Freitag, 10. Februar 2012

Sandra Schuster aus Gündelbach hilft Straßenkindern


Sandra Schuster unterrichtet in der Heimschule. Foto: p
Sandra Schuster unterrichtet in der Heimschule. Foto: p

Es sind die Kinder, die es Sandra Schuster aus Gündelbach angetan haben. „Sie sind schmutzig und verlaust, aber wenn man sich mit ihnen beschäftigt, merkt man, wie wertvoll sie sind“, sagt die 30-Jährige. Die Straßenkinder der philippinischen Insel Cebu sind ihre „Edelsteine im Staub der Straße“. In den Straßen von Cebu City sind die kleinen Überlebenskünstler zu Hause. Charmant, gewieft, flink und geschickt im Klettern müssen sie ihren Tag meistern. Schon die Sechsjährigen passen auf jüngere Geschwister auf und tragen sie mit sich herum.
Häusliche Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung sind nur einige der Gründe, weshalb manche der Kleinen aus einem ärmlichen Elternhaus flüchten. Häufig sind zwar Verwandte da, bei denen nachts geschlafen wird, doch die Familienverhältnisse sind oft verwirrend und keiner kümmert sich um den Nachwuchs. Tagsüber sind die Straßenkinder auf sich allein gestellt und manche schlafen auch nachts auf der Straße.
Zwischen dem Unrat, den Verkehrslawinen und dem Gestank der 800000-Einwohner-Stadt quält sich jeden Tag der Bus der Hilfsorganisation Christ for Asia (CFA) hindurch. Einmal pro Woche ist Sandra Schuster bei dem Team dabei. „Die Straßenkinder wissen, dass wir kommen. Wenn die unseren Kleinbus sehen, sagen sie den anderen schnell Bescheid“, erzählt die Gündelbacherin. Dann bricht Jubel und Geschrei unter der jugendlichen Meute aus. Denn das Team bringt nicht nur eine warme Mahlzeit für die Kinder der Straße, sondern schenkt ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. Schuster: „Dann wird geredet, gesungen und gespielt. Wir zeigen ihnen, dass sie wichtig sind.“ Zimperlich dürfe man dabei nicht sein. Parasiten und Krankheiten gedeihen in den Elendsvierteln, im Gegensatz zu den Kindern, hervorragend.
Manche der Kinder möchten mit in das Heim, das die christliche Organisation CFA am Rande der Stadt betreibt. Doch mit 65 Kindern sind dessen Kapazitäten nahezu erschöpft. Zwischen sechs und 21 Jahre alt sind die Heimbewohner. Es sind ungefähr gleich viele Mädchen und Jungen, die aus Platzproblemen in verschiedenen Gebäuden untergebracht sind. In der Heimschule und bei der Einzelbetreuung unterrichtet Sandra Schuster als Lehrerin. Schuster: „Die Unterrichtssprache auf den Philippinen ist Englisch.“ Philippino sei die offizielle Amtssprache, Cebuano ist der Dialekt der Bevölkerung. Englisch und Philippino lernen die Kinder in der Schule und teilweise beim Fernsehen.
Der Aufenthalt im Heim ist freiwillig. Wer durchhält darf bleiben, „bis die schulische Ausbildung abgeschlossen und ein selbstständiges Leben möglich ist“. Doch manche machen sich bald wieder aus dem Staub. „Keine Drogen, kein Alkohol und keine Zigaretten, das sind die Regeln im Heim“, zählt Schuster auf. Nicht einfach für die jungen Menschen, die ihren Hunger in den Straßen der Stadt mit Schnüffeln von Klebstoff und anderen Drogen betäuben. Schuster: „Die Mehrheit bleibt, häufig sogar, bis ihre Berufsausbildung abgeschlossen ist.“ Dass die junge Frau aus Gündelbach ausgerechnet auf den Philippinen gelandet ist, sieht die überzeugte Christin weniger als Schicksal, sondern als Berufung.
