Der "Glücksfall": Prof. Dr. phil. Ernst Eberhard Schmidt
Zum Abschied reicht er der Besucherin ein Schächtelchen Pralinen. Etwas zögerlich. Nicht, weil er um die Leckereien im Innern trauert. Nein, es sind die Ornamente auf dem Deckel, die einen gewissen Trennungsschmerz verursachen. „Ich bin ein alter Verpackungsfachmann“, bricht es aus dem Vaihinger heraus. Professor Dr. phil. Ernst Eberhard Schmidt – ein Verpackungsfachmann? „Wenn ich den normalen Weg gegangen wäre, wäre ich ein sehr eingebildeter Studienrat geworden“, sagt Schmidt. Nicht normal und geradlinig, sondern mehrgleisig, gewunden und gespickt mit Außerplanmäßigem stellt sich sein Lebensweg dar. Er formte den Menschen Schmidt unter anderem zum „Glücksfall für Vaihingen!“, wie Oberbürgermeister Gerd Maisch vor kurzem lobte. Schmidt ist Gründer und Förderer des Städtischen Museums Peterskirche, war Herausgeber und Mitherausgeber der Schriftenreihe der Stadt Vaihingen, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Er erhielt im Jahr 1999 die Bürgermedaille der Stadt Vaihingen und sein Wirken für den Turnverein wäre „ein Thema für sich“. Doch zu viel Lob ist dem Vaihinger sowieso zuwider. Vieles in seiner Laufbahn sei kein persönliches Verdienst gewesen, sondern eher glückliche Fügung und manchmal auch „der Vorteil des Negativen“, wie der Doktor der Philosophie es ausdrückt. Zum Beispiel sei er immer ein guter Schüler gewesen, was die Leute zu dem Trugschluss animierte, dass „der Bub fleißig ist“. Schmidt: „Ich war stinkfaul, habe aber problemlos gelernt.“
„Im eiskalten Winter 1929“ erblickt Ernst Eberhard Schmidt in der Vaihinger Mühlstraße das Licht der Welt. Genau gestern vor 80 Jahren. 63 Mädchen und Buben drücken gemeinsam mit ihm in der ersten Klasse die Schulbank. Schmidt: „Ich hatte nie den Eindruck, dass das eine unüberschaubare Menge war.“ Der erste Sonderhalt im Lebenslauf bremst den jungen Burschen während der Schulzeit aus. Sieben Monate arbeitet der 16-Jährige 1945 als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter auf der Domäne Steinbachhof. „Die landwirtschaftliche Arbeit mitzumachen war ein entscheidend prägendes Ereignis“, urteilt Schmidt rückblickend. In seinem Wohnzimmer spreizt der Professor Daumen und Zeigefinger. Wenige Zentimeter misst der Abstand. „So lompeds Gras“ mit der Sense zu mähen hat er damals gelernt. Das sei schon eine Kunst, auf die er immer noch stolz ist und die er seinen drei Kindern beigebracht hat.
Im Jahr ’48 absolviert der junge Schmidt schließlich seine Reifeprüfung und bemüht sich um einen Studienplatz im Fach Germanistik. Doch wieder geht es nicht geradeaus, nicht wie gewünscht. Der unerwartete Tod des Vaters wirft die Pläne über den Haufen. Ernst Eberhard Schmidt führt die väterliche Handelsvertretung einer Wellpappenfabrik weiter, radelt anfangs durch die Lande. Später tuckert er mit einer NSU zu seinen Terminen. Und schon im Herbst ’48 fährt der junge Mann an einem Tag in der Woche in die kaufmännische Berufschule für Jungen in Stuttgart. Zwei Jahre später, als frisch gebackener Kaufmannsgehilfe, schreibt er sich an der Technischen Hochschule Stuttgart im Studiengang Volkswirtschaftslehre ein. Inzwischen kutschiert er im VW-Käfer als Handelsvertreter durchs Ländle und an Samstagen, abends und in der Mittagspause zu Vorlesungen in der Hochschule. Fünf Jahre später hat er das Diplom für Volkswirte in der Tasche, ein Haus gebaut und seine Lore geheiratet.
