Ortstermin auf dem Aussiedlerhof Ampfertal am Rande Eberdingens. Ein idyllisch gelegenes, von Pferdekoppeln umgebenes Gebäudeensemble, strahlender Sonnenschein, ein schwanzwedelnder Hofhund sowie eine weit geöffnete Haustüre empfangen an diesem Morgen Fremde wie Freunde. Hier wohnt Familie Bauz, über mehrere Generationen mit der Landwirtschaft und seit Dezember 1994 mit einem ganz besonderen Schicksal verbunden. Denn Wolfgang Bauz leidet an Multipler Sklerose und ist schon über zwölf Jahre an den Rollstuhl gefesselt. Doch damit nicht genug: Seine Frau Birgit betreut neben ihm auch ihren 77-jährigen Vater zuhause rund um die Uhr. Er ist nach einem Schlaganfall mit Gehirnblutung und dreiwöchigen Koma seit Februar 2007 ein Schwerstpflegefall und lebt seitdem ebenfalls auf dem Hof.
Wie jeden Morgen seit sechs
Uhr auf den Beinen
Wer jetzt eine völlig erschöpfte Frau in deprimierter Stimmung erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt: Birgit Bauz begrüßt ihre Besucher fröhlich und offen und sprüht vor Energie. Wie jeden Morgen ist die attraktive Mittvierzigerin seit sechs Uhr auf den Beinen. Sie hat ihren Mann bereits von Kopf bis Fuß gepflegt, angekleidet, ihm im Bett das Frühstück gereicht und liftet ihn nun für ein paar Stunden in den Rollstuhl, damit er auf dem großen Balkon die ersten Frühlingsboten um sich herum genießen kann. Derweil kümmert sie sich um ihren Vater Kurt Merkle, wäscht ihn im Bett, reinigt wie eine gelernte Krankenschwester sein Tracheostoma, sprich die Beatmungskanüle in der Luftröhre, und wechselt die Nahrung an der Magensonde. Dann hebt sie ihn mit geübtem Griff in den Rollstuhl. „Er ist nicht schwer, deshalb brauche ich keinen Lifter für ihn“, erklärt sie ganz nebenbei. Schließlich putzt sie seine Brille und reicht ihm seine geliebte Pfeife. „Die ist natürlich leer!“ – Aber Herr Merkle lächelt trotzdem.
Übrigens eine der wenigen Reaktionen, zu denen er fähig ist. Wie viel er sonst noch mitbekommt, weiß die Tochter nicht genau, weil er nicht mehr sprechen kann. „Aber ich merke, dass er sich entspannt, wenn ich da bin“, stellt sie fest und gibt ihrem Vater einen liebevollen Kuss.
Wo sie die Pflege gelernt hat? Als ehemalige Verkäuferin in einem großen Einrichtungshaus habe sie beruflich überhaupt nichts damit am Hut gehabt und sei einfach so hineingeschlittert, erklärt sie. Allerdings habe sie anfänglich bei jeder Behandlung ihres Mannes den Physiotherapeuten, Logopäden und dem übrigen Fachpersonal über die Schulter geschaut, um sich die nötigen Handgriffe einzuprägen. Für die Pflege ihres Vaters habe sie dann noch eine spezielle Einweisung erhalten. Woher sie die Kraft nimmt? Von den Menschen, die die Familie in vielerlei Hinsicht unterstützten, von ihrer positiven Grundeinstellung und von ihrem persönlichen Lebensmotto: „Ich tue das, was mir gut tut, und von allem und allen anderen halte ich mich fern!“ Außerdem sehe sie ihr momentanes Leben nicht als schlimmes Schicksal, sondern als Aufgabe, in der sie aufgehe. Für Außenstehende sicher nicht leicht zu verstehen, muss sie doch fast rund um die Uhr ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um ihren Familienmitgliedern den Heimaufenthalt zu ersparen.
Während es aus Birgit Bauz förmlich heraussprudelt, lächelt der Hausherr meist still vor sich hin und beschränkt sich auf ein paar wenige, aber sehr treffende Kommentare: Seine Frau habe bei ihm und den Pflegekräften im Krankenhaus, in das er sich regelmäßig zur Kortison-Therapie einfindet, einen passenden Spitznamen: „Der Sheriff kommt!“. Denn sie kümmere sich unermüdlich und unerschrocken um alles und kämpfe durch alle Institutionen hindurch für seine Belange und die seines Schwiegervaters. Auf den Beginn seiner Erkrankung angesprochen, erinnert er sich an einen schweren Fieberanfall im Jahr 1986. Kurz vorausgegangen ist der Tod seines dominanten Vaters, der bis dahin ein strenges Regiment auf dem Hof führte.
