Donnerstag, 09. Februar 2012

Die Tour des Rainer Schumacher




Will 2700 Kilometer wandern: Rainer Schumacher aus Aurich. Foto: Bögel
Will 2700 Kilometer wandern: Rainer Schumacher aus Aurich. Foto: Bögel

Aurich (ub). Am Dienstag um 7.30 Uhr geht es los, die erste Etappe führt bis nach Ehningen – 36 Kilometer. Drei Freunde vom Tennisclub und Ehefrau Beate wollen die Strecke mitlaufen. Die nächsten vier Monate wird dann Rainer Schumacher alleine marschieren. Knapp 2700 Kilometer von der Römerstraße in Aurich bis nach Finisterre in Spanien, dem „Ende der Welt“. Erst 200 Kilometer bis Konstanz, 400 Kilometer durch die Schweiz, 1100 Kilometer durch Frankreich und dann noch einmal über 900 Kilometer auf dem legendären Camino Francés. Meist weist die Muschel die Richtung auf dem Jakobsweg.
Der TV-Entertainer Hape Kerkeling hat den 800 Kilometer langen Jakobsweg zwischen dem französischen Saint-Jean-Pied-de-Port und Santiago de Compostela, wo das Grab des Apostels Jakob sich befindet, bekannt gemacht. Tausende von Touristenpilgern machen sich Jahr für Jahr auf die Spuren des Weges, der eine Herausforderung und eine Einladung gleichermaßen sein soll. Der Weg, der die Pilger kaputt und leer machen soll, der Weg, der sie wieder aufbaut, Kraft raubt und dreifach wieder zurückgibt.
Rainer Schumacher ist nicht der klassische Pilger, er hat keinen religiösen Hintergrund, keinen krankhaften Ehrgeiz. Schumacher hat Zeit und er muss nicht auf jeden Euro gucken. 12000 Euro wird das Unternehmen „bis ans Ende der Welt“ kosten. Anfang November will er wieder in Aurich sein, dazwischen werden Grenzerfahrungen liegen, die Suche nach irgendwas, „das aber nicht definierbar ist“, wie er sagt.
Vor vier Jahren reifte der Entschluss für die Mammuttour. In einer fünfstündigen Operation wurde Schumacher in der Uniklinik in Regensburg eine Zyste in der Wirbelsäule entfernt. Die „Sache“ hätte damals im Rollstuhl enden können. „Ich habe gesagt, wenn ich wieder normal laufen kann, gehe ich bis ans Ende der Welt.“ Die Heilung funktionierte und der Auricher machte sein Versprechen wahr. „Seit dieser Zeit renne ich wie ein Karnickel umher, teste Material, tanke Kondition, plane die Routen.“
Von Würzburg bis nach Genf führte der erste Testweg – teilweise eine Katastrophe. Extreme Blasen, die falschen Einlagen, die falschen Schuhe. Im Laufe der Zeit hat Schumacher das für ihn perfekte Material gefunden. 20 Paar Schuhe von namhaften Herstellern hat er gekauft und ausprobiert. Letztendlich geht der Auricher mit der Marke Ecco auf Tour: ein Paar Sandalen als Leichtlaufwanderschule, ein Paar Halbschuhe mit gutem Profil und extra Lederauspolsterung vom Schuster. Die letzten vier Paare konnte Schumacher über das Internet in Hamburg und München ordern. „Mit meiner Schuhgröße von 48 ist das nicht so einfach.“ Und was ist mit Wanderschuhen, die dem Fuß mehr Halt verleihen? „Ich brauche nicht die ein Kilo schweren Schuhe, so hoch sind die Wege nicht. Wichtig ist, blasenfrei die 2700 Kilometer zu schaffen.“ Außerdem läuft Schumacher, langjähriger Soloklarinettist des Staatsorchesters Stuttgart, mit Stöcken. „Das sind wie zwei weitere Beine.“
