Helferin tätig war. Die dort tätigen Schwestern haben einen so nachhaltigen Eindruck auf sie hinterlassen, dass sie 1940 ins Mutterhaus Großheppach eingetreten ist und sich zur Erzieherin ausbilden ließ. Erste Anstellungen fand sie in Kinderkrippen in Stuttgart und Korntal. Ab 1946 übernahm Johanna Faigle die Leitung des evangelischen Kindergartens in ihrer Heimatgemeinde, der nur wenige Meter von ihrem Elternhaus in der Pfarrgasse (heute Findeisenstraße) entfernt lag. 80, 90 Kinder hat sie mit wenigen Helferinnen in dem kleinen Haus betreut; unvorstellbar für heutige Verhältnisse. Wenn es unruhig wurde in der Meute, habe sie halt Gymnastik angeordnet, schmunzelt Johanna Faigle. „Es ist immer alles gut gegangen“, wundert sie sich im Rückblick und ist froh darüber.
Ohne Putzfrau musste sie über die Runden kommen, sogar das Brennholz wurde selbst gespalten. Als dann 1972 der neue Kindergarten gebaut war, hätte es Bürgermeister Rudolf Strom zwar gerne gesehen, wenn sie auch dort noch tätig geworden wäre. Auch als Dankeschön für die vielen Jahre im alten Schüle. „Aber mit fast 64 wollte ich dann doch nicht mehr“, gibt sie zu.
Schwester Hanna hat sich ganz anderen Dingen gewidmet, unter anderem die Lust am Reisen entdeckt. Sechsmal war sie in Amerika. Warum Amerika? Dorthin sind einst vier ihrer Geschwister ausgewandert. Zu den Familien hält sie engen Kontakt. An eine Schifffahrt auf dem Golf von Mexiko erinnert sie sich noch genau: „Allen ist es schlecht geworden; mir hat es überhaupt nichts ausgemacht.“ Einmal ist sie direkt aus den Staaten mit einem kurzen Zwischenstopp in Frankfurt nach Kenia geflogen. In Afrika arbeitete damals ein Neffe von ihr. Ansonsten war sie jedoch lieber in ihrem Gemüsegarten hinter dem Türmle und hat sich um ihre Tomaten gekümmert. Die langen Reisen wagt sie inzwischen nicht mehr; aber in den letzten beiden Wintern war sie immerhin noch in Südtirol.
 Mit der Gartenarbeit ist es inzwischen etwas beschwerlich geworden. Das hat die Seniorin aufgegeben. Und auch das Singen; 80 Jahre im Frauenchor sollten genug sein. Doch auf den „Enz-Boten“ kann sie nach wie vor nicht verzichten, der gehört zum Tagesablauf dazu. Auch bei ihr ist es so, dass die Todesanzeigen zuerst gelesen werden. Sonst interessiert sie sich für alles – sogar für den Sport. „Die Bayern werden wohl wieder Fußballmeister werden“, ist sie sich relativ sicher.
„Ich bin so froh, dass ich fast alles noch alleine erledigen kann." Aus Johanna Faigle spricht große Dankbarkeit. Ihre Nichte, mit deren Familie sie zusammen wohnt, kann das nur bestätigen. Ohne ernsthafte Krankheit kam die Jubilarin durch das Leben. „Den Doktor sehe ich nur sonntags in der Kirche“, lacht sie. Ein Schlückchen Horrheimer Wein trinkt sie immer noch gerne zum Abendessen. „Aber höchstens a Achtele.“
Was sind die Charaktereigenschaften der 100-Jährigen? Da hilft die Nichte aus: „Ihr Einsatz für Arme, Benachteiligte und Tiere.“ Ganz nach ihrem großen Vorbild Albert Schweitzer. Der hat übrigens auch heute Geburtstag. Albert Arning


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