Ein Besuch im Vaihinger CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein
Vaihingen – Wer sich der Stadt Vaihingen nähert, kann sich dem Anblick nicht entziehen: Schloss Kaltenstein thront prominent über der Enzstadt. Vor nahezu 60 Jahren wurde die ehemalige Burg zum „Stammjugendwerk“ des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands (CJD). Das CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein ist somit die ältestes noch existierende Einrichtung des CJD. Was spielt sich in dem alten Gemäuer ab? Die VKZ sprach mit Jugenddorfleiter Klaus-Dieter Drensek.
Sabine Rücker
„Achtung, die Schlössler kommen!“ Dieser Ausruf des Entsetzens drückte in der Vergangenheit das Empfinden der Vaihinger Bevölkerung aus. Wie es dazu kam, erklärt Jugenddorfleiter Klaus-Dieter Drensek: „Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier ein Arbeitshaus untergebracht. Hier lebten gescheiterte Existenzen, die nicht unbedingt arbeitsbereit waren.“ Der Eindruck, den eine polizeiliche Beschäftigungsanstalt und ein württembergisches Arbeitshaus für Männer bis zum Jahr 1945 hinterlassen hatten, war nachhaltig, vermutet Drensek. Die Wende in der neueren Geschichte der fast 1000 Jahre alten Burg auf dem Muschelkalkfelsen kam im Mai 1949.
Der bei Göppingen geborene Theologe Arnold Dannenmann gründete 1947 mit einem kleinen Kreis engagierter Christen das CJD. Zwei Jahre später war die Geburtsstunde des Stammjugenddorfs, des heutigen CJD Jugenddorfs Schloss Kaltenstein. Die Burg ist im Besitz des Landes Baden-Württemberg und von dem christlichen Verein gemietet.
Mittlerweile stehen im Schloss und in dessen Außenstellen unter anderem 280 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Außerdem eine Sonderberufsfachschule, Angebote für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, Qualifizierungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose und Betreuung für die ganz Kleinen, die Schlosszwerge, nicht zu vergessen die 900 Jugendmusikschüler. „Wir betreuen mittlerweile 1300 Menschen im Landkreis Ludwigsburg“, fasst Drensek zusammen. Das Motto des CJD „Keiner darf verloren gehen“ werde im Schloss „realisiert, indem wir unsere Angebote so ausgestalten, dass für die Menschen, die zu uns kommen, eine zukunftsorientierte berufliche und soziale Integration möglich ist“, erläutert der Jugenddorfchef. „Dabei sind wir kreativ und geben Raum für neue Konzepte“, ergänzt Drensek.
Vor rund 60 Jahren wurde auf dem Kaltenstein Kriegswaisen eine Heimat gegeben, „die von Arnold Dannenmann am Stuttgarter Bahnhof angesprochen und nach Vaihingen geführt wurden“. In den 50er Jahren bildeten die CJD-Mitarbeiter im Rahmen der Entwicklungshilfe junge Menschen aus Afrika aus, damit diese als Ausbilder in ihre Heimat zurückkehren konnten. Parallel dazu wurde die Burg Ausbildungsstätte für jugendliche Aussiedler aus dem Osten. Die Prägung zur Ausbildungs- und Bildungsstätte war Anfang der 60er Jahre vollzogen. Bis Mitte der 80er Jahre fanden junge Migranten wie beispielsweise vietnamesische Boat-People (Flüchtlinge) Hilfe im Schloss. Eine anstrengende und schöne Zeit, wie sich der 51-Jährige erinnert. Drensek kam damals als Gruppenleiter in den Genuss der multikulturellen Küche, da die Bewohner verschiedender Nationen landestypisch kochten. „Mit Stäbchen kann ich trotzdem nicht essen“, grinst der Sozialpädagoge.
Einen neuen Schwerpunkt bildet seit Beginn der 90er Jahre „die Ausbildung junger Menschen, die nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz gefördert werden“, so Drensek. Dies umfasst die Berufsvorbereitung und -ausbildung in drei unterschiedlichen Maßnahmen. Mit Förderung der Agentur für Arbeit werden beispielsweise junge Menschen mit einer Lernbehinderung im Schloss ausgebildet. Außerdem besteht die Möglichkeit, das erste Ausbildungsjahr am Kaltenstein zu absolvieren, mit „dem Ziel, die Ausbildung in einem Betrieb der freien Wirtschaft zu beenden“. Bei einer Ausbildung im Rahmen der Erziehungshilfe werden Jugendliche aufgrund einer familiären Krise in den Wohngruppen – nicht zu verwechseln mit dem Internat – des Jugenddorfs untergebracht.
