Donnerstag, 09. Februar 2012

Der 100. Geburtstag




Ella Reincke. Foto: Bögel
Ella Reincke. Foto: Bögel

Sie sitzt im Rollstuhl und freut sich. Auf dem Tisch steht eine dreistöckige Torte. Die hat ihr eine Mitarbeiterin des Karl-Gerok-Stiftes in Vaihingen versprochen, wenn sie 100 Jahre alt werden sollte. Und am Samstag ist Ella Reincke 100 Jahre alt geworden. Seit zehn Jahren lebt sie in dem Heim an der Eichendorffstraße. Im Wohnbereich A2. Und hier will sie auch ihren Geburtstag feiern, zusammen mit ihren Nachbarn, ihrer zweiten Familie.
Die Tochter, die in Vaihingen lebt, kommt natürlich an diesem Tag. Die Enkel, die Urenkel – am Tisch sind letztendlich vier Generationen vereinigt. Der Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch ist Gast an diesem Ehrentag, überbringt die Glückwünsche des Ministerpräsidenten. Die Urkunde ist Ella Reincke nicht so wichtig, sie packt lieber das Präsent aus dem Vaihinger Rathaus aus. Martin Walter und Katja Rohloff vom Karl-Gerok-Stift überreichen ein Windlicht – das haben die Bewohner spendiert. „Das ist aber schwer“, stellt die Jubilarin fest. Mit ihrer positiven Lebenshaltung verblüfft sie immer wieder Bewohner und Pflegepersonal. Und um einen kecken Spruch ist sie auch nicht verlegen: „Wer geht noch mit in die Disko?“, heißt die Frage von Ella Reincke am Abend.
Reincke, geboren in Pritzwalk (Brandenburg), hat in ihrem Leben fünf verschiedene Staatsformen erlebt – ein Jahrhundert der deutschen Zeitgeschichte. Als Kind bekam sie das Kaiserreich mit, als Heranwachsende die Weimarer Republik, das Naziregime als junge Familienmutter, die DDR als reife Frau und das wiedervereinigte Deutschland im hohen Alter.
Am 21. November 1909 wurde Ella Reincke als drittes von insgesamt vier Kindern geboren. 1909 regierte in Deutschland Kaiser Wilhelm II. Dieser hatte bereits 1890 Reichkanzler Bismarck entlassen. Es folgte eine Kurswende in der deutschen Außenpolitik mit einer zunehmenden Isolation Deutschlands. Die Beziehungen zu England und Russland verschlechterten sich, Russland verbündete sich mit Frankreich und Frankreich mit England. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo löste schließlich den Ersten Weltkrieg aus. Da war Ella Reincke noch keine fünf Jahre alt.
Über vier Jahre sollte das Morden dauern. Am Ende waren Millionen von Menschen getötet und über Europa brauste die Revolution. „Es war eine schwere Zeit für meine Familie: Ich ging mittlerweile in die Schule am Gießensdorfer Weg, mein Vater war im Krieg und meine Mutter hatte alle Not, die Familie mit uns beiden Kindern durchzubringen. Als ich 1919 meinen 10. Geburtstag feierte, war das Kaiserreich zerschlagen und eine deutsche Republik war entstanden“, heißt es in den Aufzeichnungen von Ella Reincke. Zahlreiche Reformen traten in Kraft, das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag wurden eingeführt. Die Familie hatte den Krieg überlebt, doch die Inflation, eine der radikalsten Geldentwertungen, die eine der großen Industrienationen in der Neuzeit je erlebt hat, stand bevor. Die Preise erreichten nie gekannte Höhen, bis die Reichsbank im November als höchsten Wert einen Geldschein über 100 Billionen Mark (100000000000000 M) drucken ließ, denn ein Laib Brot kostete letztlich eine Billion Mark. Die verfügbaren Zahlungsmittel reichten nicht mehr aus und Städte, Gemeinden und Firmen gaben eigene Notgeldscheine heraus. Erst durch die Einführung der Rentenmark stabilisierte sich die Währung und der Pfennig galt wieder als Wert. Die Inflationsscheine verwendete man später vielfach zweckfremd und überdruckte sie zu Eintrittskarten, Mitgliederausweisen, Quittungen und Festtagsglückwünschen.
Reincke war gerade 20 Jahre alt, da erfasste die Weltwirtschaftskrise nach den USA auch die Länder Europas. Zu deren Höhepunkt 1932 gab es in Deutschland mehr als sechs Millionen Arbeitslose, die größtenteils in Elend lebten. In der Folge fanden extremistische Parteien noch stärkeren Zulauf als zuvor – die NSDAP wurde bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 stärkste Kraft und am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Im Oktober 1932 hatte Theo Reincke seine Ella geheiratet und 1934 wurde Tochter Ursel geboren. Das Glück schien komplett, doch es zogen neue dunkle Wolken auf: 1938 erwirkte Hitler den Anschluss Österreichs und im Münchner Abkommen den Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland. Mit dem Angriff Deutschlands auf Polen brach am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Ein ungeheurer Terror erfasste Europa.
Auch die Heimatstadt Pritzwalk wurde nicht verschont. Am 2. Mai 1945 erreichte die Rote Armee die Stadt. Es begann ein Plündern und Vergewaltigen. Teile der Stadt standen bald in Flammen und auch die Familie Reincke konnte nicht viel mehr als das Leben retten. Als der Krieg am 7. Mai 1945 durch die bedingungslose Gesamtkapitulation Deutschlands endlich vorüber war, hatte sie ihren Sohn Burkhard verloren und ihr Mann war verschollen.
Als die Jubilarin 1949 vierzig Jahre alt wurde, war ihr Heimatland geteilt in die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. „Ich hatte meine Familie mit meiner Hände Arbeit durchgebracht, als endlich mein Mann aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Durch meine Vorarbeit konnte er glücklicherweise bald ein Geschäft eröffnen. Meine Tochter Ursel fand im Westen eine neue Heimat, was spätestens mit dem Mauerbau am 13. August 1961 die gegenseitigen Besuche sehr erschwerte. Nun saßen wir in der Mausefalle. Die politischen Verhältnisse zwischen Ost und West verschlechterten sich. Erst zu meinem 60. Geburtstag konnte ich wieder in den Westen fahren. Ein Jahr später starb mein geliebter Mann. Ich zog bald darauf nach Lüneburg und blieb dort viele Jahre.“
Wieder standen große politische Veränderungen an: Im Sommer und Herbst 1989 flohen immer mehr Bürger der DDR über Ungarn, das am 2. Mai seine Grenze zu Österreich öffnete. Ab dem 11. September konnten DDR-Bürger auch über bundesdeutsche Botschaften in den osteuropäischen Staaten ausreisen. Die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage und die enttäuschten Hoffnungen auf freiheitliche Veränderungen führten im Rahmen der Friedensgebete der evangelischen Kirche zu Protestdemonstrationen, die sich sehr schnell zu friedlichen Großdemonstrationen ausweiteten. Am 18. Oktober trat Honecker zurück. Wenige Tage später folgte ihm die gesamte DDR-Regierung. Am 9. November, wenige Tage vor Ella Reinckes 80. Geburtstag, wurde die Berliner Mauer geöffnet. (ub)
 




Seitenanfang