Wenn zwei Herzen im Dreivierteltakt schlagen, dann handelt es sich um eine Operette. Wenn vier Herzen in einem Bauch schlagen, dann sind Vierlinge unterwegs. Als Karin Hagdorn aus Hochdorf mit ihrem Frauenarzt auf den Monitor starrt, verschlägt es beiden die Sprache. Eins, zwei, drei, vier Herzen pumpern auf dem Bildschirm. Karin Hagdorn erwartet Vierlinge. „Frau Hagdorn, jetzt müssen wir uns erst mal hinsetzen“, bringt der Arzt schließlich über die Lippen. Auch mit Ehemann Heiko verdaut die junge Frau die Nachricht erst einmal sprachlos auf dem Sofa. Die Verwandten werden informiert, denken aber zunächst an einen Scherz von Heiko Hagdorn. Der 32-Jährige ist als Spaßvogel bekannt, sagt seine Frau.
„Ich bin sehr glücklich, so wie es ist“, sagt die 28-Jährige heute. Söhnchen Paul ist zweieinhalb Jahre alt und im Kindergarten. Die Vierlinge sind 14 Monate alt. Am 22. März 2010 halten sie die Familie und ein „Riesenaufgebot“ an Ärzten und Schwestern in Atem. Für die Frauenklinik in Stuttgart Bad Cannstatt ist an diesem Tag Premiere, die Geburt der ersten Vierlinge in der Geschichte des Hauses. Vier Kinderärzte plus acht Krankenschwestern stehen für die Ankunft des Quartetts bereit. Der Kreißsaal und ein OP-Saal ist für Familie Hagdorn reserviert. Nach acht Wochen Klinikaufenthalt, in der 28. Schwangerschaftswoche, hat Anton mit einer platzenden Fruchtblase den Startschuss gesetzt. Um 14.36 Uhr erblickt er als Erster das Licht der Welt. 880 Gramm Geburtsgewicht werden registriert. 14.37 Uhr folgt Sebastian mit 855 Gramm, 14.38 Schwesterchen Hanna, mit 980 Gramm die Schwerste im Bunde. Moritz wird um 14.40 mit 815 Gramm geboren. „Es war echt toll, wir waren gut vorbereitet“, erinnert sich Karin Hagdorn. Dass die Kinder per Kaiserschnitt geholt werden, ist klar. Karin Hagdorn verfolgt mit wachem Geist die Geburt ihrer Kinder, eine Spinalanästhesie macht’s möglich. Schonend, nämlich samt Fruchtblase, werden die Kleinen aus dem Bauch der Mutter geholt. Papa Heiko ist bei der Geburt dabei und darf seine Kinder bewundern, bevor sie in die Brutkästen und die Obhut der Ärzte kommen.
Nach wenigen Tagen werden die Vierlinge ins Kinderkrankenhaus Olgäle nach Stuttgart verlegt, Karin Hagdorn darf endlich nach Hause. „Es war schön, wieder daheim zu sein und Paul war auch erleichtert“, sagt sie. Die Ärzte haben ihr von Anfang an Mut gemacht und auch beim Thema Stillen wird sie ermuntert. Und so bekommen die Frühchen von Beginn an Muttermilch. Bis zu zwölfmal am Tag pumpt die junge Mutter die Milch ab, eineinhalb Liter Ausbeute sind dabei keine Seltenheit.
Täglich fährt sie zu ihren Vierlingen in die Klinik. Die Frühchen gedeihen und haben gesundheitlich keine Probleme. Nach dreieinhalb Monaten dürfen Anton, Sebastian, Hanna und Moritz nach Hause. Das funktioniert ebenfalls ohne Probleme. Denn nach dem ersten „Schock“ über die Vierlingsnachricht habe sich ihr Mann erst mal um ein neues Auto gekümmert, sagt Karin Hagdorn. Der Siebensitzer ist nun ausgelastet. Bald darauf zieht die Familie ins neue Haus, in dem der Bewegungsdrang der Vierlinge noch mit Gittern und großem Laufstall im Zaum gehalten wird.