Drensek: „Wir haben 35 unterschiedliche Ausbildungsberufe, in denen wir ausbilden.“ Die Berufsfelder reichen von Elektrotechnik, Raumgestaltung, Metall bis zur Landwirtschaft, Farbe und Hauswirtschaft mit Hotel- und Gaststättengewerbe. Außerdem werden die Berufsfelder Wirtschaft und Holz angeboten. Seit neuestem lernen auch Friseure ihr Handwerk am Kaltenstein. Die Azubis besuchen die selbe Berufsschule wie andere Auszubildende auch. Den erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung am CJD krönt der Gesellenbrief. „90 Prozent der Lehrlinge bestehen die Prüfung und die Vermittlungsquote liegt bei rund 80 Prozent“, erklärt Drensek, der selbst mit seiner Familie im Schloss wohnt.
Das Internat bietet 32 jungen Menschen Platz. In den Häusern Enzweihingen und Riet sind die männlichen Azubis, im Haus Roßwag die jungen Frauen. Angela Nitsch aus „Roßwag“ ist im dritten Lehrjahr. Die 20-Jährige lernt den Beruf des Raumausstatters und stammt aus Wiernsheim. Lewis James, ein „Halbamerikaner“ aus Stuttgart, arbeitet mit einem berufsvorbereitenden Jahr auf eine Schreinerlehre hin. Der 17-Jährige wohnt in „Enzweihingen“, in den Internatshäusern, die an der Auffahrt zum Schloss liegen. Im Haus „Aurich“ wohnen sieben Nachwuchsspieler der Eishockey-Steelers aus Bietigheim. Florian Tschirschwitz, Malerazubi im zweiten Lehrjahr, stimmt seinen Kollegen zu, wenn sie sagen: Es ist schön hier, aber ab und zu ein bissle langweilig. Die drei blicken von dem Bänkle vor ihren Häusern auf das Begegnungshaus, in dem sich die Küche und der Speisesaal des CJD befinden. Seit 2003 spielt sich dort eine Erfolgsgeschichte ab: Neben den „Schlösslern“ kehren hier Schüler und Privatpersonen mittags in den Speisesaal ein. Angefangen hat alles mit den Schülern des benachbarten Friedrich-Abel-Gymnasiums und mit „einem Rentnerpaar“. Die Senioren hätten angefragt, ob sie nicht auch dort essen könnten. Das sprach sich herum und beschert dem Schloss seitdem eine „unheimlich positive Öffentlichkeitsarbeit“ und die Gäste können sich über Freundlichkeit der jungen Menschen und gutes Essen freuen, sagt Drensek.
Die Liste der Aktionen und Aufgaben, die mit den Lernenden und den 190 Mitarbeitern des Schlosses gemeistert werden, ist lang. Im Rittersaal der Burg öffnet zum Beispiel einmal im Monat das Schlosscafé seine Pforten, ab April auch mit Bedienung. Im gleichen Monat nimmt mit dem Restaurant Chancengeber ein Ausbildungs- und Übungsrestaurant im Speisesaal seinen Betrieb auf, in dem auch à la carte bestellt werden kann. Ein Zukunftsprojekt ist der Rittersaal der, wenn das O.k. der Landesregierung erfolgt, in einen nahezu originalgetreuen Zustand rückgebaut werden soll. Dieses Vorhaben wird in Zukunft die hauseigenen Lehrlinge mit Schreiner-, Elektriker- und Malerarbeiten auf Trab halten. Momentan renovieren die Azubis Fremdenzimmer, die beispielsweise für 28 Euro pro Doppelzimmer und Nacht zu haben sind. Wir wär's mit einem Kurzurlaub im Schloss?
Erwachsene Langzeitarbeitslose nehmen im CJD an Qualifikations- und Arbeitsmaßnahmen teil. Zu den Jugendlichen fügt Drensek noch an: „Wir nehmen keine jungen Menschen auf, die als Strafe hier wohnen müssten.“
Ein Geheimnis der alten Burg kann der Jugenddorfleiter noch lüften: Es gibt keinen Geheimgang zur Eselsburg. Beim Bau des Begegnungshauses kam es zwar zu einem Baustopp, doch bei den vermeintlichen Geheimgängen handelte es sich um „Garderobengänge eines alten Freilufttheaters“, desillusioniert Klaus-Dieter Drensek die Gruselfans. Aber wer weiß, welche Geheimnisse Schloss Kaltenstein noch hütet... (sr)

