Wer Oberriexingen auf der Hauptstraße durchquert, trifft gegenüber der Georgskirche auf die Gaststätte „Adler“. Bei Einheimischen ist sie seit jeher bekannt. Für Fremde wird das Haus seit kurzem auf einer Hinweistafel des historischen Stadtrundgangs als „Schilderwirtschaft mit langer Familientradition“ besonders ausgewiesen. In der Enz-Stadt noch immer fest mit dem Begriff „Adler“ verbunden sind die Namen Erich und Ella Schüle, die der Gastwirtschaft zwischen 1957 und 1993 in vierter Generation eine ganz besondere Atmosphäre verliehen haben und bis heute die Eigentümer des mittlerweile verpachteten Anwesens sind. Der „Adler-Wirt“ feierte Anfang des Jahres seinen 80. Geburtstag und schreibt an seinen Memoiren. Ein paar Anekdoten aus dem bewegten Leben des Wirtsehepaars hat er der VKZ bereits vorab verraten.
Zwei Frauen haben das Leben des gebürtigen Oberriexingers ganz besonders geprägt: „Meine Mutter war mein Ein und Alles und ich auch ihres“, erinnert er sich noch heute gerne an sie, „und als ich Ella mit ihren 18 Jahren zum ersten Mal bewusst gesehen habe, habe ich zu meiner Mutter gesagt: Die heirat i! Sie hatte nämlich die gleichen dunklen Augen und Haare wie meine Mama. Ich war sofort in sie verliebt und das bis zum heutigen Tag.“ Eine richtige Entscheidung, wie er auch nach 55 Jahren Ehe betont. Denn seine Frau sei sofort bei allen sehr beliebt gewesen. So übernimmt das junge Paar - er 25, sie 20 Jahre alt - schon bald nach der Heirat die Gaststätte von der Mutter, die sie ihrerseits vom Vater geerbt hatte. Zu dessen Zeiten und ungefähr bis 1911 wurde der „Adler“ übrigens gerne von Enz-Flößern frequentiert.
Damals wurde auf den
Strohsäcken genächtigt
Im Gästebuch kann man nachlesen, wer alles im Laufe der Zeit dort abstieg, sich stärkte oder gar über dem Rossstall auf Strohsäcken nächtigte. Damals und selbst noch bis Mitte der 50er Jahre seien die Wirtschaften allerdings noch anderer Natur gewesen, resümiert Erich Schüle, der seine Sippe, die sogenannten Adamles Schüle, bis zu einem berühmt-berüchtigten Adam Schüle von 1760 zurückverfolgen kann. Damals sei man als Gast nur zum Trinken und geselligen Beisammensein gekommen und habe vielleicht am Wochenende ein kleines Vesper gegessen. Warme Mahlzeiten wie den legendären (Ziegen)-Bockbraten habe man höchstens zur „Kirwe“, dem wichtigsten Fest des Jahres, bei seinem Stammwirt bekommen.
Eigentliche keine
Zeit für Weihnachten
Ella Schüle, die ihre Wurzeln in Bessarabien, dem heutigen Moldawien, hat und als Flüchtling nach Schwaben kam, gibt zu: „Für mich war es nicht leicht. Ich war doch so schüchtern und bei Erichs Mutter saßen immer alle Gäste am Morgen in der Küche, weil es in der Wirtschaft noch kalt war. Wenn ich Essen richten wollte, musste ich erst über viele Füße steigen. Deshalb habe ich gleich gesagt, wenn ich die Gaststätte mache, dann entweder richtig oder gar nicht.“ So übernahm sie nach der Hochzeit das Zepter in der Küche, brachte sich nach und nach alles nötige Wissen selbst bei und kümmerte sich um den Schankbetrieb und ihre zunehmende Kinderschar. Erst abends, wenn Erich Schüle von seiner Arbeit als selbständiger Elektromeister heimkehrte, konnte er seine Frau unterstützen und betreute dann oft bis nach Mitternacht die Vereinsstammtische. Daneben war er selbst lange Jahre aktiver Sänger und engagierte sich obendrein als Stadtrat. „Das haben wir alles nur mit ganz viel Anstrengung geschafft und weil wir keine großen Ansprüche stellten“, sind sich die beiden im Rückblick einig. Ella Schüle ergänzt: „Wir hatten eigentlich nie Zeit für Weihnachten, eigene Geburtstage und waren so gut wie nie allein. Das hat mir für meine Kinder oft sehr leid getan.“