Erst danach kann der Sohn seine eigenen Ideen entfalten, sattelt von der Milchkuhhaltung auf Pferde um und erlernt den Beruf des Schlossers. 1993 befällt Wolfgang Bauz erneut hohes Fieber mit grippeähnlichen Symptomen und tauben Füßen. Ab diesem Zeitpunkt ist er nicht mehr voll leistungsfähig und erfährt nach einem dritten Schub im September 1994 schließlich am 6. Dezember des gleichen Jahres die grausame Diagnose MS. Sein erster Gedanke ist „Rollstuhl“ und seine unmittelbare Reaktion gegenüber seiner Freundin Birgit lautet: „Jetzt gehst du besser!“ Doch diese kontert unerschrocken: „Nun will ich dich erst recht! Lass uns so schnell wie möglich heiraten!“
Er kann die Kräfteverschiebung
in der Ehe nur
schwerlich akzeptieren
So hätten sie beide sich im folgenden Sommer trotz drohender Schatten über ihrer Zukunft ein zweites Mal zur Ehe getraut und ein rauschendes Hoffest gefeiert, erinnert sich Frau Bauz strahlend. Doch die Realität holt sie schneller ein, als sie sich vorstellen können. Da er seit der MS-Diagnose und anhaltenden körperlichen Beeinträchtigung nicht mehr berufstätig ist, hat Wolfgang Bauz sehr viel Zeit zum Grübeln, während seine Gattin weiterhin als Verkäuferin arbeitet. Dies birgt auf Dauer ein hohes Konfliktpotenzial, geschürt von persönlicher Unsicherheit und Zukunftsängsten. „Ganz schlimm wurde es ab 1997, als ich bei Umbaumaßnahmen stürzte und nach mehreren Operationen nicht mehr auf die Beine kam. Damals habe ich nur Birgit die Schuld gegeben“, gibt der 47-Jährige unumwunden zu. So verbringt er bis 2000 die meiste Zeit im Bett und hadert mit seinem Schicksal. Er beschimpft häufig Frau und Stiefsohn und kann die Kräfteverschiebung in seiner Ehe nur schwerlich akzeptieren: Er, der sich bis dahin als eitlen, tonangebenden Macho sah, muss nun seine ganze Schwäche erkennen und sich daran gewöhnen, mehr und mehr von (s)einer Frau abhängig zu sein. Aber auch für seine „Kati“ ist es eine große Umstellung, von der anschmiegsamen Katze zur Löwin zu avancieren: „Ich wollte mich meinem zweiten Mann gerne unterordnen und nun musste ich plötzlich um viele Lebensentscheidungen für uns beide gemeinsam kämpfen.“
Alles, was seine Frau anpackt, ist in Wolfgangs Augen verkehrt. Auch als sie ihre Arbeit aufgibt, um sich ganz ihm zu widmen, verbessert sich die Stimmung nicht. Erst 2002 rückt die Rettung der Beziehung näher, als das Paar regelmäßige psychologische Betreuung in Anspruch nimmt. Dabei lernt es, dass es ohne Hilfe von außen der Krankheit mit ihren vielfältigen Veränderungen unmöglich Parole bieten kann. „Wir mussten uns ein Netz aufbauen und das einzige Positive an der MS ist, dass wir unsere wahren Freunde dabei kennengelernt haben“, resümiert Birgit Bauz. Sie seien heute in der Lage, von vielen Seiten Unterstützung zu erfahren und anzunehmen. Es sei ein sehr schönes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein sei, und dafür sei sie allen unendlich dankbar.
Dabei denke sie insbesondere an ihren Sohn Alex und an Hedwig Schober, die Tante ihres Mannes, die beide stets zur Stelle seien; aber auch ihre Freunde und Nachbarn, Ärzte und persönliche Pflegevertretung sowie alle, die gerne zu ihnen kämen und die sie jederzeit um Hilfe bitten könne, hätten ein großes Dankeschön verdient. Vor allem mit ihren jetzigen Pächtern, die seit 2007 den Reiterhof bewirtschaften und im gleichen Gebäude wie Familie Bauz wohnen, hätten sie nach mehreren Enttäuschungen einen Volltreffer gelandet. Seitdem fühlt sich auch Wolfgang Bauz wieder besser und schöpft Hoffnung. Er träumt mittlerweile sogar davon, irgendwann ohne Rollstuhl leben zu können. „Dann laufe ich zum Stuttgart-Spiel ins VfB-Stadion!“, hat der große Fußballfan bereits beschlossen.
Eine kleines Holzhaus
nebem dem Pool
Birgit Bauz hat ebenfalls einen Wunsch für die Zukunft. Sie hofft sehr, dass sie noch lange „die Kraft von oben bekommt“, ihre beiden Lieben zuhause zu pflegen, auch wenn diese ihr krankheitsbedingt kaum Dank und Anerkennung entgegenbringen. Dies sei für sie wahre Christlichkeit und sie würde sich wünschen, dass mehr Menschen den Mut aufbringen könnten, ihre kranken Angehörigen selbst, statt im Heim, zu versorgen. Um zwischendurch immer mal wieder aufzutanken, hat sie sich kürzlich einen Traum erfüllt: Neben dem Pool im Garten, in dem ihr Mann im Sommer begeistert unter Aufsicht badet, hat sie sich ein kleines Holzhaus gebaut - ganz wie in Schweden, in Blau und Rot. Diese Farben stehen ja bekanntlich für Treue und Liebe. (vg)
