Bundesverdienstkreuz für Vaihingerin Anneliese Dohse
Die Auszeichnung mit dem „Verdienstkreuz am Bande“ trifft Anneliese Dohse völlig unerwartet: „Ich bekam Post aus der Villa Reitzenstein, machte den Briefumschlag auf und dort stand ‚Der Ministerpräsident Baden-Württembergs...‘ und ich dachte ‚huch!‘.“ Irritiert sei sie gewesen und habe überlegt, „ob ich das wirklich verdient habe“. Dohse: „Inzwischen denke ich, dass es eigentlich auch eine Generation von Pfarrfrauen ehrt, die ihre Kraft für die Gemeinde eingesetzt haben.“ Als Annerkennung für herausragende ehrenamtliche Verdienste erhielt die Vaihingerin vor wenigen Tagen die Auszeichnung aus den Händen von Ministerpräsident Günther Oettinger (wir haben berichtet). Eins ist ihr gleich nach dem Eingang des offiziellen Schreibens klar: Das kann nur Dekan Hartmut Leins angeleiert haben. „Er hat niemand was gesagt, weil nicht sicher war, ob der Antrag durchgeht.“ Zwei Jahre dauert die Prozedur bis fest steht, dass die Vaihingerin das Verdienstkreuz am Bande erhält.
Anneliese Dohse sitzt auf ihrem Sofa im Vaihinger Häuschen und erzählt aus ihrem Leben. Das Telefon bimmelt, an der Tür klingelt es, von ruhigem Lebensabend keine Spur. „Mich haben Menschen immer interessiert“, sagt die Seniorin. Und äußert einen Wunsch: „Nicht so schwülstig schreiben. Es ist doch ein ganz normales Leben.“
Organisieren, das hat Anneliese Dohse von klein auf gelernt, „das kann ich bis heute“, sagt sie. 1928 wird sie als ältestes von sieben Kindern in Hilchenbach, Kreis Siegen-Wittgenstein, geboren. In einem ganz offenen, frommen und liebevollen Elternhaus sei sie aufgewachsen. Die Verbindung nach Vaihingen besteht von Anfang an: „Mein Vater war Schuhmachermeister und kam als Geselle ins Schuhhaus Weigele nach Vaihingen.“ Der junge Bursche verliebt sich „in die jüngste Tochter, Berta“, Anneliese Dohses Mutter.
In Hilchenbach steht irgendwann die Frage nach der Zukunft von Anneliese Dohse im Raum. Eine gute Ausbildung soll sie bekommen, das ist den Eltern klar. Aber der Besuch der benachbarten Mädchenschule kommt nicht in Frage. Arrogante Töchter aus gut situiertem Haus seien dort unterrichtet worden. Dorthin wollten die Eltern ihre Anneliese nicht gehen lassen. Die beherzte Volksschullehrerin setzt sich jedoch durch, das Kind darf die Mädchenschule besuchen und hat im Jahr 1947 ihr Abitur in der Tasche. Zu dieser Zeit beginnt sie mit der ehrenamtlichen Tätigkeit – in der Jugendarbeit.
„Ich wollte gerne in Heidelberg Deutsch und Geschichte studieren“, erinnert sich die Vaihingerin. Sie sei so jung und wolle doch sicher keinem Kriegsheimkehrer den Studienplatz wegnehmen, war im Antwortschreiben der Universität zu lesen. Anneliese Dohse hilft daraufhin im elterlichen Schuhgeschäft mit. Alle vier Wochen macht sie sich mit zwei Koffern, einem Rucksack und einer Schuh-Wunschliste der Kunden auf den Weg ins Salamander-Schuhwerk nach Kornwestheim. Ein abenteuerliches Unterfangen, denn bei der Heimreise verbringt die junge Frau die Nacht im Frankfurter Bahnhof: „Ich setzte mich auf meine Koffer und hütete die Sachen.“ Erst mit dem Anschlusszug am frühen Morgen geht die Reise weiter.
