Donnerstag, 09. Februar 2012

Mit Ökowein ein Lebensziel erreicht


Ilse Häge und ihr Öko-Lemberger in Schützingen. Foto: Rücker
Ilse Häge und ihr Öko-Lemberger in Schützingen. Foto: Rücker

Biologisch erzeugter Wein, der hat seine Liebhaber. „Gell, Sie spritzen ja nicht?“, das hört Ilse Häge, Ökowinzerin aus Schützingen, immer mal wieder von ihren Kunden. Falsch getippt, denn die biologisch bewirtschaftete Rebe wird bisweilen sogar öfter behandelt als ihre konventionelle Schwester. Es kommt darauf an, was gespritzt wird. Und da kennen sich Ilse und Johannes Häge aus Schützingen aus. In ihrem Weingut führt er im konventionellen Anbau die Regie, sie ist die Chefin über den Ökoweinbaubetrieb. Ilse Häge ist in zweifacher Hinsicht eine „Rarität“. Winzermeisterinnen, die gibt es nicht allzu oft, sagt die 51-Jährige. Zudem sei das Weingut Häge in und um Vaihingen das einzige, das Ökowein anbaut und keltert.
In einem Dorf mit 200 Einwohnern im Bodenseekreis ist die Ökowinzerin geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen. Schlepper fahren, das war schon damals ihre Leidenschaft. Gerne hätte sie den Beruf des Landwirts erlernt. Doch für ein Mädchen ziemte sich das nicht, weshalb sich die junge Frau in einem Lehrbetrieb in Emmendingen zur ländlichen Hauswirtschafterin ausbilden ließ.
Dort lernte sie ihren Mann Johannes kennen. Der junge Bursche aus Meersburg stand in der Ausbildung zum Landwirt, wurde schließlich Landwirtschaftsmeister, Ilse Häge wurde Meisterin ländliche Hauswirtschaft. Bald heirateten die beiden und lebten am Bodensee. Auf Schloss Kirchberg beim Markgraf von Baden arbeitete das junge Pärchen auf einem Weingut, dort keimte womöglich das zarte Pflänzchen der Liebe zum Wein. Anfang der 80er-Jahre entschlossen sie sich dazu, mal woanders zu leben. Häge: „Wir wollten uns verändern.“
Auf dem Sonnenhof in Gündelbach fanden sie Arbeit und in Schützingen eine neue Heimat. Das Häuschen in der Illinger Straße in Schützingen, inzwischen ein schmucker Fachwerkbau, war „eine Bruchbude“ und als der Umbau endlich im Jahr 1987 geschafft war, packten die Neu-Schützinger das nächste Abenteuer an: „Wir haben acht Hektar Weinberg gepachtet und unser Weingut gegründet.“ Das sei weniger mutig, sondern vielmehr blauäugig gewesen, sagt Ilse Häge heute und lacht. Inzwischen bewirtschaftet das Paar 5,2 Hektar Rebflächen, 1,6 davon ökologisch. 12000 Liter Biowein pro Jahr werden im Durchschnitt produziert und „wir könnten noch mehr verkaufen“, sagt Häge.
Johannes Häge hatte während der Zeit auf dem Sonnenhof seinen Winzermeister gemacht, Ilse Häge 1994 die Winzermeisterprüfung abgelegt. „Neben der Familie und dem Betrieb war das schon stressig für alle, aber wir haben unheimlich nette Nachbarn, die auf die Kinder aufgepasst haben“, erinnert sich die Winzerin aus dem Illinger Ortsteil.
Alles weitere war die Konsequenz aus einer alten Leidenschaft: „Ökoanbau in jedem Bereich hat mich von Kindesbeinen an fasziniert“, erzählt Ilse Häge. Ihr Mann stand der Idee anfangs eher skeptisch gegenüber, ist mittlerweile aber überzeugt vom Bio-Weinbau. Die erste Pheromon-Gemeinschaft in Illingen wurde auf ihre Initiative hin gegründet. Mit dem biologischem Lockstoff Pheromon gegen die Motte des Traubenwicklers vorgehen, sei heute gang und gäbe. Die Begrünung der Rebgasse war damals revolutionär, und so ließ sich manch’ einer zu einem Kommentar wie „der fällt no rei, mit sei’m grüna Zeugs“ hinreißen.
1994 machten die Häges mit der Idee vom biologischen Arbeiten Ernst und fingen an, die ersten Parzellen nach Ökorichtlinien der Europäischen Union zu bewirtschaften. Durchaus habe sie damals die Angst umgetrieben, ob der Pilzbefall bei den Reben überhand nehmen würde. Falscher und der Echter Mehltau können dem Winzer und seine Pflanzen das Leben schwer machen. In der Tat ging der Versuch im Weinberg in Mühlhausen regelrecht in die Hose. Dort herrscht für den Falschen Mehltau ein derart tolles Kleinklima, dass schnell wieder auf konventionellen Anbau umgestellt wurde. Das sei auch einer der Hauptgründe, weshalb Johannes Häge in den terrassierten Lagen weiterhin konventionell arbeite.
In Schützingen dagegen sei der Versuch ein Erfolg gewesen. Inzwischen werden die Schützinger Flächen der Häges biologisch bewirtschaftet. Chemisch-synthetische Fungizide sind dabei ebenso tabu wie Unkrautvernichtungsmittel und mineralischer Dünger sowie Insektizide.
Dafür rüstet sich der Ökowinzer im Kampf für die Rebengesundheit mit organischem Dünger, bei Ilse Häge landen Stroh und Hornspäne im Weinberg. Eine Gründüngung oder Naturbegrünung belebt die Erde zwischen den Rebstöcken. Mit Substanzen aus der Natur wird den Pilzerkrankungen auf den Reben zu Leibe gerückt.
 Bis zu zehnmal im Jahr werden die Ökoreben gespritzt. In der Mixtur können exotische klingende Verbindungen enthalten sein: Fenchelöl, Netzschwefel, Wasserglas und Vinasse, ein Abfallprodukt der Zuckerherstellung. Nicht zu vergessen Kupfer sowie Frutogard, ein Mittel, das Braunalgenextrakte enthält und in diesem Jahr besser als die Mittel des konventionellen Anbaus gewirkt habe.
Für die dreifache Mutter Ilse Häge ist der Ökoweinbau eine Art Philosophie: „Ich mache das aus Gründen der Erhaltung der Artenvielfalt und eines gesunden Ökosystems.“ Die Bodengesundheit spiele ebenfalls eine wichtige Rolle.
Bei den Winzerkollegen und im Dorf sei der Ökobetrieb inzwischen akzeptiert. „Solange man keine Pilzsporen zu seinen Nachbarn schickt...“, schmunzelt Ilse Häge. In ihrem Beruf sei sie glücklich: „Es ist ein gewisses Lebensziel, das man hingekriegt hat.“ Und Schlepper fahren, das kann sie im Weinbau auch. (sr)


Seitenanfang