Horrheim (sr). Er passt einfach in keine Schublade. Roland Wirth schält die Knollen für den schwäbischen Kartoffelsalat und albert mit Tochter Maja herum. Kurze Zeit später wird er mit Hausfrauenhelm und Luftgitarre in seiner Werkstatt posieren. Wer donnerstags aufmerksam die Fundgrube im Wochenblatt liest, der kennt ihn schon. Roland Wirth ist der Typ auf dem Bild, mit Rauschebart und Hörnerhelm auf dem Kopf.
„Ich hätte den Helm gern meinem Freund zuliebe wieder“, sagt der 47-Jährige. Sein Kumpel ist seit einem Motorradunfall vor vier Jahren ein Pflegefall. „Er kann nur mit den Augen antworten“, erklärt Wirt. Und die Augen des Freundes haben immer beim Anblick des wilden Helmes gesprochen. Von einem Horn zum anderen wanderte da der Blick des Verunfallten. Seit dem Trecker-Treck in Sersheim fehlt das gute Stück, ein verchromter Feuerwehrhelm mit Kuhhörnern drauf.
Immerhin hat der Horrheimer seine Luftgitarre wieder. Ein Mitglied vom Motorsportclub RCO Sersheim hat das aus Motorradketten zusammengeschweißte Teil gefunden und an Wirth zurückgegeben. „Der hat ein Essen und zwei Viertele bekommen, dann waren wir beide glücklich“, beschreibt der die Vorgehensweise.
Geboren ist Roland Wirth in Hohenhaslach. Sein Lebenslauf klingt bis zur Jahrtausendwende ziemlich klassisch. Nach der Realschule absolviert Wirth eine Lehre zum Automechaniker und ist danach viele Jahre im Reifengeschäft tätig. Er heiratet und wird Vater einer Tochter. Die Ehe wird 1990 geschieden. Bei einem Motorradtreffen lernt er sechs Jahre später seine jetzige Lebensgefährtin Sabine Nusser kennen. Im Jahr 2000 ziehen die beiden in ihr Häuschen in Horrheim. 2001 wird Anna-Lina geboren. Mit der Geburt von Maja, zwei Jahre später, ändert sich einiges im Leben der Familie. Wie geplant wird Papa Roland daheimbleiben und sich um Haus und Kinder kümmern. Eine Überraschung bringt allerdings Tochter Maja mit auf die Welt.
Zehn Operationen hat
Tochter Maja hinter sich
„Ich hatte schon zehn Operationen“, sagt der kleine Wirbelwind und huscht um die Ecke. Eine doppelseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, vom Volksmund als Wolfsrachen bezeichnet, lassen die Kleine in den ersten Lebensjahren zum Sorgenkind werden. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zählen zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen. Sie entstehen infolge eines unvollständigen Verschlusses von Teilen des Nasen-, Rachen- und Mundbereichs während der embryonalen Entwicklung. Bei Maja sind auch die Gehörknöchelchen unzureichend entwickelt, weshalb das Mädchen an jedem Ohr ein Hörgerät trägt. Die Eltern haben bis zur Geburt nichts von der Fehlbildung gewusst. Einige Operationen stehen noch bevor.
„Ich hole meine Schultüte“, ruft Maja und verschwindet nach oben. Unbedingt will sie die große Schwester mit dem Bild in der Zeitung überraschen. Die Väter haben die Zuckertüten im Kindergarten gebastelt, erzählt Wirth. Als er kam, waren die meisten schon fertig, weil wenig später ein WM-Spiel Deutschlands übertragen wurde. Die erste Schulwoche ihres Lebens liegt nun vor Maja. Ein besonders großer Schritt, denn sie wird von morgens bis nachmittags in eine spezielle Schule nach Heilbronn gehen. Ihre Begeisterung für den neuen Lebensabschnitt hält sich in Grenzen. Maja: „Schule ist mittel. Ich pendel noch zwischen gut und schlecht.“
Papa Roland rädelt derweil die Kartoffeln. Seine Kochkünste haben sich in den vergangenen Jahren entwickelt. Gab es anfangs meist „Angebratenes“, so locken heute Leckereien wie Linsen mit Spätzle, Hackfleisch mit Nudeln und auch selbst gebackene Kuchen und Brot zu Tisch. „Das macht Spaß“, räumt der Mann ein. Ein bisschen sieht er dabei aus wie der Alm-Öhi der kleinen Heidi. Nur viel jünger.
Seit drei Jahren geht Wirth auch wieder aushäusig arbeiten. Zwei halbe und zwei ganze Tage schafft er bei einer Firma in Kirchheim am Neckar. Dort widmet er sich der Feinmechanik von Mikroskopen genauso wie dem Rasenmähen. Lebensgefährtin Sabine ist vier Tage pro Woche bei der Stadt Schwaigern tätig. „Als technische Angestellte“, hilft Maja ihrem Vater auf die Sprünge. „Es ist eine gute Erfahrung“, sagt Wirth über seine Zeit daheim bei den Kindern. Doch auch die Arbeit in der Firma ist ihm wichtig, die wird eher honoriert. Wirth: „Den Haushalt musst du halt machen, da siehst du kein Stück.“ Wirklich aufregen muss sich Wirth über fast nichts. Nur die Feinmechanik in der Firma koste ihn manchmal Nerven.
In seiner Werkstatt am Haus herrscht kreatives Chaos. Wirth: „Ich werkel halt immer rum wie verrückt.“ Zu schrauben gibt’s genug. Oldtimer bis Baujahr Anfang der 80er Jahre gehören zu seinen Schätzen. Triumph, Honda, ein MZ-Gespann als Alltagsfahrzeug und ein paar Mopeds zählen zu den wichtigen Zweirädern. Seit rund 15 Jahren schweißt, hämmert und sägt Wirth außerdem kunstvolle Unikate zusammen. Als Werkstoff muss allerhand herhalten, zum Beispiel alte Motorrad- und Autoteile und Holz. Uhren, Kerzenständer und die Luftgitarre sind auf diese Weise entstanden. Auch der Hausfrauenhelm ist seinen Händen entsprungen. Als Basis für die Kopfbedeckung dient eine Kuchenform. Bei der Vaihinger Hobby-Ausstellung war Wirth im vorigen Jahr zum ersten Mal dabei. Der Horrheimer fertigt seine besonderen Stücke auch auf Bestellung. Die sollte nur frühzeitig erfolgen, denn an Zeit mangelt es halt immer ein bisschen.
Die Fleischküchle, die es zu dem Kartoffelsalat gab, „sind alle weg“, berichtet Wirth. Ihm gefällt sein Leben zwischen Herd und Mikroskop: „Das ist schon super.“
Aber sein Motorradkumpel, der fehlt ihm einfach. Vielleicht bekommt Roland Wirth wenigstens den Helm mit den Hörnern zurück, damit der Freund im Pflegeheim sich wieder richtig freuen kann.
Kontakt Roland Wirth, Telefonnummer 0 70 42 / 81 86 79
