12/03 2011
43 Jahre lang Dirigent
Der Hobbyraum im Keller des Ensinger Hauses ist sein Reich. Auf dem Boden liegt das Bariton, die größere Form des Tenorhorns. An den Wänden hängen Bilder der langen Karriere von Manfred Seyffer, auf dem Tisch stapelt sich Notenpapier, auf das der 72-Jährige seine Arrangements schreibt. Griffbereit die Schachtel HB, ein Laster, das Seyffer weglächelt.
Manfred Seyffer, 1938 in Bietigheim geboren, aufgewachsen in Mühlacker, ist ein Ensinger Urgestein, ein Vollblutmusiker alten Schlages, ein Mann, der 43 Jahre lang den Musikverein Ensingen dirigierte. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es keinen anderen Dirigenten, der einem Verein so lange die Treue gehalten hat. Besenwirt Martin Gutjahr hat ihn 1967 von Dürrmenz als Dirigent nach Ensingen geholt. Und die Verbindung hat bis heute gehalten.
Wir sitzen auf der Eckbank im Esszimmer der Seyffers. Ehefrau Heidi serviert Kaffee und Kuchen. „Früher war er schon ein harter Hund“, sagt sie. „Heute aber nicht mehr so“, widerspricht er. Dirigieren ist für Manfred Seyffer mehr als ein Hobby, es ist eine Passion. Und da hat er seine Prinzipien: Musik sei eine Kunst und dulde keine Schlamperei. „Martl“, so sein Spitzname, ist gelernter Maurer, und die musikalische Arbeit sieht er als Handwerk an. „Ein musikalisches Werk muss nach handwerklichen Prinzipien einstudiert werden.“ Und so müssen seine Musiker erst ihr Instrument beherrschen, bevor es an ein Stück geht. „Die Ausbildung nach allen Regeln der Kunst ist wichtig. Gute Musiker können auch gute Musik machen“, sagt Seyffer.
Mit zehn Jahren bekommt Seyffer die erste Trompete, sein Vater meldet ihn beim Musikverein Mühlacker an. Unterricht erhält der junge Manfred bei Theo Müller, der vor dem Krieg Stadtkapellmeister in Znaim war. Mit zwölf Jahren bläst er bereits das Tenorhorn im Musikverein der Senderstadt, vier Jahre später ist er erster Tenorhornist. Von 1952 bis 1955 lernt Seyffer Maurer bei Paul Pfleiderer in Vaihingen, musiziert während seiner Bundeswehrzeit von 1958 bis 1961 bei einer Trachtenkapelle in Oberbayern.
In Mühlacker geht er mit seinen „Löffelstelzlern“ auf Tour. Diese Band, benannt nach der Ruine oberhalb von Dürrmenz, und das Orchester von Erich Erber füllten zu dieser Zeit die Festzelte in der Region. Mit den Stromberg-Musikanten trifft der Posaunen- und Bariton-Spieler Seyffer bei einem Egerländer-Treffen in Schorndorf auf Ernst Mosch. Dieser will ihn verpflichten, doch Seyffer winkt ab. Auf „das Zigeunerleben“ hat er keine Lust.
Nach der Verpflichtung in Ensingen erhält Seyffer Dirigat-Unterricht bei Kapellmeister Kurt Schild aus Pforzheim, ist 1970 auch Dirigent und Jugendausbilder beim Musikverein Mühlacker. 1978 dann der Umzug nach Ensingen. Hemdsärmlig hat der damalige Bürgermeister Konrad Mack die Fäden in der Hand: Seyffer bekomme einen Bauplatz, dafür werde er Dirigent auf Lebenszeit. Dazuhin sind zu dieser Zeit die Bauplätze in Mühlacker dreimal so teuer wie in Ensingen. Seyffer zögert nicht lange, obwohl ihn der Mühlacker Alt-OB Gerhard Knapp für eine Gemeinderatskandidatur vorgeschlagen hat.
