Wasserkraftanlage in Vaihingen modernisiert
Der Anblick zieht zurzeit Passanten in seinen Bann: Die Enz in Vaihingen ist zu einem vergleichsweise dünnen Rinnsal geschrumpft. Grund sind die Modernisierungsarbeiten am Wasserkraftwerk in der Enzgasse 28. Dort schafft auch Fritz Eberlein, Miteigentümer der Anlage, kräftig mit. Ihm liegt die Nutzung der Wasserkraft sozusagen im Blut. Die VKZ ließ sich die Arbeitsweise des Kraftwerks erklären.
Vaihingen. Wie kommt ein Diplom-Ingenieur der Holztechnik auf die Idee, Betreiber von Wasserkraftwerken zu werden? „Das ist genetisch bedingt“, antwortet Fritz Eberlein. Sein Vater war Müller, der Großvater und der Urgroßvater auch. Zusammen mit Josef Kreuzer aus Zwiesel hat er im April das Wasserkraftwerk in der Enzgasse 28 von der Vaihinger Firma Häcker übernommen. Betreiber dieser Anlage ist seitdem die Firma KE Wasserkraftanlagen GbR mit Sitz in Zwiesel.
Neben der genetischen Disposition spielt der kulturhistorische Aspekt für den 38-Jährigen eine Rolle. Es sei toll, eine alte Anlage wieder herzurichten, so dass sie noch lange läuft. „Wasserkraft ist die älteste Form der regenerativen Stromerzeugung neben der Windkraft“, schwärmt Eberlein. Nirgendwo werde Strom langlebiger und in einer traditionelleren Art und Weise erzeugt als bei der Wasserkraft.
Das Vaihinger Wasserkraftwerk an der Mühle Auch zählt mit seinen 350 Kilowatt Leistung zu den Kleinwasserkraftanlagen, die Umbaumaßnahmen sind vom Landratsamt Ludwigsburg genehmigt.
Gerade in Hinblick auf Kleinwasserkraftanlagen prallen Meinungen oft unversöhnlich aufeinander. Während die einen von ökologischer und sauberer Stromerzeugung reden, sehen andere, darunter Naturschutzverbände, häufig rot. Gar von Fischhäckselanlagen ist die Rede.
Natürlich sei ein Wasserkraftwerk ein Eingriff in die biologische Struktur des Gewässers, räumt Eberlein ein. Doch er betont: „In allen Anlagen, die ich betreibe, habe ich ein gutes Verhältnis zu den Fischern und den Genehmigungsbehörden. Ich nehme die Belange ernst.“ Es sei „kein Kokolores“, der hier gemacht werde. Eberlein: „Was wir machen, machen wir sauber und gut.“ Die Gefahr einer „Fischhäckselei“ sei seiner Meinung nach sehr gering. Bei der Modernisierung des Kraftwerks gebe es einige Verbesserungen zum Schutz der Lebewesen. Beispielsweise wurde der Rechen erneuert. Dieser Rechen schützt die Turbine und auch die Tiere. Eberlein: „Wir haben die Rechenfläche fast verdoppelt, um weniger Sogwirkung zu erzielen.“ Dies habe zwar wirtschaftliche Einbußen zur Folge, doch die Fische können bei einer Anströmgeschwindigkeit von deutlich unter 0,5 Metern pro Sekunde problemlos wieder vom Rechen wegschwimmen.
Außerdem sei der Abstand der Edelstahlstäbe mit 20 Millimetern so bemessen, dass die Lebewelt zusätzlich geschützt ist. Im Vergleich zu vorher reduziere sich die Anströmgeschwindigkeit um rund die Hälfte. Beim Thema Fischtreppe, die den Schuppenträgern ein Aufsteigen im Gewässer ermöglicht, stehen zwei Varianten im Raum: Zum einen besteht die Möglichkeit einer Gesamtlösung, bei der in erster Linie auch die Fischer beteiligt seien, sagt der aus Rothenburg ob der Tauber stammende Eberlein. Rein rechtlich dürfte das Werk sogar mit der alten Fischtreppe weiter betrieben werden. Eberlein: „Das ist aber nicht in unserem Interesse.“ Möglicherweise bauen die Betreiber noch in diesem Jahr eine neue Fischaufstiegsanlage in Eigenregie.
