Samstag, 04. Februar 2012

Der kleine Pauli ist der letzte


Die komplette Familie Schwab. Foto: Rücker
Die komplette Familie Schwab. Foto: Rücker


„Hey, Dicker!“, begrüßt der 15-jährige Marc sein jüngstes Geschwisterchen Paul. „Dicker“ natürlich als Ausdruck großer Zuneigung zu verstehen. Der vier Monate alte Knirps grinst im Enzweihinger Zuhause seelig sein zahnloses Lächeln. Mutter Melanie Schwab: „Marc war eigentlich derjenige, für den die Schwangerschaft Nebensache war.“ Immerhin hat ihr Ältester schon oft genug die Möglichkeit gehabt, sich über Familienzuwachs zu freuen. Aber inzwischen lasse er nichts auf „seinen Pauli“ kommen. Marc, Steffen (13 Jahre alt), Rick (10), Leo (9), Lisa (8), Finn (4) und Paul halten ihre Eltern Melanie und Wolfram Schwab auf Trab.
Siebenfache Mutter zu sein, das war nicht ihr Lebensziel, sagt Melanie Schwab. Auf gar keinen Fall habe sie so viele Kinder haben wollen. „Nach den zwei Großen wollten wir nur noch ein Kind“, erinnert sich die 35-Jährige. Doch drei Schwangerschaften trotz korrekter Einnahme der Pille sorgten für die außerplanmäßige Erweiterung der Familie. Einmal habe vermutlich Migräne, die mit Erbrechen einherging, für ein Versagen der Verhütung gesorgt. Dann wollte sich Melanie Schwab sterilisieren lassen. Aus medizinischen Gründen wurde im Vorfeld eine schwächere Pille verordnet, was Baby Finn zur Folge hatte. Bei Paul schließlich hatte eine heftige Magen-Darm-Grippe wohl für Verwirrung im Gefüge gesorgt. Im dritten Monat erfuhr die bis dato sechsfache Mutter von ihrem Glück. Schwab: „Der Körper hat gesagt, das muss nochmal sein.“
Von Fremden müssen sich die siebenfachen Eltern manchmal dumme Sprüche anhören. Beispielsweise „ist euer Fernseher kaputt?“ oder „habt ihr noch ein anderes Hobby?“. Schwab: „Da steht man nach einer gewissen Zeit drüber. Und wenn die Leute uns dann kennen, ist es wieder o.k.“ An Abtreibung habe sie zwar gedacht, „es aber nicht übers Herz gebracht“. Nach der Geburt des vierjährigen Finn hatten sie alles an Babyausstattung rausgeschmissen, für den „kleinen Pauli“ wurde alles neu gekauft.
Sieben Kinder: Wie kann da der Alltag funktionieren? Liegen die Nerven der Mutter blank? Fühlt sie sich ausgepowert?
Melanie Schwab lässt sich nicht aus der Reserve locken. Kein Wort der Klage entspringt ihren Lippen. Es sei alles nur eine Frage des Zeitmanagements. Melanie Schwab: „Ohne meinen Kalender komme ich nicht weit.“ Beim Kieferorthopäden wird ein Termin für drei Kinder auf einmal gemacht. Täglich werden zwei bis drei Maschinen Wäsche durchgejagt. Die Geschirrspülmaschine läuft morgens und abends. Beim Einkauf hilft Ehemann Wolfram. 48 Liter Milch reichen rund zwei Wochen lang.
Hatte sie nie das Gefühl gehabt durchzudrehen? „Dass ich irgendwie mal rotiert habe?“, sagt sie und überlegt. „Nö“, lautet dann die klare Antwort, „dann hätte ich meinen Job verfehlt.“ Wenn beispielsweise mal vier Kinder mit Magen-Darm-Grippe auf dem Sofa sitzen, müsse man halt überlegen, wen man zuerst aufs Klo setzt. Und Löcher im Kopf waren auch schon zu beklagen. Schwab: „Mit jedem Kind wächst man mehr da rein.“
 An eine Begebenheit erinnert sie sich dann doch noch. Als Leo vier Jahre alt war, kam nach einem Streit mit seinem Bruder Blut aus dem Ohr. Eine Nacht im Krankenhaus waren die Folge und das alles einen Tag vor dem Spanienurlaub. Letztendlich war es „nur“ ein vom Wattestäbchen durchstochenes Trommelfell. Die Abfahrt in den Urlaub erfolgte wie geplant.
Bei der Hausarbeit helfen die Kinder mit. Eine gewisse Renitenz sei dabei schon zu spüren. Schwab: „Die Kinder machen es nicht gerne.“ Trotzdem ist der wöchentliche Arbeitsplan, in dem jedem Kind Aufgaben zugeteilt sind, einzuhalten. „Wenigstens zu 70 Prozent“, sagt die Enzweihingerin. Der vierjährige Finn hat Flaschendienst und hilft „je nach Sympathie“ den Geschwistern. Zu tun gibt es genug, es gehören auch noch zwei Katzen, ein Hase und drei Meerschweinchen zur Familie.
Die Kinderzimmer aufräumen, das sei weitgehend Sache der Bewohner. Je zwei Kinder teilen sich ein Zimmer und den meisten Knatsch gibt es innerhalb dieser Paarungen. Doch auch bei Auseinandersetzungen übt sich die Mutter in Zurückhaltung: „Die müssen das untereinander austragen.“ Beim Essen lassen sich mit Klassikern alle Geschmäcker unter einen Hut bringen. Pfannkuchen, Milchreis, Pizza sowie Spaghetti und ganz besonders die Hähnchen, die der Opa bringt, lassen Kinderherzen höher schlagen. Ehemann Wolfram, selbstständiger Gerüstbaumeister, versorge sich meist auf den Baustellen und sei pflegeleicht.
Die Vorstellung, die sich manch’ einer vom üppigen Kindergeld macht, kann Schwab nicht unterstreichen. Die rund 1200 Euro Kindergeld seien ihr Haushaltsgeld. Reiten oder Ballettunterricht sei einfach nicht drin: „Wenn man einem so etwas erlaubt, muss man es allen erlauben.“ Und das summiere sich nunmal. Fußball, Ropeskipping und BMX fahren seien aber finanzverträgliche Hobbies der älteren Sprösslinge.
Jedes ihrer Kinder sei auf seine Art und Weise lieb, habe seine Mucken und Macken. Leo, der Sensible; Steffen, der Verantwortungsbewusste; Finn und Paul die Strahlemänner... Freundin und Nachbarin Ursula Trostel wirft ein: „Umgänglich sind sie alle.“ Mit ihr sitzt Melanie Schwab gerne mal vorm Haus, plauscht und lässt es sich gut gehen. Das genügt der gelernten Zahnarzthelferin an Fluchten aus dem Alltagstrott. Schwab: „Meine Kinder sind mein Hobby, mein Leben.“ Mit ihren Kindern, ihrem Mann und allem drum und dran sei sie glücklich und zufrieden.
Ist sie streng? „Ja“, meint Teenager Marc augenzwinkernd und bricht ein Geplänkel mit seiner Mutter vom Zaun. „Nein“, sagt Melanie Schwab. Freundschaftlich erziehe sie die Kinder, „dann klappt das auch besser, als wenn der Daumen immer drauf ist“. Klein Paul ist das alles noch egal. Er schlägt die Äuglein auf und lacht. Er ist der jüngste der Schwab-Sippe. Damit das definitiv so bleibt, will der 38-jährige Familienvater sich einem kleinen chirurgischen Eingriff unterziehen. (sr)


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