Beim Musikverein Ensingen, der damals gerade 14 Leute zählt, forciert Seyffer die Jugendarbeit, gibt Unterricht. Im Laufe der Jahre wird die Qualität der Musiker immer besser. Beim Bundesmusikfest in Münster gibt es 1998 für das Oberstufenorchester die Note hervorragend, ebenso vier Jahre später in Friedrichshafen.
„Martl“ liebt schöne Klassik der italienischen Opernkomponisten genauso wie gute Unterhaltungsmusik von James Last und André Rieu. Das will er aber nicht dem Publikum aufzwingen. „Ich mache Musik für meine Zuhörer“, sagt er. Seyffer lotet aus, was das Publikum will, orientiert danach sein Programm. „In unserer U-Mappe haben wir 200 Titel“, verrät Seyffer, „da können wir jedem Publikum seine Wünsche erfüllen“.
In einer Woche, am Samstag (19. März) schwingt Manfred Seyffer zum letzten Mal den Dirigentenstab für den Musikverein Ensingen. Das Jahreskonzert in der Forchenwaldhalle ist mit „Au revoir Manfred“ betitelt. Seyffer bekommt an diesem Abend auch besondere Ehrungen und besondere Stücke stehen sowieso auf dem Programm – die Polka „Ensinger Musikanten“ im Obergreiner Stil, der Marsch „Der Schanzreiter kommt“ und das Walzerlied „Em Schwobaland“. Das sind alles Eigenkompositionen von Manfred Seyffer. „Und da bin ich schon stolz drauf.“ Geschrieben und getextet hat „Martl“ während seines Jobs als Tief- und Ingenieurbaupolier, den er 22 Jahre lang bis 2001 bei der Firma Ezel ausübte. „Da wacht man morgens um 5 Uhr auf, auf dem Klo kommt eine Idee, schreibt bei der Vesperpause ein paar Takte auf, arbeitet abends dann die Komposition aus“, schildert Seyffer die Entstehungsgeschichte seiner Werke.
Wenn Seyffer am nächsten Samstagabend verabschiedet wird, hofft er, dass das Publikum zufrieden nach Hause geht. Mit einem Ohrwurm, einer Melodie im Herzen. „Die Zuhörer dürfen nicht aufstehen und sagen, Gott sei Dank, sind die endlich fertig“, sagt der Dirigent.
Heidi Seyffer schenkt noch eine Tasse Kaffee nach. Sie ist die Unmusikalische in der Familie. Der Sohn spielt Trompete, die Tochter lernte Akkordeon. Die beiden Enkel spielen in der Jugendkapelle. Jetzt haben Heidi und Manfred Seyffer mehr Zeit, der Terminplan des MV Ensingen sitzt nicht mehr im Nacken. „Wir reisen gerne“, sagen die Seyffers.
„Martl“ (der Spitzname kommt daher, weil Seyffer in seiner Kindheit bei der Hohleiche einen Marder gefangen und erschlagen hat – eine Narbe am Daumen zeugt noch vom Biss des Tieres) legt das Schwobaland-Lied in den Kassettenrekorder. „Das ist doch gut“, lobt er sich selbst. Das Lied erzählt von den Besonderheiten des Schwabenlandes – und das liebt Seyffer. Er ist auch Wanderführer beim Schwäbischen Albverein, organisiert heimatkundliche Wanderungen, will die Schönheiten des Landes näher bringen.
Was hat ihn in seiner langen Laufbahn als Dirigenten besonders geärgert? „Wenn das Orchester nicht vollständig besetzt ist“, sagt Seyffer. Donnerstags ist der Probetag für die 42 aktiven Musiker des Vereins. 70 junge Leute sind aktuell in der Ausbildung. Aber donnerstags scheint der Nabel aller Veranstaltungen zu sein. Immer wieder müssen sich Musiker entschuldigen.
Das ist jetzt die Baustelle von Michael Werner aus Lomersheim, dem Nachfolger von Seyffer. Werner war Jugenddirigent in Mühlacker – die Parallele zur Biografie von Manfred Seyffer ist rein zufällig. Uwe Bögel
