Ein Besuch im Vaihinger Stadtarchiv
Vaihingen (sr) – Eine graue Maus, die in vergilbten Schriften schmökert. Das ist das Image, das dem Berufsbild des Archivars anhaftet. Dass das pralle Leben vergangener Tage in einem Archiv schlummert und dessen Hüter eine abwechslungsreiche Tätigkeit ausübt, erlebte die VKZ beim Blick ins Vaihinger Stadtarchiv.
„Das Kurioseste“, lässt Lothar Behr die Katze aus dem Sack, „war ein Revolver, der hinter ein Regal gefallen war.“ Dem Vaihinger Stadtarchivar fiel die Waffe bei der Aktenübernahme in den 80er Jahren in Roßwag in die Hände. Was sich zunächst anhört wie die Episode aus einem Gaunerstück, hängt mit der Geburt des Sadtarchivs im Jahr 1986 zusammen. „Eine Patrone hat gefehlt“, schaudert es den 54-Jährigen noch heute, wenn er an den Überraschungsfund denkt. Während die Pistole dem Ordnungsamt überreicht wurde, wanderten die Akten in das frisch sanierte Gebäude in der Spitalstraße, das neue Archiv der Stadt Vaihingen.
Lothar Behr kann als Pionier in Sachen Archivierung in Vaihingen gelten, im Jahr 1985 trat er die Stelle des Stadtarchivars an. Bis 1986 gab es lediglich eine Art Depot, eine Vorstufe zum Archiv, neben dem heutigen Kulturamt. Die Hauptarbeit in seiner Anfangsphase bestand daraus, die Stadtteile zu „bereisen“. Es galt, die Akten der Gesamtstadt in der Spitalstraße zu sammeln. Behr: „Die Akten lagerten überwiegend auf den Bühnen der Rathäuser.“ Bei deren Sichtung musste sich Behr auch durch Spinnweben und Taubendreck wühlen. Mitarbeiter des Bauhofs transportierten die Aktenberge anschließend ins neue Archiv, wo für Behr der nächste Teil der Arbeit begann: die Verzeichnung, das heißt die inhaltliche Erschließung der Dokumente. Gefolgt vom Problem: Wie ordne ich die Papiere sinnvoll? „Man rekonstruiert die alte Ordnung“, erläutert Behr. Bei dem „organisch wachsenden“ Berg des städtischen Schriftgutes tut Ordnung Not. Denn ausgewählte städtische Schriftstücke müssen laut Gesetz aufbewahrt werden.
Behr: „Das Archiv ist eine gesetzliche Pflichteinrichtung, jede Kommune braucht eines.“ Der Archivar modelliert mit den verfügbaren Dokumenten sozusagen das Gedächtnis der Verwaltung. Bricht beispielsweise Sachbearbeiter Hubert Mäuseberger bei der Arbeit tot zusammen, hinterlässt er seinen Kollegen womöglich Aktenschränke, die aus allen Nähten platzen. Dann schlägt die Stunde des Stadtarchivars. Er sichtet und bestimmt, was aus rechtlichen, historischen oder wissenschaftlichen Gründen aufbewahrt werden muss. Die ursprüngliche Ordnung des durcheinander geratenen Aktenwustes wird wieder hergestellt. Schließlich werden wichtige Daten der einzelnen Vorgänge in einem Repertorium, einem Findbuch, festgehalten.
Denn ein Archiv soll die Schriftstücke konservieren und deren Informationen zugänglich machen. Doch nicht nur das städtische Schriftgut beschäftigt den Stadtarchivar. Auch nichtstädtisches Material schafft den Einzug in die Rollregale und Schubladen der umgebauten Scheuer. Dokumente über die „Hautleim- und Trockengemüsefabrik Hummel“ ruhen ebenso im Archiv wie Unterlagen über Vereine und andere Zeitdokumente. „Die Unterlagen sollen das ganze Leben widerspiegeln“, betont Lothar Behr. Insofern ist der Archivar erpicht darauf, Fotos, Pläne und Schriftstücke für das Archiv zu sammeln. So kann sich jeder, der meint, etwas Relevantes zu besitzen, an den Stadtarchivar wenden.
