Donnerstag, 09. Februar 2012

Die älteste Bürgerin Vaihingens


Pauline Bachmaier wird 100 Jahre alt. Foto: Bögel
Pauline Bachmaier wird 100 Jahre alt. Foto: Bögel

Neugierig schauen die Augen hinter den Brillengläsern den Besucher an. Die grauen, vollen Haare sind frisch frisiert, der blaue Pullover sitzt. Die Unterhaltung mit Pauline Bachmaier in der Lorenzenstraße in Gündelbach benötigt allerdings einer gewissen Phonzahl. Auch muss Anita Bahnmaier, die Enkelin, einige Fragen „übersetzen“ – der gewohnte Gündelbacher Dialekt kommt bei Pauline Bachmaier besser an.
Morgen wird Frau Bachmaier, geborene Staiber, 100 Jahre alt. Sie ist die älteste Bürgerin der Stadt Vaihingen – und so kommen am Sonntag nicht nur der Ortsvorsteher und der Pfarrer zum Gratulieren, sondern auch Oberbürgermeister Gerd Maisch.
„Ich kann trinken, ich kann essen, ich kann jeden Morgen aufstehen, was will ich mehr“, sagt die Seniorin. Das Rheuma in den Beinen und in den Händen macht zu schaffen, aber dieses Leiden ist auszuhalten. „Ich hätte doch nie gedacht, dass ich so alt werde.“
Am 27. Januar 1908 wurde Pauline Staiber in Gündelbach geboren. Sie war eines von 14 Kindern. Sechs Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs werden in diesem Jahr der portugiesiche König Karl I und sein Sohn, Kronprinz Ludwig Philipp, in Lissabon erschossen. Neuer König wird Ludwig Philipps jüngerer Bruder Manuel II. Ein Interview mit Kaiser Wilhelm II löst die Daily-Telegraph-Affäre aus, in Peking wird der zweijährige Pu Yi zum chinesischen Kaiser gekrönt. 1908 erteilt das Kaiserliche Patentamt Melitta Bentz Gebrauchsmusterschutz auf ihre Erfindung eines Kaffeefiltriersystems. Das Unternehmen Maggi bringt den Brühwürfel auf den Markt, Toblerone wird im Jahr 1908 erfunden. Sportlich erwähnenswert ist die Gründung des italienischen Fußballclubs Inter Mailand, das erste Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft und die Olympischen Sommerspiele in London. Im Januar 1908 wird auch die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir geboren.
In Gündelbach läuft das Leben von Pauline Staiber in festen Bahnen ab. Nach der Schule geht sie auf „Stellung“ im „Hirsch“ in Freudental. Im August 1930 heiratet sie Georg Bachmaier aus Schützingen. Drei Jahre später kommt Tochter Erna zur Welt. Ehemann Georg arbeitet bei der Eisenbahn, stirbt aber bereits im Mai 1962. Nach dem Tod des Ehemanns arbeitet Pauline Bachmaier in Kornwestheim und Bietigheim bei der Bundesbahn.
Heute lebt die Jubilarin zusammen mit ihrer Enkelin Anita und deren Ehemann Heinz Bahnmaier in dem Häuschen in der Lorenzenstraße. Der Trubel, der durch zwei Enkel, fünf Urenkel und fünf Ururenkel manchmal herrscht, hält die Seniorin fit.
Zwischen 8 und 9 Uhr wird morgens aufgestanden, dann gibt es Kaffee und die neuesten Informationen aus der Vaihinger Kreiszeitung über Gündelbach werden vorgelesen. Selbst lesen geht nicht mehr, auch mit der Lupe erkennt Pauline Bachmaier die Buchstaben kaum noch. Das Gehör braucht einen laustarken Impuls, aber Volksmusiksendungen im Fernsehen bereiten der Gündelbacherin nach wie vor Vergnügen. „Das gefällt mir, wenn die singen.“
Es ist selten, dass in Vaihingen Bürgerinnen oder Bürger den 100. Geburtstag feiern können. In den Jahren 2006 und 2007 gab es keines dieser Jubiläen. „Die alten Gündelbacher werden immer weniger“, weiß auch Pauline Bachmaier.
In ihrer Erinnerung hat sich der beschwerliche Weg zu Fuß von Gündelbach zum Bahnhof nach Ensingen festgebrannt. Es sprudelt aus Pauline Bachmaier heraus: „Ein Bus fuhr früher nicht. Es ging erst hoch zur Eselsburg und dann wieder runter. Bei jedem Wetter. Als es Schnee hatte, bin ich sogar in einer Mulde verweht worden. Nur mit Hilfe kam ich wieder raus.“ Das könne man sich heute alles gar nicht mehr vorstellen, sagt die Frau, die auf 100 Jahre Lebenserfahrung zurückblicken kann.
Dass man die Oma ins Altenheim steckt, kam für Anita Bahnmaier nicht in Frage. „Man hat sich an das Zusammenleben gewöhnt.“ Und bis zum 91. Lebensjahr war die Gündelbacherin auch immer noch in den nahe gelegenen Krautgärten zu finden. „Da bin ich immer mit dem Leiterwägele hin.“ Heute ist die Fortbewegung nur mit dem Gehwagen in der Wohnung möglich.
Gibt es ein besonderes Rezept für das hohe Alter? Vielleicht ein Schluck Wein zum Abendessen? Pauline Bachmaier lacht, lehnt sich auf der Couch zurück. „Nein, ich trinke nur Apfelsaftschorle.“ Und diese Mischung bekommt der Seniorin: „Mir geht es gut.“Uwe Bögel


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