Montag, 06. September 2010

Ein Besuch beim Biohof Braun


Ökolandwirt Michael Braun im Bioweizenfeld. Foto: Rücker
Ökolandwirt Michael Braun im Bioweizenfeld. Foto: Rücker

Aurich (sr) – Beim deutschen Verbraucher landen immer öfter ökologisch erzeugte Produkte auf dem Tisch. Bio boomt. In Vaihingen und Umgebung verdienen einige Bauern mit ökologischer Landwirtschaft ihre Brötchen. Die VKZ hat beim Biohof Braun in Aurich zwischen die Getreidehalme und in die Gewächshäuser gespickt.

„Die Bösen“, murmelt Michael Braun, „was die da schon wieder haben.“ Der Biobauer kniet zwischen Gurkenpflanzen in einem seiner neun Gewächshäuser und spricht mit – den Ameisen. „Wo die Ameisen sind, da hat’s Läuse“, erklärt der 47-Jährige, während er sich aufrichtet. Doch auch ein Biolandwirt ist der Flut von Pflanzenschädlingen nicht wehrlos ausgesetzt – oft greift er dabei auf die Hilfe kleiner Krabbeltiere zurück.
Schon seit 37 Jahren wird in dem landwirtschaftlichen Betrieb im Auricher Weiler nach ökologischen Gesichtspunkten gewirtschaftet. Die Eltern von Michael Braun zählen zu den ersten Pionieren, die sich damals dem Bioland-Verband angeschlossen haben. 1986 übernahm Agraringenieur Michael Braun den elterlichen Hof. Die ursprüngliche Milchviehhaltung wurde recht schnell aufgegeben und auf Gemüseanbau umgestellt. 60 Hektar Land in Aurich werden seitdem nach Bioland-Richtlinien bewirtschaftet. Mindestens ein Mal im Jahr wird die Einhaltung dieser Vorgaben von einer zertifizierten Kontrollstelle überprüft.
Anfang der 90er Jahre bewegten Vermarktungsschwierigkeiten den Auricher dazu, ein Gemüse-Abo zu gründen. Dabei werden die Kunden mit einer Gemüsekiste ihrer Wahl frei Haus beliefert. Braun: „Es hat sich gut entwickelt.“ Mittlerweile steuern die Braun-Lieferwagen mit den Ökoprodukten 1200 Kunden im Umkreis von rund 50 Kilometern an. Dass der Fortschritt auch vor den Biobauern nicht Halt macht, lässt sich beispielsweise am Internetauftritt des Biohofs erkennen. Dort kann der Kunde im Internetshop aus einem vielfältigen Angebot wählen. Seit zwölf Jahren kümmert sich auch Michael Brauns Schwester Brunhilde um den Lieferservice und die Zufriedenheit der Kunden. Vor zehn Jahren stießen die zwei Agraringenieure Ines und Holger Jungclaussen zum Braun-Team. Sie widmen sich neben dem Gemüseanbau der Freilandgeflügelhaltung mit hofeigener Schlachtung und dem Hofladen. „Wir sind eine Hofgemeinschaft“, sagt Michael Braun. Rund 35 Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Laden läuft. Packer an der Packstraße der Abo-Kisten, Fahrer, die die Bioware zum Kunden bringen, Gewächshausmitarbeiter und Bürokräfte.
Auf den Feldern der Ökolandwirte sind während der Vegetationszeit immer wieder Helfer zu sehen, die in mühsamer Handarbeit die Unkräuter aus der Ackerkrume entfernen. „Da ist konventionelle Landwirtschaft mit Spritzmitteln unvergleichlich billiger“, merkt Michael Braun an.
Doch, wie gesagt, auch der Biobauer muss nicht tatenlos zusehen, wie seine Pflänzchen von Schädlingen gemeuchelt werden. Braun: „Wir setzen Pflanzenschutz- und Stärkungsmittel ein.“ Beispielsweise schütze Backpulver das Angepflanzte gegen Mehltau. Fenchelöl habe eine stärkende Wirkung auf die Kulturpflanze. „Wir arbeiten sehr viel mit Nützlingen“, betont Braun, der kurz zuvor ein Päckchen mit den kleinen Helfern – vom Paketdienst geliefert – in Empfang genommen hat. Schlupfwespen sind die Verbündeten im Kampf gegen den Maiszünsler im Freiland. Im Gewächshaus werden Raubmilben auf „böse“ Spinnmilben angesetzt und die Schlupfwespe macht Läusen den Garaus. „Das klappt sehr gut“, freut sich der Landwirt, zeigt im Gewächshaus mit den Gurken auf Getreidehalme am Rand, und erläutert mit Begeisterung in der Stimme die „offene Läusezucht“. Dem Zuhörer wird schwummrig, denn die Läuse gilt es doch zu bekämpfen, oder etwa nicht? „Also“, holt Braun verbal aus, „im Gewächshaus wird drei bis vier Wochen vor dem Gurkenwachstum Getreide ausgesät. Darauf werden dann Getreideläuse ausgebracht.