Rund 1000 Postkarten, 8000 Fotos und 1500 Karten sowie 1000 laufende Meter an Unterlagen werden in den zwei wohl temperierten Lagerräumen aufbewahrt. Ein Thermohygrograf registriert dort pausenlos Temperatur und Luftfeuchtigkeit. „18 Grad Celsius und 40 bis 60 Prozent Luftfeuchtigkeit“ sollten für die fragilen Zeitzeugen herrschen. In Rollregalen sind die meisten Schriftstücke „aus konservatorischen Gründen“ in säurefreiem Pappkarton untergebracht. Im Herz des Archivs, dem Magazin, ruhen die Unterlagen der Gesamtstadt Vaihingen bis 1945. Die ältesten Originale sind beispielsweise Fleckenbücher aus den Ortsteilen Aurich und Riet aus dem frühen 16. Jahrhundert. „In diesen Büchern“, so Behr, „sind die alten Ortsrechte verzeichnet.“ Um das Gewicht der historischen Last der Jahrhunderte tragen zu können, musste der alten Scheune beim Umbau ein Betonkorsett verpasst werden. Unter dem Magazin, im ersten Obergeschoss, befindet sich das Zwischenarchiv. Behr: „Im Keller ist nichts, bei uns ist es umgekehrt wie sonst üblich.“
Dass das verstaubte Image des Archivars nicht der Realität entspricht, zeigt sich auch an der Öffentlichkeitsarbeit, die Behr leistet. Ausstellungen, Pressemitteilungen und Publikationen gehören ebenso dazu wie Vorträge, Führungen und die unentgeltliche Beratung der rund 200 Besucher im Jahr. Nebenamtlich kümmert sich Behr um das städtische Museum in der Peterskirche und betreut und organisiert Stadtführungen.
Wie und vor allem wieso wird man denn nun Archivar? „Schon in der Schule habe ich ein ausgeprägtes geschichtliches Interesse gehabt“, verrät der gebürtige Bremer Behr. Nach dem Abitur habe er „eine Weile Jura studiert“, was aber nicht so das Gelbe vom Ei gewesen sei. Dann gab er sich der „abwechslungsreichen Ausbildung“ zum Diplom-Archivar (FH) hin. Unter anderem sind dabei Französisch- und Lateinkenntnisse unerlässlich. Außerdem mussten sich die Studenten mit Leseübungen herumschlagen – was nichts mit dem Lesenlernen in der Grundschule zu tun hat, denn: Schon anhand des Schriftbildes kann ein Dokument zeitlich eingeordnet werden.
So hat ein Urkundenspezialist aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart 1989 die Stadt Vaihingen im Handumdrehen um 100 Jahre verjüngt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1239 wird Vaihingen zum ersten Mal als Stadt bezeichnet. Anhand der Buchstabenformen erkannte der Stuttgarter Spezialist, dass das Dokument aus dem 14. Jahrhundert, also dem Jahr 1339, stammen muss. Das Datum war durch eine „Rasur“ manipuliert worden.
Das Wissen von Lothar Behr ist auch bei der VKZ-Serie „Vaihinger Straßen“ heiß begehrt. Und welche Schätze, die er hütet, mag unser Stadtarchivar am liebsten? „Karten finde ich ganz toll“, verrät der passionierte Fahrradfahrer, während er die „Geometrische Gränz- und Stein-Beschreibung Vayhingen an der Enz Anno 1740“ präsentiert. Und die ist – selbst für den Laien – einfach hinreißend schön.
Öffnungszeiten des Stadtarchivs: Montags bis freitags 8.30 bis 12 Uhr. Dienstags 14 bis 16.30 Uhr sowie donnerstags 14 bis 18 Uhr. Öffnungszeiten des städtischen Museums in der Peterskirche: Jeden 1. Sonntag im Monat und nach Anmeldung.
