Mit Leidenschaft in der Amtsstube
Gündelbach – Das Wort Verwaltungsstelle klingt nicht nach Abenteuer und Herzblut. Dass es in den Amtsstuben der Stadt Vaihingen aber durchaus leidenschaftlich zugeht, zeigt ein Blick hinter die Rathaustür im Vaihinger Ortsteil Gündelbach.
Gündelbach... Fast 900 Jahre Geschichte hat das Örtchen zwischen Reben und Feldern auf dem Buckel – ein 1250-Seelen-Ort am Fuße des Wachtkopfes. Das Fachwerkrathaus aus dem 17. Jahrhundert schmiegt sich harmonisch in den alten Ortskern. „Stadtverwaltung Vaihingen an der Enz, Verwaltungsstelle Gündelbach“, zeigt das Metallschild neben der mächtigen Holztüre am „Rathaus vor Ort“ an. Im Innern, einige Holzstufen über der Erde, die Türe zur Amtsstube. „Herzlich willkommen“, steht auf dem Schild in Augenhöhe. Verbirgt sich dahinter eine Welt aus Karteikarten und Akten? Sonnenstrahlen, die fliegende Staubflusen im Dämmerlicht beleuchten? Ein Angestellter mit Nickelbrille, verborgen hinter Papierbergen, der seine Ärmelschoner zurechtzupft?
„Ich bin ein EDV-Freak“, platzt es aus Brigitte Baumann schon kurz nach der Begrüßung hinter der Amtstür heraus. Die gute Fee am Schreibtisch der Gündelbacher Verwaltungsstelle: ein Fan der elektronischen Datenverarbeitung, von Ärmelschonern und Dämmerlicht keine Spur. Kein Zeichen von Muff und Mief in dem hellen Büro, obwohl sich durchaus Aktenordner in den Regalen aneinander reihen und Karteikästen in den Schränken schlummern. Und wer hätte ahnen können, dass von der Gündelbacher Verwaltungsstelle aus der Internetauftritt der Großen Kreisstadt Vaihingen eingepflegt wird? Beim Blick hinter die Kulissen einer Verwaltungsstelle landete die VKZ ganz zufällig beim „Sonderfall“ Brigitte Baumann. Die gelernte Speditionskauffrau, die seit fünf Jahren den Gündelbachern mit Rat und Tat zur Seite steht, hat neben ihrer Tätigkeit als Verwaltungsfachangestellte einige Zusatzaufgaben. So pflegt sie die Vaihinger Homepage und kümmert sich um die Formularpoolentwicklung. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich etwas, das den Mitarbeitern und den Bürgern in Vaihingen das Leben leichter machen soll. „Früher gab’s viel Zettelwirtschaft“, erklärt das Energiebündel aus Spielberg. Formulare mussten kopiert werden, die Unterlagen wurden mit der Zeit schief und krumm. Ein klarer Fall für Baumann: „Ich hab’ immer irgendwelche Ideen.“ Und so finden sich mittlerweile Formulare und Anträge digitalisiert im internen und externen Formularpool der Stadt Vaihingen wieder.
In die Welt der digitalen Daten vertieft sich die 42-Jährige, sobald Ruhe in der Amtsstube herrscht. Denn an erster Stelle stehen in den Verwaltungsstellen die Bürger mit ihren Wünschen und Nöten. Baumann: „Der Bürger kann mit allen Fragen zu uns kommen. Wir können weiterhelfen.“ Zwölf Frauen kümmern sich um die Bürgerbelange in den acht Verwaltungsstellen der Stadtteile. „Ich habe einen Urlaubsplan für alle Kolleginnen entwickelt“, verkündet Baumann nebenbei, die Hand an der Maus, den Blick auf die Tabelle im Bildschirm gerichtet.
