Freitag, 10. Februar 2012

Märchenfee Ediwa zählt rückwärts – 29.12.2007


Edith Geduldig zeigt eine ihrer Wachsmalereien. Foto: Rücker
Edith Geduldig zeigt eine ihrer Wachsmalereien. Foto: Rücker

Den Tag der Geburt kann sich keiner selbst aussuchen. Besonders Kinder trifft es dann hart, wenn der Ehrentag im Tumult anderer Feiertage unterzugehen droht. Auch Edith Geduldig hatte sich als Kind ein anderes Geburtsdatum gewünscht, nicht ausgerechnet den 3. Januar 1927. „Weihnachten, Silvester und mein Geburtstag sind dicht aufeinander und als Kind hätte ich mir gewünscht, einige Monate später Geburtstag feiern zu können“, erinnert sich die Vaihingerin. Allerdings legte die Mutter in Kriegszeiten immer ein paar Weihnachtskekse für den Freudentag beiseite. Das war durchaus von Vorteil, denn Kekse waren besser als gar nichts. Den Jahreswechsel feierte ihre Familie zu Hause im Ruhrpott gemeinsam mit Freunden. „Raketen oder größere Sachen gab’s in meiner Jugendzeit noch nicht“, erinnert sich die Seniorin, „aber Knallfrösche und Patrönchen.“ Diese „Patrönchen“ waren aufgereiht wie Linsen und mit einer Spielzeugpistole produzierten die Kinder zur Feier des Tages ein leises „peng“.
„Im Krieg gab’s die Knallerei nicht, das war auch verboten“, erinnert sich Geduldig. Während der Kriegsjahre wurden daheim nochmal die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet. Heringssalat und Kartoffelsalat mit Klöpschen standen auf der Silvestertafel, solange es die Versorgungslage zuließ. „Klöpschen“, erklärt Edith Geduldig den Kohlepottdialekt, „das sind kleine Fleischklößchen und der Kartoffelsalat wurde bei uns mit Mayonnaise angemacht.“ Schmalhans regierte, Sekt gab es nicht. Um Mitternacht gratulierten sich die Nachbarn und Freunde auf der Straße. Die Männer prosteten sich mit Schnaps zu, die Frauen tranken ein Gläschen Bowle mit selbst eingemachten Früchten. Das erste richtige Feuerwerk konnte Edith Geduldig Mitte der 50er Jahre in Stuttgart bewundern, „aber das war auch verhalten, nur hier und da eine Rakete“.
Edith Geduldig ist den Vaihingern unter anderem als ein Urgestein des Bürger-Treffs und als Märchenfee Ediwa ein Begriff. Mit den Schwaben hat sich das Ruhrpottkind schon lange arrangiert. Wobei die schwäbische Küche ihre Gefühle anfangs in Wallung brachte: Linsen gehören in ihrer ursprünglichen Heimat nun einmal in die Suppe und nicht zur Teigware Spätzle.
Geboren wurde Geduldig im Kreis Recklinghausen im Ruhrgebiet in ein „sehr behütendes Elternhaus“ hinein. Trotz Einschränkungen verlebte sie mit ihren zwei Geschwistern eine „sehr schöne Kindheit“. Edith Zackner, so ihr Mädchenname, ist zwölf Jahre alt, als der Krieg beginnt. „Im Ruhrgebiet haben wir die volle Ladung abbekommen.“ Das Ballungsgebiet wird im Bombenhagel nahezu zerstört. Viele deutsche Soldaten seien damals dort stationiert gewesen, darunter der Vaihinger Heinz Geduldig. Im Luftschutzkeller lernt sie als 18-Jährige den ein Jahr älteren Soldaten kennen. Geduldig: „Das Schicksal wollte, dass wir zusammenkommen.“ Im Mai 1946 besucht sie ihren Heinz das erste Mal im Schwabenland. Es ist Maientag in Vaihingen. Drei Tage lang dauert die abenteuerliche Zugfahrt in Etappen, bis sie schließlich in der Mühlstraße ankommt. Drei Wochen bleibt sie in der fernen Stadt, geht dann wieder zu ihren Eltern zurück. 1949 heiraten die beiden und die gelernte kaufmännische Angestellte zieht nach Vaihingen. „Wir waren 40 Jahre verheiratet und alle Tage waren schön.“
Der junge Ehemann beginnt sein Studium der Sozialarbeit. 1952 zieht die junge Familie mit Söhnchen Helmut ins Pestalozziheim nach Stuttgart, wo Heinz Geduldig die Heimleitung inne hat. Im Jahr 1971 baut die Familie, inzwischen durch Sohn Peter vergrößert, in Großglattbach. Heinz Geduldig wird Mitte der 80er Jahre Sozialdezernent beim Landratsamt Ludwigsburg. „Wir haben bei Null angefangen und ich habe mitgearbeitet, um das Leben zu finanzieren“, so die Seniorin. Sie arbeitete als Justizangestellte bei einem Landgericht, als Kreditsekretärin und als Bausparkassenberaterin. „1980 habe ich aufgehört zu arbeiten, es gab keine finanzielle Notwendigkeit mehr“, erzählt Geduldig. Die soziale Arbeit ihres Gatten habe sie immer beschäftigt und geprägt. Des öfteren kamen Delegationen aus dem Ausland nach Großglattbach, „damit sie das schwäbische Essen genießen und das Familienleben kennenlernen“.
Ende der 80er Jahre wurden vom Ehepaar Geduldig zarte Bande mit dem Vaihinger Arbeitskreis „Das neue Alter“ geknüpft. 1990 verstarb Heinz Geduldig. „Nach einer sehr langen Trauerzeit und Therapien“ schöpfte Edith Geduldig neuen Mut. Sie verkaufte das Haus, zog nach Vaihingen und setzte sich gemeinsam mit einer Initiative aus rund 15 Frauen für die Gründung einer Begegnungsstätte für Ältere ein. 1998 wurde schließlich der Verein Bürger-Treff von 111 Bürgern gegründet – dabei wurden bereits bestehende Bürgerinitiativen integriert. Mittlerweile verzeichnet der Verein über 800 Mitglieder.
„Ich habe eine Malgruppe und eine große Handarbeitsgruppe gehabt“, zählt die 80-Jährige auf. Dort wurde „nicht nur gestichelt“, sondern für Hilfsbedürftige gestrickt und gehäkelt. Bei einer Aktion wurden alte Puppen aufgemöbelt und der Diakonie zum Verschenken überreicht. Als Märchenerzählerin tingelte die rüstige Seniorin durch zahlreiche Kindergärten und auch Erwachsenengruppen ließen sich von der Märchenfee Ediwa verzaubern.
Vor rund zehn Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Malen mit Wachsstiften. Diese Encaustic-Malerei brachte sie im Bürger-Treff Kindern und Erwachsenen nahe. In der Beratungsstelle im Bürger-Treff in der Grabenstraße hilft sie anderen in allen Lebenslagen: Netze knüpfen und Wege ebnen. „Ich habe immer zu tun“, freut sich Edith Geduldig. Wenn sie anderen Menschen helfen kann, dann „spüre ich die Einsamkeit nicht so und befasse mich nicht unnötig mit schweren Gedanken“. In wenigen Tagen wird die Seniorin 81 Jahre alt. „Ich werde 79“, berichtigt Edith Geduldig schelmisch, „seit ich 80 geworden bin rechne ich zurück.“ Sabine Rücker


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