Morgen feiert der Auricher seinen 60. Geburtstag. Dann greift auch die Altersteilzeit. Schumacher hat Zeit, kann die Verpflichtung zum Laufen aus den Geschehnissen vor vier Jahren einlösen. „Es ist Glück, dass ich wieder so hergestellt bin.“ Für ihn ist es wichtig zu erfahren, was kann der Körper aushalten, wie viele Tränen braucht der Weg bis zur Ankunft in Galicien. Dabei will er auf seiner Tour nicht in Askese leben. 40 Hotels sind durchgebucht bis ins französische Le Puy. In die typischen Pilgerherbergen, die außer einer Spende nichts kosten, will Schumacher nicht. „Wenn man hier schlafen will, ist das einfach nur anstrengend“, schreibt Kerkeling in seinem Buch. Davor hat der Auricher Berufsmusiker auch Angst. Die Erfahrung bei seinen Testwanderungen: „Der Körper ist müde, trotzdem gehen die Gedanken im Kopf weiter, man findet einfach keinen Schlaf.“ In Massenquartieren ist damit sowieso nicht die nötige Ruhe zu finden, deshalb setzt Schumacher auf die noble Variante – wie übrigens auch Hape Kerkeling.
13 Kilo wiegt der gepackte blaue Rucksack von Rainer Schumacher. „Das ist die Obergrenze“, sagt der „Edelpilger“, der fließend Italienisch, Französisch und Englisch spricht, Spanisch gut lesen kann. Vier Kilometer pro Stunde inklusive Pausen sind sein Schnitt. Diesen Wert hat er sich in den letzten vier Jahren erarbeitet: zehn bis 20 Kilometer legte er jeden Tag zurück – mindestens. 3500 Kilometer per pedes im Jahr, 14000 Kilometer in vier Jahren. „Da bin ich konditionell bestimmt besser dran als manch anderer auf dem Jakobsweg“, ist der Auricher überzeugt.
Die Reise auf dem Jakobsweg, den Schumacher in Deutschland in Rottenburg erreicht, ist auch als Fitness für den Körper gedacht. „Zehn bis 15 Kilo Gewicht werde ich als Minimum auf jeden Fall verlieren“, schätzt Schumacher, der bei seiner Extremtour nicht auf ein gutes Mahl in einem Restaurant verzichten will. Beim Laufen entwickelt er einen ganz eigenen Rhythmus: früh los und zügig durch. Deshalb könne er sich nicht vorstellen, in einer Gruppe zu laufen. „Angst vor Einsamkeit habe ich keine.“ Und ein lockeres Gespräch am Wegesrand ist kein Tabu. Obwohl er bei seiner Pilgerstrecke keinen religiösen Hintergrund hat, freut sich der Auricher auf die Kirchen und Kathedralen an der Strecke. „Diese anzuschauen, macht mit viel Freude.“
Es gibt jede Menge Unwägbarkeiten, die über das Gelingen oder Nichtgelingen der knapp 2700 Kilometer langen Wandertour entscheiden. Macht der Körper diese Tortour mit täglichen Strecken über 30 Kilometer mit? Kann man den inneren Schweinehund besiegen und sich täglich neu motivieren? Große Angst hat Schumacher vor Gewittern, Blitz und Donner. Wenn es richtig brodelt, nützt auch der Schirm nichts, denn er im Rucksack mitführt. Auch auf die großen Hunde, die es in Spanien immer wieder am Rand des Camino Francés gibt, hat der Auricher ein ängstliches Auge. Ein befreundeter Hauptkommissar hat ihm ein Pfefferspray geschenkt – „für den Extremfall“, sagt Schumacher, der in Aurich sonst seine Runden mit dem kleinen, zwölf Jahre alten „Flohle“ dreht.
Ein Tagebuch schreibt er nicht, auch eine Digitalkamera gehört nicht zum Equipment. „Ich behalte das im Kopf – und wer will hinterher schon tausend Bilder sehen?“ Eines schließt der Klarinettist schon vor dem Weg entlang der Muschel aus: „Vier Monate bin ich anschließend bestimmt nicht mehr unterwegs.“
Vor dem Start am kommenden Dienstag um 7.30 Uhr holt sich Schumacher noch einen Stempel vom Auricher Pfarrer Hans-Peter Müller. Das verlangt der Pilgerausweis. Die 2700 Kilometer sind schon eine Pilgerreise, eine Selbsterfahrung für Körper, Geist und Seele. Eine Gratwanderung auch ohne gefährliche Pisten.




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