Donnerstag, 09. Februar 2012

Ein wahrhaft kauziger Typ - 23. Oktober 2007


Herbert Keil mit seinem gefiederten Patienten.
Herbert Keil mit seinem gefiederten Patienten.
Keil mit selbst gemaltem Steinkauz. Fotos: Rücker
Keil mit selbst gemaltem Steinkauz. Fotos: Rücker

Vorruheständler Herbert Keil schützt, erforscht und rettet Eulen – und andere

In der Tiefkühltruhe von Herbert Keil in Oberriexingen liegt Befremdliches bereit: Küken und Mäuse für potenzielle Pfleglinge. Keil sorgt sich zwar in erster Linie um den Steinkauz, pflegt aber auch andere verletzte Eulen und Greifvögel. Einer seiner aufregendsten Patienten war vor zwei Jahren ein Uhu-Weibchen. „Da hat die Polizei angerufen“, erinnert sich Keil, „und mir eine verletzte Eule in Schwieberdingen an der Deponie gemeldet.“ Keil, Jahrgang 1946 und gelernter Installateur, fuhr sofort zu dem verletzten Uhu, der am Straßenrand der B10 kauerte. „Er hat aus dem Schnabel geblutet, das linke Auge war kaputt und er war apathisch“, erfasste der Eulenexperte die Situation vor Ort.

Der Oberriexinger transportierte das Straßenverkehrsopfer zum Tierarzt nach Vaihingen. Nach der Erstversorgung verbrachte das Exemplar unserer größten heimische Eulenart vier Wochen in der Obhut von Herbert Keil. Anfangs wollte der Vogel nicht selbst fressen und bei der Zwangsfütterung wurde es selbst dem Experten etwas mulmig: „Ich musste den Schnabel öffnen und konnte dabei keine Handschuhe tragen.“ Jedes Mal, wenn Keil zugange war, hob sein gefiederter Patient einen mit mächtigen Krallen versehenen Fang: „Die hat ganz schöne Tatzen gehabt, unwahrscheinliche Krallen!“ Passiert ist dem passionierten Eulenkundler nichts.

Durch einen Bekannten erfuhr Keil damals, dass in einem Steinbruch im Umland ein trauerndes, einsames Uhu-Männchen nach seinem Weibchen rufe. Dort wilderten die Eulenfreunde das genesene Weibchen aus. Wenige Tage später konnte Keil das vereinte Pärchen Seite an Seite in ihrem Steinbruch beobachten. Das war der Lohn für seine Mühe.

Seit über 20 Jahren setzt sich Herbert Keil ehrenamtlich für die Vögel ein, wobei sein erklärter Liebling der Steinkauz, Athene noctua, ist. Schon als Kind faszinierte ihn die Natur: „Ich konnte kaum laufen, da war ich mit dem Opa im Wald beim Pilze suchen.“ Über seine Tochter kam er schließlich vor rund 25 Jahren zum Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Ortsgruppe Enzweihingen. Das Mädchen wollte unbedingt in der Jugendgruppe mitmachen und letztendlich vertrieb sich Papa Keil die Zeit zwischen An- und Abfahrt sinnvoll bei den anderen Nabu-Leuten. Keil: „Irgendwann habe ich mich dann beim Nabu-Kreisverband dem Stiefkind Steinkauz gewidmet.“ Für den Landkreis Ludwigsburg lagen kaum Daten zu der nur amselgroßen Eule vor. Lediglich acht Paare waren damals beringt und bekannt.

Inzwischen hat Keil mit seinen Mitstreitern 167 Brutpaare im Landkreis Ludwigsburg mit Randgebieten ermittelt, beringt und erfasst. Um allerdings die Vögel beringen zu dürfen, musste der Oberriexinger bei der Vogelwarte Radolfzell vorstellig werden. Ein Jahr lang wurde Keil einem erfahrenen Beringer aus Heilbronn zur Seite gestellt. Dann erhielt er, auf Empfehlung seines Lehrmeisters, die Bering-Erlaubnis von der Vogelwarte Radolfzell. Zwar sei normalerweise zusätzlich ein brutbiologischer Kurs für die Mitarbeit bei der Vogelwarte nötig, doch „ich hatte genügend Kenntnisse gehabt“. Herbert Keil und einige Mitstreiter gründeten die Forschungsgemeinschaft zur Erhaltung einheimischer Eulen, kurz Foge. Sie führt in Zusammenarbeit mit verschiedenen Naturschutzorganisationen seit 1988 ein Projekt zum Schutz des Steinkauzes im Landkreis Ludwigsburg durch. Dieses Projekt wird vom Landratsamt - Untere Naturschutzbehörde - und den Kreisgemeinden mitgetragen. Als eine der ersten Amtshandlungen kauften die Foge-Mitarbeiter Brutröhren und Rucksackleitern. In Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Radolfzell werden von der Forschungsgemeinschaft Habitatanforderungen und Populationsbiologie des Steinkauzes wissenschaftlich untersucht. Herbert Keil, der jahrelang als Wasserwärter bei der Stadt Vaihingen tätig war, erscheint inzwischen als Referent zwischen promovierten Ornithologie-Koryphäen.

Doch nicht nur Steinkäuze und Schleiereulen werden von Keil versorgt. „Gestern hat eine Nachbarin einen verletzten Bussard gebracht“, erzählt der 61-Jährige beim Termin mit der VKZ. Vermutlich handle es sich um ein Verkehrsopfer. Der Greifvogel muss am Flügel operiert werden, „der Spezial-Tierarzt aus Karlsruhe ruft jeden Moment zurück“. Ganz still sitzt der große Mäusebussard in einem Karton auf dem Boden von Keils Arbeitszimmer. Über ihm stapeln sich Briefbögen auf einem Schreibtisch. „Ich schicke Federproben von Steinkäuzen an die Vogelwarte Radolfzell“, klärt Keil auf. Dort wird ein Student das Erbgut der Tiere auf Verwandtschaftsverhältnisse hin untersuchen. Die Federn waren bei der Mauser schon ausgefallen.

Weniger Glück hatten die Schleiereulen: Vier bis fünf Brustfedern und eine Feder vom Bürzel wurden ihnen ausgezupft. Diese werden nun Teil einer europaweiten Untersuchung der Universität Lausanne. Langweilig wird’s dem Vorruheständler nicht: „Solange ich gesund bin, mach’ ich weiter.“ Der verletzte Bussard wurde inzwischen erfolgreich operiert, verriet Keil gestern der VKZ. Er wird in Karlsruhe weiter aufgepäppelt und ausgewildert. Dann hat der schwäbische Bussard in jeder Hinsicht gelbe Füße.

Sabine Rücker


Seitenanfang