Ohne die Stimme des Zentralrechners geht nichts
Sachsenheim – Mehrere Tausend volle und leere Getränkekisten werden täglich im Gewerbepark Eichwald zwischen Sachsenheim und Sersheim umgeschlagen. Der Logistiker Winkels nutzt dafür ein ausgeklügeltes Lagersystem. Die Vaihinger Kreiszeitung hat hinter die Kulissen geschaut.
Es geht zu wie im Taubenschlag. Und dennoch kommt keine Hektik auf. Die rund 120 Mitarbeiter des Getränkelogistikers Winkels im Gewerbepark Eichwald zwischen Sachsenheim und Sersheim sind es gewohnt, täglich mehrere Hundert Bestellungen zu bearbeiten. Jeden Tag aufs Neue schicken sie rund 60000 volle Getränkekisten auf die Reise. Ziel: Die Getränkemärkte in der Umgebung.
Damit bei den Kunden immer genau das ankommt, was bestellt wurde, hat das Unternehmen im Jahr 2006 ein ausgeklügeltes Lagerverwaltungssystem eingeführt. „Die Getränkemärkte können ihre Bestellungen bei uns auf vier unterschiedlichen Wegen aufgeben“, erläutert Logistik-Chef Toni Ritz. Am einfachsten geht’s per Telefon, aber auch Datenleitungen und Internetformulare stehen bereit. Egal, welcher Weg für die Bestellung gewählt wird, alles landet auf einem Großrechner, der ab diesem Zeitpunkt die komplette Koordination übernimmt.
Zu Lieferengpässen kommt es selten. Auch nicht, wenn im Sommer täglich die doppelte Anzahl Kisten pro Tag ausgeliefert werden muss: In der knapp 17500 Quadratmeter großen Hallenanlage lagern etwa 400000 Kisten. Das Angebot setzt sich aus rund 1500 verschiedenen Getränkesorten zusammen. Hauptsächlich werden die Marken vertrieben, die wie der Logistiker zur großen Winkelsgruppe gehören: Fontanis, Alwa und Griesbacher. In den Lagern finden sich aber auch Flaschen anderer Unternehmen.
Ensinger, Kumpf und andere Getränkehersteller setzen ebenfalls auf den Vertrieb der Winkels-Gruppe. Der Vorteil dabei: „Wir beliefern auch kleine Kunden mit ganz wenigen Kisten“, sagt Ritz. Das sei den Herstellern selbst in den meisten Fällen nicht möglich. „Deshalb setzen sie auf uns.“ Und so kommen im Gewerbepark Eichwald – dem größten Standort des Logistikers – regelmäßig zum Beispiel auch Cola- und Bierbestellungen an. Die Biere der verschiedensten Brauereien gehören bei Winkels zu den am meisten umgeschlagenen Produkten. Es gibt aber auch Getränke, die bei dem Logistiker nicht zu haben sind: „Wir vertreiben nur Mineralwasser, Bier und Wein“, sagt Tino Ritz. Und natürlich Limonade, dabei handle es sich schließlich um Mineralwasser mit Geschmack.
In der Lagerhalle arbeiten hauptsächlich Männer und Frauen, die mit Kopfhörern und Mikrofonen ausgestattet sind. Sie flitzen auf kleinen Staplern durch die Gänge zwischen den Hochregalen und stellen die Bestellungen der Kunden auf Paletten zusammen. „Eine elektronische Stimme sagt ihnen über den Kopfhörer, zu welchem Regal sie fahren sollen und wie viele Kisten aufgeladen werden müssen“, erklärt Toni Ritz. Am jeweiligen Fach angekommen, müssen die Mitarbeiter eine Kontrollnummer in ihr Mikrofon sprechen, die an dem Regal steht. „So kann der Computer überwachen, ob auch wirklich das richtige Produkt auf der Palette des Kunden landet.“
Wenn ein Produkt im vorderen Teil des Lagers mal knapp wird, weiß das der Computer: „Er sendet eine Mitteilung zu einem Staplerfahrer im Hochregallager, der sich um Nachschub kümmert“, erläutert Ritz. Die Nachricht landet in Textform auf einem kleinen Computer im Gabelstapler. „Der Fahrer weiß dann, was zu tun ist.“
Ohne die Textnachrichten würde das mit dem Nachschub nicht funktionieren: Denn Ordnung herrscht im Hochregallager nicht. Kommt eine neue Lieferung an, wird sie an einer freien Stelle im Regal eingelagert. Alle Getränkesorten stehen durcheinander und selten am selben Platz. „Nur der Computer weiß genau, wo welches Produkt eingelagert ist.“ Den Standort teilt er dem Staplerfahrer über das Display mit. Ebenso die benötigte Menge und wo die Kisten hin sollen. Damit es bei der Zusammenstellung der Kundenbestellungen nie zum Stillstand kommt, kümmert sich das System darum, dass der Nachschub immer rechtzeitig geliefert wird. Gearbeitet wird bei Winkels von montags bis zum Samstagmorgen, rund um die Uhr.
Ist die Palette einer Bestellung komplett, wird sie direkt zu einer der 47 Verladerampen gefahren. Zu welcher genau, teilt wiederum das System mit. Toni Ritz: „Der Vertrieb stellt die Routen der Lastwagenfahrer vorab zusammen und gibt diese dann ins System ein. Das steuert dann, welche Palette zu welcher Rampe gebracht wird.“ So ist sichergestellt, dass die Transporter immer die optimalste Route fahren.
„Bei uns werden aber nicht nur volle Getränkekisten auf die Reise in die Getränkemärkte geschickt“, erzählt Toni Ritz. Die Sachsenheimer sammeln auch das Leergut bei den Händlern ein und lagern es auf ihrem knapp 50000 Quadratmeter großen Grundstück. Stück für Stück wird es dann an die Produzenten zurückgegeben. Und die sind darauf wirklich angewiesen: „Bei einem Bierhersteller ist es vor wenigen Jahren zum Beispiel zu einem Lieferengpass gekommen, weil er schlichtweg keine leeren Flaschen mehr hatte“, erinnert sich der Chef-Logistiker. Das Computersystem hat übrigens auch im Blick, wie viel Leergut sich auf dem Gelände befindet.
„Das Computersystem ist sicher“, sagt Ritz. Da könne nichts schief gehen. Manchmal aber ist es der Mensch, der der Maschine zu schaffen macht. Denn häufig gehen in den Hallen des Logistikers auch Flaschen zu Bruch. „Die müssen dann eigentlich ausgebucht werden.“ Wenn das vergessen werde, könne es vorkommen, dass das System von einem Mitarbeiter verlange, aus einem Regal, in dem nur noch vier Kisten stehen, fünf herauszuholen. In diesem Fall können die Mitarbeiter den Spieß dann einmal umdrehen: Sie korrigieren die nette elektronische Stimme des Computers über ihr Mikrofon.
Philipp-Marc Schmid