Eine Förderung des Landes Baden-Württemberg beschert der jungen Familie 10 000 Euro und die Firma Pampers schickt neun Monate lang Gratiswindeln. Solange die Mutter fit ist, gibt es von staatlicher Seite jedoch keine weitere Hilfe. Karin und Heiko Hagdorn organisieren selbst Unterstützung und beschäftigen nun zwei Frauen, die bei der Kinderbetreuung und im Haushalt mit zupacken. „Fünf sind nicht einfach so geschwind versorgt“, sagt Karin Hagdorn. Aber man wachse in die Aufgabe hinein.
An manchen Tagen ist sie allein und bringt die „Raubtierfütterung“ mit nur einem Löffel hinter sich. Zackzack muss das gehen, wenn der Brei in allen vier Mündern landen soll. Da könne es schon sein, dass das erste Kind wieder brüllt, bis das letzte an der Reihe ist.
Beim VKZ-Besuch sind die Vierlinge frisch gefüttert und wohlgelaunt. In Etappen trägt Karin Hagdorn die Pimpfe hoch und runter, erst schläft der Moritz, der später zu seinen Geschwistern hinzustößt. Dann reiben sich Hanna und Sebastian die Augen und werden nach oben ins Bettchen getragen. Immer hat die Mutter die Uhr im Blick und die Sache im Griff. Zwischendurch werden eins, zwei, drei, vier Kinder in den Hochsitz gehievt, vier Stück Brezel verteilt und es herrscht eitel Sonneschein.
Von größeren Krankheitsfällen sind die Hagdorns bislang verschont geblieben. Beim Spielen sind die Kinder gerne alle „auf einem Haufen“. Klare Sache für Karin Hagdorn: „Eine Krabbelgruppe brauchen wir nicht“. Paul ist als „Großer“ der Star für die kleinen Geschwister. Und auch bei den Eltern ist Paul der „absolute König“, der als Einziger nachts ins Gräbele kriecht. Die Vierlinge schlafen inzwischen meistens durch. Hanna ist Papas Liebling und sich ihrer Sonderstellung als einziges Mädchen sehr wohl bewusst. Sebastian ist der Wagemutige unter den Vierlingen, den nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Moritz ist der Schelm, der am liebsten Quatsch macht. Anton ist sehr schmusig, aber trotzdem hart im Nehmen.
Wenn die gelernte Diplom-Verwaltungswirtin bei ihrem Mann bei Hagdorn Tomaten mithilft, dürfen zwei der Vierlinge mit. Der Rest bleibt bei den Helferinnen daheim. Für die Fahrräder stehen zwei Anhänger und der Kindersitz von Paul bereit. Ab und an schaufeln sich die Eltern Zeit frei, in der die Großeltern die Enkel hüten.
Karin Hagdorn sieht vor allem das Positive an der Geburt der Vierlinge. Zum Beispiel, dass die Interessen sich viel eher überschneiden als bei Geschwistern mit großem Altersunterschied. Allerdings: Durchreichen vom Großen zum Kleinen geht nicht. Wenn einer ein Fahrrad bekommt, müssen halt alle eins bekommen.
Drei bis fünf Kinder hatten die Hagdorns sich für ihre Lebensplanung durchaus vorgestellt. Natürlich nicht auf einen Schlag. Nach Absetzen der Pille blieb damals bei Karin Hagdorn die Periode aus. Da ein Kinderwunsch bestand, bekam sie vom Arzt Hormone verschrieben, die durchaus Mehrlingsgeburten verursachen können. Doch dann kam Paul zur Welt, ganz alleine. Also dachte auch bei der zweiten Hormonbehandlung keiner an Mehrlinge. Bis zu jener Ultraschalluntersuchung, die Arzt und Patientin erst mal sprachlos machte.
Für Paul war die Geburt der vier Geschwister dagegen keine große Sache. Karin Hagdorn: „Paul hat gedacht, jeder bekommt vier Kinder.“ 10.6.2011 (sr)

