Trish Schwerdtle aus Vaihingen hat anstrengende neun Monate hinter sich. Die 30-Jährige war mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ im nordost-afrikanischen Sudan. Sie hat sich um Kinder mit Schlangenbissen gekümmert, unterernährte Säuglinge gerettet und Menschen, die an Tuberkulose oder Cholera leiden, mit den nötigen Medikamenten versorgt.
Alltägliches erlebte Trish Schwerdtle in dem Dreivierteljahr nur wenig. Sechs-Stunden-Märsche durch Matsch, der bis zu den Schultern reichte, in einer Gegend, in der es keine Straßen gibt, Dosenessen, kein fließend Wasser und die Erinnerung, einer Schießerei nur knapp entkommen zu sein, haben sie verändert. „Ich war sehr erstaunt. Die Menschen dort haben nichts, aber sie sind glücklich“, erinnert sie sich.
Aufgewachsen ist die junge Frau in Australien. Bereits mit 15 Jahren hatte sie den Wunsch, einmal in einem Entwicklungsland zu arbeiten. „Als ich in der Armee war, hatte ich dann mit den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, zu tun. Da wurde mir einfach klar, dass ich das wirklich will“, erzählt Schwerdtle. Sie studierte und wurde schließlich Krankenschwester. Bei einem Aufenthalt in Neuseeland lernte sie ihren Mann Matthias kennen, der gerade eine Weltreise machte. 2003 folgte sie dem Hochdorfer in seine Heimat.
Vor rund drei Jahren hat Schwerdtle sich dann wirklich um einen Job bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ beworben. Die besten Voraussetzungen brachte sie mit. Momentan absolviert sie nämlich ein Fernstudium im Fach „Public Health“, in dem es um Gesundheitssysteme, Krankheiten und so weiter in der ganzen Welt geht. Außerdem war sie in Australien in der Notaufnahme tätig. In Deutschland arbeitet sie im Ludwigsburger Krankenhaus auf der Intensivstation; beides Gebiete, die „Ärzte ohne Grenzen“ bevorzugt.
Im März vor einem Jahr ging es dann los – in den Sudan, genauer gesagt nach Lamkien im Staat Jonglei. „Die Stadt findet man allerdings nicht einmal bei Google Earth im Internet“, schmunzelt Trish Schwerdtle. Und das hat man der Gegend auch angemerkt. Raus und rein ist das Team von „Ärzte ohne Grenzen“ nur mit dem Flugzeug gekommen, gelebt hat die Gruppe in sogenannten Tukuls, kleinen runden Häusern aus Lehm. Strom und fließend Wasser waren nicht vorhanden. Kontakt in die Heimat nach Vaihingen, wo sie und ihr Mann mittlerweile leben, hatte Schwerdtle meist nur per E-Mail – über Satellit. Das Satellitentelefon wurde dagegen nur selten benutzt. „Es war einfach zu teuer.“
Das Krankenhaus (Schwerdtle: „Wenn man es so nennen kann“) der Hilfsorganisation war die einzige medizinische Hilfe weit und breit, abgesehen von Medizinmännern. „Wir hatten im ambulanten Bereich jede Woche rund 1000 Patienten“, erzählt die Krankenschwester. Die Menschen in abgelegenen Gebieten ohne Straßen und Transportmöglichkeiten würden sonst keine medizinische Hilfe erhalten. Wie viele Menschen genau in der Gegend leben, lässt sich schwer sagen, weil seit dem Bürgerkrieg kaum Statistiken erstellt wurden.
Neben der Behandlung von kranken Menschen gehörte vor allem die Weiterbildung zu den Aufgaben der „Ärzte ohne Grenzen“. „Wir haben jungen Männern, die während des Kriegs geflohen waren, beigebracht, wie sie kranken Menschen helfen können“, erklärt Trish Schwerdtle. Denn irgendwann soll es auch ganz ohne die Unterstützung der Hilfsorganisation klappen.
Als das Ärzteteam evakuiert wurde, mussten die Einheimischen zum ersten Mal alleine zurecht kommen. „Es gab zwischen unseren Häusern eine Schießerei“, berichtet die Australierin. Niemand wusste, wem die Kugeln galten, das Team wurde in Sicherheit gebracht. Es stellte sich aber heraus, dass sich zwei befeindete Stämme das Gefecht geliefert hatten. Angst hätte die junge Frau nicht gehabt. Eins hatte der Vorfall aber auf jeden Fall bewegt: Selbstbewusstsein für die einheimischen Krankenhaus-Crew, denn alles lief glatt.
Mittlerweile ist Schwerdtle zurück in Deutschland. Es war eine große Umstellung für sie, wieder in ein Krankenhaus zu kommen, in dem es medizinische Geräte und Medikamente gibt. „Hier wird ein 90-Jähriger noch operiert. Im Süd-Sudan sterben Kinder an Masern“, sagt Schwerdtle. Aber auch das Arbeiten ist ein anderes. Während sie in Afrika mithalf, Kinder zur Welt zu bringen und kleinere Operationen selbst vollzog, ist das hier für eine Krankenschwester unmöglich.
Auch wenn die Zeit in Afrika für die schlanke, dunkelhaarige Frau psychisch und physisch sehr anstrengend war, zieht sie ein positives Fazit: „Ich habe von den Menschen so viel zurückbekommen.“ Ein Held will sie aber nicht sein, gerade, weil auch sie von dem Aufenthalt profitiert habe – privat, aber auch beruflich: „Für meinen Lebenslauf hat sich das gelohnt.“ Und sie will wieder mit „Ärzte ohne Grenzen“ in ein Entwicklungsland, am liebsten wieder nach Afrika, aber dieses Mal mit Mann Matthias, „wenn wir bis dahin noch keine Kinder haben“. Der Maschinenbauer würde sich sicherlich gut als technischer Logistiker eignen. Eva Wirth
