12000 Liter Wein: Dann ist Schluss – 19. Januar 2008
Das Telefon klingelt. „Einen Moment“, Emil Jaillet entschuldigt sich, nimmt das Telefon in die Hand, nennt seinen Namen und hört aufmerksam zu. „Aber natürlich haben wir noch Lemberger da“, beruhigt er den Menschen am anderen Ende der Leitung eindringlich. Am Telefon ist ein Kunde von Jaillet. Seit über 30 Jahren schon verkauft der Ensinger Wengerter Wein. Auch Lemberger. Allerdings nicht mehr lange, denn das Weingut Jaillet wird noch in diesem Jahr geschlossen.
Wann genau, die Jaillet-Kunden auf dem Trockenen sitzen, ist aber noch nicht klar. „Ich habe noch rund 12000 Liter Wein. Das dürfte ungefähr bis Mitte des Jahres reichen. Wenn alles verkauft ist, wird der Laden geschlossen“, erklärt Jaillet. Wer also auf Nummer sicher gehen möchte, dass er noch alle Sorten bekommt, ruft vorher an. Seine Weinberge hat der 67-Jährige schon verpachtet und auch in der Besenwirtschaft stoßen die Gäste nicht mehr mit einem Viertele an, die Stühle und Tische sind leer.
Dass Emil Jaillet einmal sein Geld mit Wein verdienen würde, war einst gar nicht geplant, auch wenn der Vater schon einen kleinen Weinberg hatte. „Allerdings hat der es gar nicht gerne gesehen, wenn ich bei ihm Wein geholt habe“, erzählt Emil Jaillet. Schnell war also klar, dass der nächste Weinberg, der verkauft wird, seiner werden würde.
Mit sechs Ar fing dann alles an. Schnell wurden es zehneinhalb. „Das war dann zu viel zum selber Trinken. Deshalb bin ich zur WG Ensingen“, so Jaillet, der hauptberuflich dem Schreinerberuf nachging. Die Beziehung zur WG hielt nicht lange und Jaillet beschloss, sein Traubenerzeugnis selbst zu verkaufen, was zunächst nur schleppend voran ging. Die Lösung: eine Besenwirtschaft. Dafür war es allerdings dann doch zu wenig Wein. Nachdem die Gäste zum ersten Mal da waren, war der gesamte Vorrat weg. Also pachtete Jaillet noch mehr Weinberge und mit dem Erzeugnis von 60 Ar konnte er zwei Besensaisonen pro Jahr machen. Alles nebenher zum Schreinerberuf versteht sich.
60 Ar reichten lange, doch irgendwann, sein Sohn hatte bereits eine Ausbildung zum Winzer absolviert, packte den Ensinger wieder die Kauflust. Alle Rebflächen, die frei wurden, wanderten in Jaillets Besitz. Am Ende waren es 6,5 Hektar. Parallel dazu wuchs der Fuhrpark und die Maschinen im Keller vermehrten sich. Um die große Fläche zu bestellen und alle Besenkunden zu versorgen, musste die ganze Familie mithelfen. Nach Feierabend schnappte sich Emil seine Frau Ursula, seine beiden Töchter und Söhne und ab ging’s zu den Reben. „Wir haben geschafft, bis es dunkel wurde. Die anderen Wengerter waren schon lang zu Hause, doch mir hat es so spät immer am besten gefallen“, erzählt Jaillet. Viel hat seine Frau alleine erledigt. „Die stand oft den ganzen Tag im Weinberg. Ohne sie wäre das nicht gegangen.“
Als Jaillets Sohn wieder die Schulbank drückte, um Weinbautechniker zu werden, gab der Senior Anfang der 90er den Schreinerberuf auf und widmete sich ganz den Weinbergen, der Besenwirtschaft und dem Verkauf. Der Fleiß wurde belohnt. Jaillet bekam für seinen Wein zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch einige Goldmedaillen.
Noch heute hängen in der Probierstube und im Treppenaufgang zur Besenwirtschaft zahlreiche Trophäen. Und auch wenn das Weingut Jaillet innerhalb von Ensingen drei Mal umzog, blieben die Kunden treu. Viele Geschäftsleute brachten ihre Partner mit und so war es nicht weiter verwunderlich, dass Jaillet seinen Wein bald in die ganze Welt, unter anderem nach Norwegen oder Amerika, verschiffte.
„Einmal war sogar der japanische Handelsattaché bei uns“, erzählt Emil Jaillet stolz. Der wäre einfach mit seiner Frau und einer weiteren Begleitung vorbei gekommen. „Wir haben ihn dann neben einen Lehrer gesetzt und sie haben sich wunderbar unterhalten“, schmunzelt der Wirt.
Jaillet fallen noch viele solcher Geschichten ein. Oft wäre es einfach zünftig gewesen. Zum Beispiel wenn die Musiker die Ziehharmonika ausgepackt haben. „Da waren wir froh, wenn um halb zwei die Bude leer war. Es wollte nämlich keiner mehr gehen.“
Diese Zeiten sind nun aber vorbei. Bei so viel Arbeit, bleibt die Frage, ob es Emil Jaillet als Rentner nicht bald langweilig wird, so ganz ohne Besen und Weinberge. „Zunächst habe ich noch viel Handwerkliches zu tun und dann haben wir Zeit für Urlaub, zum Spazierengehen, Zeit, um die Natur zu genießen...“, zählt der 67-Jährige auf. Nun hat er auch die Gelegenheit, selbst in den Besen zu gehen und ein Viertele zu schlürfen. „Mein Lieblingswein ist übrigens der Lemberger“, sagt Jaillet, aber nur, wenn er sich für den guten Tropfen Zeit nehmen kann.
Und was macht Jaillet, wenn er die letzte Flasche verkauft? „Die werde ich bestimmt nicht verkaufen. Ein paar Flaschen für den Eigenbedarf werde ich mir auf jeden Fall sichern.“ Eva Wirth