Im Jahr 1949 zieht die Familie schließlich nach Vaihingen. Hier lernt die junge Frau beim Singen im Kirchenchor ihren späteren Ehemann, den 16 Jahre älteren Theologen Reinhard Dohse kennen. Geheiratet wird im Sommer 1950, und im Jahr darauf erblickt Sohn Christoph das Licht der Welt. Beate, Johannes und Nesthäkchen Cornelia machen im Lauf der Jahre das Geschwister-Quartett komplett. Als Reinhard Dohse 1954 die Pfarrstelle in Heutingsheim übernimmt, werden der Pfarrersfrau die Themen Frauen- und Jugendarbeit zugetragen. „Ich habe zu meinem Mann gesagt, dass wir einen Deal machen: Ich mache die Jugendarbeit und er nimmt die Alten“, erinnert sich Anneliese Dohse an diese Zeit, „so haben wir das dann gemacht.“
Von da ab geht es noch turbulenter im Hause Dohse zu. Mangels Gemeindesaal wird die Wohnung der Pfarrersfamilie hin und wieder als solcher genutzt. „Die Leute haben unglaublich viel Vertrauen in mich gehabt“, freut sich die 80-Jährige noch heute und führt das unter anderem darauf zurück, „dass ich andere Menschen nicht gleich verurteilt habe.“ Ende der 50er Jahre fliegen ihr weitere ehrenamtliche Tätigkeiten zu. 20 Jahre lang ist sie bei diversen Schulen als Elternvertreterin tätig, außerdem leitet sie verschiedene Frauenkreise.
Im Jahr 1970 trifft ein harter Schlag die Familie: das Pfarrhaus brennt lichterloh. Die Eltern, drei der vier Kinder – das jüngste ist bei den Großeltern in Vaihingen – und vier Gäste können sich in den frühen Morgenstunden des Brandes aus dem frisch renovierten Haus retten. „Das war etwas ganz Schlimmes für uns alle.“ Die Familie kommt zunächst bei Nachbarn unter „und der ganze Ort hat unglaublich geholfen“. Letztendlich, resümiert die Vaihingerin, „war ich zutiefst dankbar, dass alle gesund waren. Und es war gut, dass ich einfach doch Spannkraft hatte“. Dass das Schiff Familie gut durch die Wirren des Lebens bugsiert wird, das ist Anneliese Dohse immer wichtig. 1971 ziehen Dohses nach Bad Wildbad, wo ihr Mann eines Tages „aus einer Sitzung kam und sagte, dass niemand für den Religionsunterricht in Klasse 3 da war“. Wenn ich das mache, dann richtig, war ihre Antwort. Sie absolviert ein Fernstudium, das sie als Religionslehrerin qualifiziert. „Spannend, wenn man sich überlegt, was in ein Leben reinpasst“, kommentiert die Vaihingerin.
Im Sommer 1975 zieht die Familie schließlich nach Vaihingen und Anneliese Dohse unterrichtet auch dort und im Umland Religion. In puncto Ehrenamt gibt es in den kommenden Jahren viele Neuerungen: Sie ist Mitglied des Landesarbeitskreises der evangelischen Frauenhilfe. 1976 gründet sie in Vaihingen einen Kinderchor, ein Jahr später den Vaihinger Diakoniechor, sie leitet Seniorenfreizeiten der Diakonischen Bezirksstelle. Sie ist Mitglied im Vaihinger Kirchengemeinderat, im Ausschuss Erwachsenenbildung der Kirchengemeinde Vaihingen und in Ausschüssen der Württembergische Landessynode. „Heiße Eisen der Gesellschaft“, seien bei der Arbeit in der Landessynode auf der Agenda gestanden – Paragraf 218, Apartheid, Homosexualität... „Und“, fällt ihr ein, „ich habe damals den Cem Özdemir schon bei einem Hearing kennengelernt.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.
Nur eine Zwangspause kann diese Frau kurzzeitig stoppen: Nach einem beruflichen Aufenthalt in Teheran, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann von Oktober 1981 bis Februar 1982 arbeitet, kehrt die vierfache Mutter schwer an Hepatitis erkrankt nach Deutschland zurück. 14 Wochen lang liegt sie in der Tropenklinik in Tübingen. „Eine Ruhepause“, sagt sie heute, „ich hatte ja keine Schmerzen.“
Gedanken ums Kochen und Putzen, das sind nach wie vor nicht die Lebensinhalte der Oma und Uroma: „Wenn man nicht interessiert ist, kann man sich doch gleich begraben lassen.“ Im Terminkalender zeigt nur der Dezember ein wenig Luft zwischen den Zeilen. An ehrenamtlichen, regelmäßigen Tätigkeiten „habe ich noch die Frauenarbeit und den Diakoniechor“, so die seit 1992 verwitwete Anneliese Dohse. Einmal im Jahr schart das Energiebündel ihre Kinder samt Familien für einen einwöchigen Urlaub um sich. Im letzten Jahr bereiste sie mit zwei Enkelsöhnen die Türkei. Und ihren Traum – „ich wollte immer mal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren“ – wer weiß, den macht sie vielleicht auch noch wahr. In diesem ganz normalen Leben.
Sabine Rücker
