Ein Besuch in der Vaihinger Stadtbücherei
Vaihingen (ev) – Viermal in der Woche öffnet die Vaihinger Stadtbücherei ihre Tore. Dann haben Leseratten und Informationssüchtige die Qual der Wahl zwischen Romanen, Lexika, CDs, Zeitungen... Damit sich die Ausleiher in den Räumen auch zurecht finden, ist eine Menge Arbeit nötig. Die Vaihinger Kreiszeitung hat deshalb hinter die Kulissen geblickt.
Ein kleines blondes Mädchen steht auf dem Treppenabsatz. Unter ihrem rechten Arm hat sie ein zeitungsgroßes Buch gesteckt. Auch mit dem linken Händchen klammert sie sich an ein Bilderbuch. Langsam, hochkonzentriert und mit zusammengekniffenen Augen stapft sie die Treppe hinunter. „Mama, diese Bücher möchte ich ausleihen“, sagt sie, als sie glücklich unten angekommen ist.
Dass sie gerade diese beiden Bilderbücher ausgesucht hat, war vielleicht Zufall, doch wenn sie danach gesucht hätte, wäre sie oder ihre Mama wohl auch schnell fündig geworden, denn die Bücher sind nach einem genauen System geordnet.
Die Herrin über die Bücher ist sozusagen Therese Möhler, die Büchereileiterin. Sie und ihre drei Kolleginnen überwachen die über 34000 Medien und kennen genau die Ordnung, die dahintersteckt und sie entscheiden, welche Bücher überhaupt in die zahlreichen Regale wandern. Mit ausschlaggebend ist der Preis, denn die Stadt teilt der Bücherei jedes Jahr einen Etat zu. Dann sehen Möhler und ihre Mitarbeiter in ihren Computern nach: Wo sind im Bestand Lücken? Welche Bücher sind veraltet? Werden solche Titel oder solche Autoren überhaupt nachgefragt? Was steht in den Bestsellerlisten? Immer wieder werden auch neue Bücher vorgestellt. „Wir müssen dann entscheiden, ob die zu uns passen“, erklärt Möhler. Dieses Prozedere gilt allerdings nicht nur für Bücher, sondern auch für CDs, CD-Roms, Spiele, Kassetten und so weiter. Im vergangenen Jahr wurden so rund 3700 neue Medien eingearbeitet.
Unter anderem auch der letzte Harry Potter. Als der zum Beispiel in der Bücherei angekommen ist, musste er zunächst in durchsichtige Folie eingebunden werden. „Anschließend wurde er systematisiert und katalogisiert“, erklärt Möhler. Soll heißen, Titel, bestimmte Kriterien und eventuell auch Schlagwörter in das EDV-System eingeben und schauen, wo der neue Schmöker thematisch hinpasst. Wenn das Buch dann noch das entsprechende bunte Kleberchen und einen Code für den Scanner verpasst bekommen hat, darf es ins Regal.
Allerdings war das bei Harry Potter anders. Den hat sich die Büchereileiterin nämlich erst selbst unter den Nagel gerissen. „Er kam samstags an. Für Dienstag war er vorbestellt, aber da ich eine recht schnelle Leserin bin, habe ich das Buch in der kurzen Zeit gelesen“, erzählt Möhler. Sonst hätte auch sie sich gedulden müssen, bis der Ausleiher den Band zurückgebracht. Therese Möhler liest generell sehr viel. Drei bis vier Bücher in der Woche werden es schon sein, schätzt sie.
Nach ihren Vorlieben richtet sich das Programm der Bücherei aber nicht. „Es gibt Klassiker, die gehören einfach in einen Bestand, egal ob sie nur einmal im Jahr ausgeliehen werden“, erklärt Möhler. Die Fachliteratur dagegen sei eingegrenzt. Während in den Außenstellen in Horrheim, Ensingen, Gündelbach, Kleinglattbach und Enzweihingen hauptsächlich Grundschulkinder angesprochen werden, „ist auch unser Niveau schulbegleitend, was die Fachliteratur betrifft. Lernhilfen und ähnliches hören eigentlich mit dem Abitur auf“, so Möhler. Trotzdem ist klar zu verzeichnen, dass mehr Sachbücher als Romane ausgeliehen werden.
Und wie lange lebt so ein Buch? Das sei ganz unterschiedlich. „Manche müssen auch aussortiert werden, wenn sie nicht mehr aktuell sind. Bei Reiseführern passiert das schnell“, erklärt Möhler. Und dann würde viel davon abhängen, wie die Einbände verarbeitet sind. Wenn nichts mehr zum Reparieren bleibt, werden sie aussortiert. 2007 erging es 1800 Medien so.
3700 sind dazu gekommen, 1800 sind ausgemistet worden – langsam wird der Platz auf den zwei Stockwerken eng. Ein Umbau der Bücherei ist geplant, aber der Gemeinderat muss das Vorhaben noch bewilligen. Schon jetzt ist es aber so, dass im Stock für die Erwachsenen kaum mehr Platz ist, neue Bücher in einem besonderen Rahmen zu platzieren, denn in den Regalen drängt sich Buchrücken an Buchrücken.
Eine der häufigsten Fragen, die die Besucher Therese Möhler stellen ist folgende: „Wie kommen eigentlich die Kinderbücher die Treppe hoch?“ Nein, sie werden nicht von den Mitarbeiterinnen nach oben getragen. Neben der Treppe versteckt, befindet sich ein kleiner Aufzug, der den Bücherwagen kinderleicht nach oben transportiert. Und dort können die Mitarbeiterinnen die Bücher einsortieren, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. „Morgens sind es drei bis dreieinhalb Stunden, mittags noch einmal eine bis eineinhalb“, erklärt Möhler. Kein Wunder also, dass die Kolleginnen bereits um 7.30 Uhr da sind, immerhin müssen sie im Schnitt 775 Bücher pro Tag an ihre richtige Stelle im Regal stellen. So viele Schmöker werden durchschnittlich pro Tag (an 206 geöffneten Tagen) ausgeliehen. Einer der besten Tage in der Woche ist der Montag. In der vergangenen Woche sind da zum Beispiel 699 Medien zurück gebracht worden.
Zum Glück gibt es mittlerweile Computer. Jedes Buch hat einen Strichcode, wie Lebensmittel im Kaufhaus. Jede Bewegnung des Buches wird im Computer gespeichert, die Ausleiher bekommen einen Art Einkaufszettel, auf dem alle wichtige Daten stehen. Zum Beispiel das Abgabedatum. Stempel, Datumsliste und Ausleihkarten haben mittlerweile ausgedient. „Sonst könnten wir den Ansturm gar nicht bewältigen““, sagt Möhler. Früher seien 300 bis 400 Ausleihen pro Tag schon sehr viel gewesen.