Der Vaihinger möchte sich nun „seinem Geschäft und seiner Frau widmen“. Doch sein Professor macht ihm einen Strich durch die Rechnung: „Schmidt, was machen Sie jetzt?“, fragt er den Jungakademiker und fügt hinzu: „Ein Mann wie Sie muss weitermachen.“ Eine Doktorarbeit schwebt dem Hochschulprofessor für seinen Zögling vor. Schmidt erinnert sich: „Da zeigte sich wieder der Vorteil des Negativen.“ Denn eine Promotion im Fach Volkswirtschaftslehre war in Stuttgart nicht möglich, im Studienfach Philosophie aber schon. „Da habe ich faktisch ein zweites Studium angehängt.“ Und so schafft er weiter als Handelsvertreter, studiert „nebenbei“ Soziologie und Philosophie und trägt seit 1961 den Titel Doktor der Philosophie.
Schmidt arbeitet daraufhin einige Jahre weiter als Handelsvertreter, die Kinder Ulrike, Ernst Albrecht und Ernst Reinhard werden geboren. Ein Licht geht ihm auf, als ein Verwandter, seines Zeichens Physiker, Dozent wird: „Das wär’ auch was.“ Er beginnt 1968 als Dozent für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Staatlichen Kunst- und Werkschule Pforzheim.
Eine Herausforderung. Dozent in den wilden 68ern. Es gilt, den „antikapitalistisch eingestellten Design-Studenten“ die Grundprobleme und -begriffe von Wirtschaftspolitik, Betriebswirtschaft und Recht nahe zu bringen. Aus seinen Praxisjahren kann er dabei schöpfen. Er hat „das Auf und Ab des Wirtschaftslebens am eigenen Leib erfahren“. Damit habe er auch eine gesunde Skepsis fürs Wirtschaftsgeschehen entwickelt. Ganz im Gegensatz zu den meisten Politikern und Entscheidungsträgern, die ihre Weisheit nur der Theorie verdanken, kritisiert Schmidt. Sinnvolle Lehrbücher waren damals nicht verfügbar. Doch Schmidt schwärmt noch heute: „Wer lehrt, der lernt.“ Er sitzt in seinem Sessel, gestikuliert und erklärt. Gerade so, als hätte er Studenten um sich herum. Überhaupt doziert der Professor, der seit 1993 im Ruhestand ist, gerne. Nicht von oben herab. Eher gleicht die Sache einem natürlichen Vorgang, in dem sich großes Wissen seinen Weg zum Gegenüber bahnt. Den vielen Kenntnissen liegt ein „Interesse an moderner Literatur, Kunst, Musik und Architektur“ zugrunde. Kombiniert mit der Erkenntnis, wie dringend ein Bewahren von Traditionellem ist, entstand daraus ein „Notieren und Sammeln aus weiten Lebensbereichen“. Das Anlegen von Inventaren und Karteien, die Lagerung der „Schätze“ im eigenen Haus, von der auch Ehefrau Lore ein Lied singen kann. Hieraus resultierte unter anderem der Grundstock des „ersten kleinen Museums in der Sakristei der Peterskirche“.
Besonders stolz ist Ernst Eberhard Schmidt auf das Bundesverdienstkreuz und die Bürgermedaille der Stadt Vaihingen. Im Kleinen, im Lokalen etwas bewirken, etwas für den Wiederaufbau und das Selbstwertgefühl der Stadt getan zu haben, das erfüllt ihn mit Freude. „All dies wäre selbstverständlich nicht ohne Helfer möglich gewesen“, ist sich Schmidt bewusst, „hier ist zuerst zu nennen meine Frau – ohne die überhaupt alles nichts gewesen wäre.“
Mittlerweile lassen es die beiden etwas ruhiger angehen. Große Freude schöpft das Paar aus dem gemeinsamen Hobby als Rokoko-Tänzer. Seit 17 Jahren sind die beiden, herausgeputzt als Angehörige der Hofgesellschaft, beim Verein Venezianer Ludwigsburg aktiv. Bei der Aufführung zum 18. Marbacher Jahrhundertfest im Mai werden sie in pompöser Kleidung das Tanzbein schwingen. Für Vaihingen wünscht sich Ernst Eberhard Schmidt, dass „die Vaihinger endlich mal merken, was sie haben an ihrer Stadt und nicht bloß dran rumschimpfen“.
Ob er das hübsche Pralinenschächtele vielleicht wieder haben möchte? Leer, versteht sich. „Nein, nichts mehr sammeln“, ruft Schmidt lachend aus. Er versuche gerade seine „Schätze“ zu ordnen. Schmidt schmunzelt: „Unwichtiges ist dabei wenig zu finden.“ Sabine Rücker
