„Der Kolabaum blüht.“ Diese Nachricht erreichte die Redaktion aus Ensingen. Wer hinter dieser Meldung einen großen Baum erwartet, liegt falsch. Spektakulär ist die Sache trotzdem. Denn das in Afrika beheimatete Gehölz wurde von Gudrun Schmid aus Ensingen selbst aus einem Samen gezogen. Seit sieben Jahren hütet sie den Schatz, der als Frucht in ihren Besitz kam. Gefunden hatte sie die Sammelfrucht mit den Samen im Urlaub auf La Gomera. In einem Park, in dem Pflanzen aus aller Welt wachsen dürfen. Ein Eldorado für Gudrun Schmid. Denn der Kolabaum ist nur einer unter vielen Exoten in ihrem Sammelsurium der Gewächse.
Schon als Kind wuselt Gudrun Schmid bei der Tante in Hamburg im Gewächshaus herum. Später, als die Familie nach Ötisheim gezogen ist, bekommt das Mädchen ein Stück Garten. Aus Wald und Flur sammelt sie Pflanzen für ihre Scholle. Maiglöckchen, Margeriten, Wiesensalbei, Veilchen – alles wird sorgfältig gepflegt. „Bei mir ist alles gewachsen“, sagt die 67-Jährige. „Gucken sie mal, lauter Kamelien, alle selber gezogen“, wirft sie ein und deutet auf eine Reihe Topfpflanzen. Beruflich arbeitet das Schmid als junges Mädchen zunächst in der Goldbranche. Mit 18 heiratet sie ihren Mann Werner, der als Maler, Vorsitzender der Ortsgruppe Ensingen des Schwäbischen Albvereins, im Zusammenhang mit dem Ensinger Bauertheater und als Autor bekannt ist. Gudrun Schmid möchte eigentlich gar nicht so ins Rampenlicht, aber wenn der Kolabaum blüht, springt sie über ihren Schatten. Als junge Mutter von vier Kindern hilft sie damals im Malergeschäft in Horrheim. Ihren grünen Exoten kann sie sich erst wieder inbrünstig widmen, als der lang ersparte und ersehnte Wintergarten am Ensinger Haus steht. „Wie das toll ist im Winter“, schwärmt die Hobby-Botanikerin.
Und nicht nur dann. Auch jetzt schicken sich Blumen aus fernen Ländern an, mit Blüten zu prahlen. Die Kängurupfote aus Australien zum Beispiel, von der Schmid sich Samen mitbringen ließ. Meist kann sie erst, wenn die Gewächse blühen, in ihren Büchern wühlen und die Art bestimmen. Erst dann weiß Gudrun Schmid, um was sie sich mitunter jahrelang gekümmert hat. Beim Kolabaum steht auf dem Schildchen, das jeder Kandidat im Topf bekommt, das „Geburtsdatum“ 7. Februar 2004. Und erst 2011 hat das Bäumchen mit seinen Blüten gezeigt, zu welcher Pflanzenart es gehört. Einen betörenden Blütenduft gab’s dabei gratis dazu. „Ich gebe keine Ruhe, bis ich weiß, welche Pflanze es ist“, gibt Gudrun Schmid zu. Falls sie in ihren Büchern nichts findet, wird der Sohn im Internet auf die Jagd nach der unbekannten Pflanze geschickt.
Bei der Frangipani, einem besonderen Liebling, leuchten
die Augen der Hobby-Botanikerin
Fragt man nach besonderen Lieblingen, dann leuchten die Augen der Ensingerin. Da ist zum Beispiel ihre Frangipani, die gerade mannshoch an der Südseite der Hauswand steht. Der Same wurde ihr aus Israel mitgebracht. Sie ist ein Gehölz aus der Familie der Hundsgiftgewächse und liefert den Rohstoff für die Blütenkränze auf Hawaii. Ihr Blütenduft kann verzaubern und findet auch heute noch in Parfümdüften Anwendung. Darüber, wie die Pflanze ihren Namen erhielt, gibt es verschiedene Ausführungen. Ob sie nach einem italienischen Zeitgenossen, vielleicht einem Botaniker, im 15. Jahrhundert benannt wurde oder nach einem Parfümeur namens Frangipari einige Jahrhunderte früher, ist anscheinend unklar.
„Unsere Welt ist so fantastisch“, schwärmt Schmid und lässt den Blick über ihre Lieblinge gleiten. Paternoster- und Flammenbaum schmiegen sich Topf an Topf mit Zitrone und Granatapfel. Die Petticoat-Palmen vor der von Gatte Werner kunstvoll gestalteten Holzwand sind natürlich auch selbst gezogen. Manchmal, sagt Gudrun Schmid, sei ihrem Mann das Blumen-Hobby ein wenig lästig. Beispielsweise wenn es darum geht, die Töpfe aus dem Winterquartier zu schleppen. Ihren Teich habe sie aber in dreijähriger Arbeit allein ausgehoben, sagt Schmid. Ihre vielen holzigen Schätze – darunter Yuccas, der Orchideenbaum, die Feige und, und, und – bringen neben Freude manchmal auch Probleme. Urlaubsvertretungen, die zweimal täglich gießen, sind rar.
Die Pflanzenhüterin selbst musste beim Gießkannenformat inzwischen abspecken, da der Rücken nicht mehr mitmacht. Aber die Mühe lohnt sich für Gudrun Schmid immer wieder: „Mich bitzelt’s, bis ich weiß, was es ist“, beschreibt sie den Blick in den Blumentopf.
Der Kolabaum hat sein Geheimnis in diesem Jahr gelüftet. Und ganz zufällig feiert Coca-Cola den 125. Geburtstag. „John Smith Pemberton hatte vermutlich nicht die geringste Ahnung, dass er den Grundstein für ein Weltimperium legte, als er 1886 in seiner Apotheke einen dunklen Sirup zusammenmixte“, steht unter Tagesschau.de zu diesem Jubiläum zu lesen. Angereichert mit ordentlich Sprudelwasser sollte die Mixtur gegen Kopfschmerzen und Depression helfen. Zur Rezeptur gehörten Kolanüsse und Kokablätter des Kolabaums. In seiner Heimat Afrika ist Cola nitida, einer von rund 125 Arten der Kolabäume, schon lange für die Wirkung seiner Kolanüsse geschätzt. Frisch gekaut wird den Samen eine anregende Wirkung zugesprochen.
Das Rezept von Coca-Cola gilt dagegen als großes Geheimnis. Den Siegeszug des Getränks hat das nicht behindert. Fünf Cent kostete in den Anfängen ein frisch gezapftes Glas – heute ist Coca-Cola das meistverkaufte Erfrischungsgetränk der Welt. (21. Mai 2011/sr)