1928 wurde das erste Gebäude der Wasserkraftanlage erbaut, seit 1954 besteht es in den heutigen Dimensionen, 1972 wurde modernisiert. Die Wehranlage und die Turbinen mit Krafthaus bilden die Wasserkraftanlage. Das Funktionsprinzip der Anlage ist folgendermaßen: Durch das Hochklappen kräftiger Metallplatten an der Wehranlage, die von der Brücke aus bewundert werden können, wird eine Höhendifferenz zwischen Ober- und Unterwasser erreicht. Maximal beträgt diese 2,75 Meter. Das Wasser wird dann durch die beiden Turbinen (von der Brücke aus gesehen rechts) geleitet, die im Moment überholt werden. Eine davon datiert tatsächlich noch auf das Jahr 1928. Es handelt sich um zwei langsam laufende Francis-Turbinen, die sich im Gegensatz zum klassischen Mühlrad waagrecht drehen. Das Laufrad hat einen Durchmesser von 2,50 Metern und läuft mit zirka 75 Umdrehungen pro Minute. Eberlein: „Bei der großvolumigen Turbine mit dem großen Durchmesser, die langsam läuft, ist eine Gefährdung der Fische zusätzlich unwahrscheinlich.“ Ein Getriebe wandelt die Drehzahl auf 750 Umdrehungen pro Minute, anschließend wird die Bewegungsenergie in einem Generator in elektrische Energie umgewandelt. Zirka 600 Haushalte können theoretisch mit diesem Strom versorgt werden.
Eine Menge Technik wird den optimalen Betrieb gewährleisten. Elektronische Messeinrichtungen an vier Stellen vor dem Wehr melden den Wasserstand. Die beiden Turbinen können bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schlucken. „Wenn aber nur zehn Kubikmeter kommen, dann wird gedrosselt, sonst ist die Enz weg“, sagt Eberlein. Kommen große Wassermassen an, dann werden die Wehrklappen gelegt. Rund 600000 Euro investieren die beiden Betreiber in die Modernisierung der Anlage. Erneuert werden die Schaltanlage, die Turbinenverstellung und der Einlaufbereich mit Rechen und Rechenanlage. Eberlein: „Die gesamte Anlage ist vollautomatisiert, so dass wir sie von Zuhause aus fahren können.“
Vor gut zwei Wochen wurde sukzessive das Wasser abgelassen, um mit den Arbeiten beginnen zu können. In zwei Wochen soll das Kraftwerk in Betrieb gehen. Vorerst wird der Strom zur Firma Häcker gehen, „wir schaffen aber eine zweite Anschlussmöglichkeit zur EnBW“, so Eberlein. Vor Ort werden Betreuer mindestens einmal pro Tag in der Anlage nach dem Rechten schauen. Beispielsweise wird in der Rinne am Rechen Müll aussortiert und das biologische Geschwemmsel über das Wehr weitergeleitet.
Der 38-Jährige ist von seiner Arbeit überzeugt: „Wir machen etwas Gutes für die Gesellschaft. Wir verdienen unseren Lebensunterhalt mit erneuerbaren Energien.“ Der Erntefaktor, der Quotient aus der Netto-Energieerzeugung während der Lebensdauer der Anlage und dem Energieverbrauch für deren Herstellung, betrage 80 und sei somit mit Abstand der beste im Reigen der Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser. Eberlein spricht’s und hüpft zum Rechen hinunter – zu seiner Leidenschaft, dem Werk am Fluss. (sr)