 Im Jahr 2006 hatte sie ihre Ausbildung zur Grund- und Hauptschullehrerin abgeschlossen. Es sei ihr schon immer klar gewesen, dass sie anderen Menschen helfen und mit Kindern arbeiten möchte. So setzte sie sich nach Beendigung der Ausbildung an den Computer, tippte „Missionsgesellschaften“ in die Suchmaschine und landete rund um den Globus verteilt unzählige Treffer. „Ich bin auf eine Anzeige gestoßen, in der ein deutsches Missionars-Ehepaar eine Lehrerin für seine Tochter gesucht hat“, beschreibt die 30-Jährige den Beginn ihrer Arbeit auf den Philippinen. Es handelte sich um die Gründer der Organisation CFA. Ein halbes Jahr nach der Ankunft von Sandra Schuster auf der Insel Cebu musste die Missionars-Familie überraschend nach Deutschland zurückkehren. Schuster: „Ich hatte dadurch die Chance, in die Heimschule einzusteigen.“
Rund 30 Mitarbeiter sind in den staatlich anerkannten Kinderheimen und der Heimschule tätig. Zwei Drittel der Mitarbeiter sind Einheimische. Aber auch zwei deutsche Zivildienstleistende und zwei Praktikanten aus Deutschland packen mit an. Und wie wird die Arbeit auf der philippinischen Insel finanziert? Schuster: „Die Arbeit von CFA trägt sich allein durch Spenden. Ich weiß wie der Hase läuft, die Spenden kommen an. Alle Mitarbeiter arbeiten für geringes Geld. Ich selbst werde durch meine Gemeinde, die evangelische Kirchengemeinde Gündelbach, und Freunde finanziell unterstützt, sodass mein Gehalt durch die Spenden abgedeckt wird.“
Es gebe durchaus „sehr tolle Landschaften“ auf der Philippineninsel. Die Gebäude der Organisation liegen allerdings am Rand der Hauptstadt, keinesfalls idyllisch, sondern „es herrscht eine unglaubliche Umweltverschmutzung“. Ab und zu starten die Betreuer mit den Kindern zu einem Ausflug ans nahe gelegene Meer. Doch nach einer 40-minütigen Fahrt durch chaotische Straßenverhältnisse wartet auch dort ein verschmutzter Strand auf die Ausflügler.
 „Hauseltern, Sozialpädagogen, Lehrer und andere Mitarbeiter betreuen die Kinder liebevoll. Die Heilung ihres kaputten Lebens kann beginnen“, sagt Schuster. Zum zweiten Mal erst ist sie seit 2006 daheim in Gündelbach. „Ziemlich stressig“, lautet ihr schelmischer Kommentar, denn Besuche bei Verwandten und Freunden müssen unter einen Hut gebracht werden. „Ich lebe in zwei Welten. Beide sind mein zu Hause“, beschreibt Schuster ihren Zustand, „hier vermisse ich meine Kinder, die Freunde und das Leben dort. Wenn ich auf den Philippinen bin, vermisse ich die Familie und die Freunde hier und die Vorzüge, in Deutschland zu leben.“ Die Eltern in Gündelbach seien ebenfalls in der Kirche engagiert und „verstehen das, was ich mache, sie stehen dahinter“. Doch viele Leute haben kein Verständnis für das andere Leben von Sandra Schuster. Oft aus Sorge um die junge Frau. Denn im warmen Klima der Philippinen fühlen sich Krankheitserreger wohl. Das Denguefieber hat die Frau aus Gündelbach schon überstanden. Zumindest gegen einen der vier Virus-Typen ist sie nun immun. „Ich hab’s überlebt“, sagt sie. Außerdem sei sie außerordentlich gut versorgt worden im fernen Cebu. „Für mich ist es so, dass ich meinen Platz gefunden habe. Die Arbeit erfüllt mich und es ist schön, die Gesichter und Fortschritte zu sehen“, sagt Sandra Schuster.
Mitte Januar fliegt sie wieder zu ihren Kindern nach Cebu. Schuster: „Die Not in der Welt ist groß. Und ich bin mir bewusst, dass meine Arbeit und die Arbeit von CFA nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Aber ich will hinsehen und nicht weg. Es macht mich glücklich, dieser ‚eine heiße Tropfen‘ sein zu können, der im Leben von ein paar dieser Kinder einen Unterschied macht. Je länger ich dort bin, desto mehr entdecke ich, wie wertvoll sie sind.“                                                           Sabine Rücker

Informationen zur Organisation CFA gibt es im Internet unter www.christforasia.info. Bankverbindung: Volksbank Nordschwarzwald – Straßenkinder Philippinen, Bankleitzahl: 64261853, Kontonummer: 6253024. E-Mail an Sandra Schuster unter der Adresse sandra.schuster3@web.de.


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