Verwaltungsstellen, das sind die Orte, an denen Fahrschüler ihren Pappendeckel beantragen, an denen Trauernde in Tränen ausbrechen und Fundsachen Asyl bekommen. Wer Erziehungsgeld beantragen möchte, einen Personalausweis braucht oder sich über defekte Straßenlaternen ärgert, der ist bei seiner Verwaltungsstelle goldrichtig. Auch für eines der letzten großen Rätsel unserer Zeit gibt’s dort Rat: den Auszug aus dem Rentenkonto. Die meisten, die ein gewisses Alter überschritten haben, kennen die Mitteilungen der Deutschen Rentenversicherung. Nicht alle werden daraus schlau. Zahlenkolonnen reihen sich auf dem Amtspapier aneinander. Da stellt sich dem Adressat mitunter die Frage: „Was trieb ich eigentlich im März ’97“ oder „ist das Rentenkonto vollständig?“. Wer sich vom Zahlensalat einschüchtern lässt, dem Ziffernwust nicht gewachsen ist, aber trotzdem wissen möchte, ob alles seine Richtigkeit hat, der ist bei Brigitte Baumann an der richtigen Stelle. „Ich guck’ das an und sehe eine Lücke. Dann frage ich bei den Leuten nach“, sagt die 42-Jährige. Was anderen ein Graus ist, treibt ihr ein Funkeln in die Augen: die akribische Suche nach verschollenen Daten für die Rente. Baumann: „Das ist ein ganz wichtiges Thema.“ Auch die Kolleginnen mit entsprechender Fortbildung können in Sachen Rentenkonto weiterhelfen.
Die Bandbreite der Dienstleistungen in den „Rathäusern vor Ort“ und im Bürgeramt der Kernstadt ist beachtlich. Um nur einige Beispiele zu nennen: Prospekte und Infomaterialien liegen aus, An-, Ab- und Ummeldungen werden abgewickelt, Beglaubigungen und Bescheinigungen ausgestellt, Auskünfte erteilt, städtische Räume vermietet, Märkte organisiert. Außerdem ist Brigitte Baumann die rechte Hand von Ortsvorsteher Thomas Fritzlar, protokolliert die Ortschaftsratssitzungen, schreibt Meldungen für den Seniorentreff Gündelbach. Am Telefon treffen an diesem Vormittag Fragen ein wie: „Kann ich meinen Reisepass verlängern lassen?“, „Was ist mit den Straßenlaternen in der Lilienstraße los?“ sowie Fragen zur Gündelbacher Viehwaage. Von Langeweile keine Spur. Ortsvorsteher Thomas Fritzlar schneit herein, gruschtelt im Sitzungssaal herum – „ich bin der einzige Ortsvorsteher in Vaihingen ohne eigenes Büro“ – und zieht wieder von dannen. Bis zum Nachmittag, wenn er sich und seiner Mitarbeiterin die Ortsvorsteher-Sprechstunde mit einem Stückchen Kuchen versüßen wird.
Arbeitsvolumen von Brigitte Baumann im Gündelbacher Rathaus: 60 Prozent. Eine weitere Zusatzaufgabe: Sie ist Ansprechpartner des Abteilungsleiters für die Verwaltungsstellen und trägt als solche Neuerungen und Änderungen auf technischem und organisatorischen Gebiet in die Verwaltungsstellen hinein. „Ich bin unheimlich innovativ“, strahlt die Spielbergerin, die viele Jahre selbstständig tätig war. „Mancher tut sich damit schwer“, räumt der Wirbelwind mit Blick auf die Kollegen ein. Doch für sie sind „Neuerungen eine Freude, da sind Ideen gefragt und das macht Spaß!“. Zusätzlich wickelt die Dame vom Rathaus Sekretariatsarbeiten der örtlichen Grundschule ab.
Im Sommer freut sich Baumann des öfteren über ein Blümchen, das ihr der eine oder andere Bürger ins Rathaus bringt. Ängstlich dürfe man allerdings in dem Job nicht sein. Wütende Leute ließen manchmal einfach Dampf bei ihr ab und auch Angetrunkene finden bisweilen den Weg in die Amtsstube. „Einen hab’ ich halt mal schimpfen lassen. Ich habe keine Angst“, sagt Brigitte Baumann. Nur eines zerrt ein wenig an ihren Nerven: Die Blumen in den Kästen am Rathaus pflegen. Dabei gibt’s – egal, wie man’s dreht und wendet – einfach nichts zu Digitalisieren. (sr)
Informationen über die „Rathäuser vor Ort“ der Ortsteile sowie das Bürgeramt der Kernstadt auf der Homepage im Internet unter www.vaihingen.de, Kategorie Bürgerservice.
