Freitag, 10. September 2010

Den Jakobsweg geschafft




Rainer Schumacher vor der Route des Jakobswegs. 2600 Kilometer hat er in vier Monaten zurückgelegt. Foto: Bögel
Rainer Schumacher vor der Route des Jakobswegs. 2600 Kilometer hat er in vier Monaten zurückgelegt. Foto: Bögel

Nach 1700 Kilometern kam die Zäsur. Eine Sehnenscheidenentzündung am Fuß ließ das Unternehmen fast kippen. Sechs Tage lang saß Rainer Schumacher im Hotel am Fuß der Pyrenäen, dem Gebirge zwischen Frankreich und Spanien, fest. „Bis ins Schienbein hoch zogen sich die Schmerzen“, sagt Schumacher. Geht es weiter oder musste hier die Mammuttour von Aurich nach Finisterre abgebrochen werden? 900 Kilometer vor dem Ziel. „Das hätte mich total genervt“, sagt Schumacher. Der 60-jährige Berufsmusiker aus Aurich ist ein Mann, der kein Scheitern duldet. „Was ich mir vornehme, das muss auch klappen.“
Jetzt sitzt er am Esstisch seines Hauses in der Römerstraße. 2600 Kilometer hat er in 16 Wochen auf dem Jakobsweg zurückgelegt – durch Deutschland, durch die Schweiz, durch Frankreich und die letzten 900 Kilometer auf dem legendären Camino Francés durch Spanien bis nach Santiago de Compostela (vor dem Start hat die VKZ schon einmal berichtet). Er hat nicht aufgegeben, hat sein Versprechen eingelöst, das Schumacher sich nach einer schweren Operation vor vier Jahren gegeben hat: „Wenn alles gut geht, laufe ich bis ans Ende der Welt.“ Der Soloklarinettist hat den Pilgerweg bewältigt, ohne ein wirklicher Pilger zu sein. Schumacher ist wieder daheim, 14 Kilogramm leichter, aber nicht unbedingt reicher an Erfahrungen. „Das war für mich ein normaler Weg, nicht mehr, nicht weniger. Jetzt kann ich das Thema abhaken.“
Wenn Rainer Schumacher die letzten vier Monate Revue passieren lässt, sprudelt es aber doch aus ihm heraus. Heftig gestikulierend erzählt er dem Besucher die Abenteuer, die den Körper oft ans Limit führen, die Grenzerfahrungen spüren lassen. Die 1100 Kilometer durch Frankreich bei 40 Grad Hitze, die Wanderstöcke bleiben im geschmolzenen Asphalt stecken, rechts und links verbrannte Sonnenblumenfelder, Tagestouren von weit über 30 Kilometern. Irgendwann macht da der Körper nicht mehr mit, das Herz schlägt unregelmäßig, am Ende der Frankreich-Etappe streikt der Fuß.
„Dann habe ich reduziert“, sagt Schumacher. Statt den geplanten 30 Tagen lässt sich der Auricher in Spanien 35 Tage Zeit, die Tagestouren werden kürzer. „Das war ein richtiger Neubeginn. Fast wie Urlaub.“ In zwei, drei Jahren will Schumacher den Jakobsweg in Spanien, der durch das Buch von Hape Kerkeling noch bekannter wurde, ein zweites Mal laufen. Burgos, Léon, die Kathedralen, die Friedhöfe, der tolle Weg über die Pyrenäen. Da lässt es sich verschmerzen, dass der spanische Camino Francés eine Touristenroute par excellence ist – „die Vermarktung ist unübersehbar“, sagt Schumacher. Beim Pilgergottesdienst in Santiago kann er nur den Kopf schütteln. Da sind die Erlebnisse in einer kleinen Kirche in Frankreich viel eindrücklicher. Und überhaupt die Pilger: „Deren Wandermoral ist nicht besonders hoch“, so die Beobachtung von Rainer Schumacher. Da wird das Taxi genommen, der Bus oder der Zug, wenn das Wetter schlecht ist, wird die Tagesetappe radikal gekürzt, den Rucksack lassen viele Pilger von einem Serviceunternehmen transportieren.
Das war und ist keine Option für Schumacher. Brav schleppt er seine 15 Kilogramm auf dem Rücken durch die Pampa. Mit seinen Halbschuhen, die die 2600 Kilometer problemlos überstehen („Sehen Sie, nur an den Außenseiten ist das Profil weg“), lässt er keinen Zentimeter des Weges aus. Mit der ihm eigenen stoischen Ruhe und seinem Tunnelblick packt Schumacher Kilometer für Kilometer. „Als ich am Ziel war, war ich nicht sonderlich gerührt. Es war vorbei und es hat gereicht“, erzählt Schumacher ohne große Emotionen. „Viele suchen auf dem Weg Lösungen für ihr Leben. Ich habe in meinem Leben nichts zu ändern.“
Übernachtet hat der Auricher auf der viermonatigen Wanderung nur in Hotels, Pilgerherbergen und Massenquartiere waren tabu. „Ich habe Leute getroffen, die waren voll mit Wanzenstichen. Furchtbar.“ Klar, als es über die Meseta-Ebene in Spanien ging, nutzte Schumacher sein ganzes Equipment, das er vor der Tour in penibler Zusammenarbeit mit Clara Fauser, einer Freundin der Familie zusammengestellt hat, nichts. Trotz Strohhut und Sonnenbrille machten sich Millionen von Fliegen über die Pilger her. „Das war wie Regentropfen. So prasselten sie auf einen nieder.“
Der Jakobsweg ist Vergangenheit. „Das Laufen ist schon so weit weg von mir“, sagt Schumacher, obwohl er erst seit eineinhalb Wochen wieder in Aurich ist. Bei der Vorbereitung auf den Jakobsweg war die Verklärtheit größer, Bilder gaukelten ein Idyll in den spanischen Bergen vor. Vor Ort stellt sich heraus, dass in jedem verfallenen Haus ein Verkaufsstand eingerichtet ist. Der Dattelverkäufer macht mit TV-Entertainer Kerkeling Werbung. An weiten einsamen Feldern, die auf Postern Werbung machen, führt in der Realität in 500 Meter Entfernung die Nationalstraße vorbei. Rainer Schumacher lehnt sich gemütlich auf die Eckbank. „Ich habe jetzt einfach keinen Bock mehr zu laufen. Ich bin richtig faul.“ Im Dezember geht es mit Ehefrau Beate für zwei Wochen in den Urlaub nach Ägypten – ganz ohne Wanderungen.
Die Augen von Schumacher leuchten auf. „In zwei, drei Jahren laufe ich den Jakobsweg in Spanien noch einmal.“ Das hat er schon vor einer halben Stunde erzählt. Das Virus des Weges, dessen Richtung von der Muschel gezeigt wird, hat von Rainer Schumacher, dem Pilger ohne jeglichen religiösen Hintergrund, Besitz ergriffen. Wenn auch der Jakobsweg für ihn nur ein ganz normaler Weg ist, ohne Schwingungen, ohne Erkenntnisgewinn. Die Tour ist eben doch etwas Besonderes – vor allem, wenn man sie geschafft hat! (ub)




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