“ Bis jetzt versteht der Laie nur Bahnhof, doch die Aufklärung naht: „Die gehen nicht auf die Gurken. Nach zwei Wochen sind die gut entwickelt. Dann werden die Schlupfwespen freigelassen und entwickeln sich ebenfalls gut.“ Die parasitische Wespe legt ihre Eier in die Laus, was diese mit dem Leben bezahlt. Diese große Schlupfwespenpopulation hält schließlich die Gurkenlaus in Schach.
Wie steht der Auricher eigentlich zur Bioware, die aus aller Welt in seiner Gemüse-Abo-Kiste landet. „Das ist kein schwieriges Thema“, antwortet Braun ohne Zögern. Schließlich sei der Import von Bioware „eine der besten Formen der Entwicklungshilfe“. Außerdem müsse Deutschland als Exportweltmeister auch anderen Ländern die Warenausfuhr zugestehen. Und auf der Energierechnung schlage ein heimischer Apfel, der bis zu seinem Verkauf zehn Monate gelagert wird, ebenfalls zu Buche. Doch grundsätzlich haben regionale Produkte bei der Vermarktung den Vorrang. Braun: „Erst kommen die Produkte aus dem eigenen Betrieb, dann die der Kollegen der näheren Umgebung und dann erst die Ware vom Großhandel.“ Vom eigenen Gemüse werden 95 Prozent direkt vermarktet. Insgesamt hat der Landwirt aus betriebswirtschaftlicher Sicht keinen Grund zur Klage. Braun: „Es läuft gut.“
Und einige Tipps für den Hobby-Gärtner hat der Profi auch noch auf Lager. Im Gewächshaus mit den 900 Tomatenpflanzen, die zwei Mal wöchentlich von Hand um ihr Halteseil gewickelt werden müssen, erklärt er: „Man muss immer von unten entblättern, damit die Pflanzen gut durchlüftet werden.“ In Kombination mit der am Boden liegenden Tropfbewässerung beugt diese Maßnahme Pilzerkrankungen vor. Beim Ausgeizen sollte kein Messer verwendet werden, „dadurch könnten Krankheiten übertragen werden“. Also: immer abbrechen. Bei den Tomaten schiebt eine weitere Insektenart Dienst in Sachen Biokost. „Da“, sagt Braun und klopft an eine Kiste, die aus den Tomatenwipfeln ragt, „sind die Hummeln drin.“ Das Volk der Hautflügler meldet sich mit erbostem Brummen, bläst aber glücklicherweise nicht zum Angriff. Die dicken Brummer übernehmen beim Pollensammeln die Rolle des Winds und bestäuben so die Tomatenblüten im windstillen Gewächshaus.
Im Paprika-Haus nebenan der nächste Tipp: „Bei den Paprikapflanzen muss man die ersten Blüten entfernen. Die müssen erst mal vegetativ Gas geben, bevor sie in die generative Phase kommen,“ fachsimpelt der Biobauer. Gedüngt wird in den Gewächshäusern, in denen ganzjährig unterschiedliche Pflanzen gedeihen, mit hofeigenem Geflügelmist. Das Hühnerfutter wächst derweil auf dem Acker wenige Meter weiter. Im Bioweizen versteckt zeigt sich ein Pflänzchen, das sich sonst nirgendwo im Landkreis finden lässt: der Frauenspiegel. Die lila Blume aus dem Kreis der Ackerwildkräuter erhält ihre Chance „durch langjährige ökologische Bewirtschaftung“ der Fläche, verkündet Braun. Auf dieses Blümchen werfen sogar Naturschützer vom Landratsamt Ludwigsburg regelmäßig ein Auge.
Summasummarum macht dem Biolandwirt seine Arbeit nach wie vor Spaß. Aber ab und zu, räumt der Ökobauer in Sachen eigener Ernährung ein, „da darf’s auch mal ein Döner sein“.


Seitenanfang