Trotzdem sei es auch eine tolle Zeit gewesen, versichert das Paar und erinnert sich an viele Gäste, die sich oft um einen einzigen Tisch drängten, gemeinsam sangen und lachten, an spontane Klavierdarbietungen mancher Besucher und an ausschweifende Fastnachtsveranstaltungen – „In einer Nacht verkauften wir 100 Flaschen Sekt.“ Ganz besonders gern denken sie auch an die amerikanischen Soldaten, die in Sachsenheim stationiert waren und sich in den Sechzigern - oft gemeinsam mit ihren Familien - bei ihnen wie zu Hause fühlten: „Die waren alle sehr anständig, haben unter den Riexingern gehockt, kaum etwas verstanden, aber Gitarre gespielt und gesungen.“ Dankesbriefe bezeugen bis heute die außerordentliche, „warme Freundlichkeit“, die die ausländischen Besucher bei den Schüles empfanden. So erinnerte sich ein Gast aus Oklahoma rund 15 Jahre nach seinem Deutschlandaufenthalt noch voller Begeisterung an die gemütlichen Abende im „Adler“ und erfragte Ellas spezielles Rezept für Cordon Bleu. Dazu erklärt die Wirtin im Rückblick schmunzelnd: „Das war doch aus der Not geboren. Weil ich nicht immer frischen Schinken im Hause hatte, habe ich stattdessen Schwarzwälder Rauchfleisch ins Schnitzel gepackt - kein Wunder, dass er das Rezept nirgends gefunden hat!“ Bei den Amerikanern machte sie denn auch manchmal eine Ausnahme und ließ sie sogar in der Küche beim Spätzle-Schaben zuschauen… Zusätzlich etablierte sich zunehmend ein Mittagstisch, für die Angestellten ortsansässiger Firmen, aber auch für reisende Vertreter. Dabei sprach sich die Kunst der Köchin weit über die Stadtgrenzen hinaus herum.
Den Gastraum auf
70 Sitzplätze erweitert
Deshalb wurden nach und nach, so wie das Geld es erlaubte, Um- und Anbauten getätigt, ein großer Kühlkeller entstand und der Gastraum wurde von 40 auf 70 Sitzplätze erweitert. Das Geschäft florierte, dank 30 bis 40 Mittagessen täglich und der dreifachen Menge sonntags, aber wohl vor allem auch dank des Credos der Wirtsleute: „Nicht der zufriedene Gast kommt wieder, sondern nur der verwöhnte!“ „Das alles hat Ella gemeistert, obwohl unsere vier Kinder noch klein waren. Und dafür haben die Gäste sie verehrt“, erzählt Erich Schüle nicht ohne Stolz in der Stimme. Kaum einer habe die Gaststube verlassen, ohne vorher bei seiner Frau in der Küche vorbeigeschaut zu haben, um danke zu sagen.
Dass ihm von seiner Mutter dieselbe Gastfreundschaft in die Wiege gelegt wurde wie offensichtlich seiner Frau, zeigen weitere Souvenirs und Erinnerungen an Fremde, die im „Adler“ zu Freunden wurden. So berichtet der rüstige Rentner von den Wiedersehen mit französischen Kriegsgefangenen, die während ihrer Zwangsarbeit von 1940 bis 1945 häufig von seiner gutmütigen Mutter Most zu trinken bekamen. Als einer von ihnen sich nach Kriegsende herzlich von dem 13-jährigen Wirtsbuben verabschiedete, versicherte der ihm: „ Aime, i besuch di!“ Bis zur Einlösung des Versprechens dauerte es über 30 Jahre, die er unter anderem dazu nutzte, ein paar Wörter Französisch zu lernen. Dafür war das Wiedersehen bei Limoges umso ergreifender und treibt dem Achtzigjährigen noch heute Tränen der Rührung in die Augen. Aime seien sofort wieder schwäbische Wörter eingefallen und auch das Fahrtenmesser, das er dem Franzosen damals für die Heimreise geschenkt habe, sei noch auf der Kommode gelegen. Zu dessen Enkeltochter unterhalten die Schüles bis heute Briefkontakt.
Heute bestimmen Fernseher statt
Geselligkeit die Atmosphäre
Eigene Enkel haben die beiden übrigens auch - acht an der Zahl. Doch trotz genügender Nachkommen wollte aus der Familie niemand das Erbe des „Adlers“ antreten. Das habe er lange bedauert und deshalb das Anwesen auch zunächst nicht verkaufen wollen, gibt Erich Schüle zu. Aber mittlerweile habe er akzeptiert, dass sich die Verhältnisse geändert haben. Das Herzblut, das Ella und er beide gemeinsam in den Betrieb gesteckt hätten, könne er seinen Kindern, deren Partnern und den Enkeln nicht abverlangen. Außerdem fehle zunehmend die Wertschätzung der Gäste durch die Wirte und leider bestimme heute immer öfter Fernsehen statt Geselligkeit die Atmosphäre im Gasthaus. Deshalb schaut der „Adler-Wirt“ zusammen mit seiner Frau lieber zufrieden auf die vergangenen Zeiten zurück, freut sich auf die regelmäßigen Treffen mit seinen ehemaligen Stammgästen und wünscht sich lediglich, dass ihrer beider Gesundheit sie noch lange beisammenbleiben lässt. (vg)
