Ein Besuch beim Abbruchunternehmer
23/07 2009
Pokerspiel eines Abbruchunternehmers
Illingen (aa). Alexander Bock ist immer wieder fasziniert, wenn er nach Illingen kommt und in der großen Luig-Halle steht. „220 Meter lang, gut 20 Meter hoch. Solche Gebäudeausmaße sind doch eigentlich unvorstellbar.“ Der Abrissunternehmer spricht da voller Hochachtung von einem „epochalen Bauwerk“. Doch es wird nicht viel übrig bleiben von der Luig-Epoche.
Mit dem Abriss der Gebäude auf dem Luig-Gelände soll in Illingen die Zukunft beginnen. So wurde es am 5. Juni beim Start der Arbeiten proklamiert. Abbruchunternehmer Alexander Bock aus Babenhausen bei Ulm hat mit der Illinger Zukunft allerdings nicht viel am Hut. Er ebnet allenfalls den Weg für die Zukunft, indem er aufräumt mit der Vergangenheit. Und das ist im Luig-Fall schon eine Menge Holz. Man müsste hier wohl eher Stahl sagen.
Alexander Bock kommt öfter nach Illingen. Nicht aber um die große Halle zu bewundern; auf der Baustelle finden regelmäßig Besprechungen statt, denn der Abriss wird exakt überwacht und protokolliert. „In einem solch riesigen Gelände steckt man nicht drin, da gibt es im Lauf der Abbrucharbeiten immer wieder Überraschungen“, sagt der 35-Jährige. „Ich will am Ende auf der sicheren Seite sein.“ Da werden dann lieber die Ingenieure des Betreuungsbüros Weber aus Pforzheim zu Rate gezogen. Dort hat man im Vorfeld der Maßnahme alles aufgenommen (so gut es eben ging) und analysiert.
Was ist an asbesthaltigen Stoffen zu erwarten? Wie sind die Wandanstriche beschaffen? Welche Güteklassen hat das Holz? (Es gibt vier, von A1 bis A4). Wie ist das Mauerwerk beschaffen? Sind die Betonplatten mit Öl oder Chrom belastet? Demnächst wird eine mobile Brechanlage auffahren, mit deren Hilfe die Mauerwerkreste zerkleinert werden. Was passiert mit den Pappeln und Eschen? Und dann der Schrott. Stahlschrott oder Mischschrott? Was kann wiederverwertet werden? „Wir sind inzwischen mehr als nur Abbrecher, wir sind Wiederverwerter“, sagt Alexander Bock, der das von seinem Vater im Jahr 1974 gegründete Unternehmen im Jahr 1995 übernommen hat. 25 Mitarbeiter hat er in Lohn und Brot, die im Jahr ein halbes Dutzend größere Baustellen abwickeln. Das Luig-Areal ist in der Tat eine größere Nummer. Hier wird man laut Bauzeitenplan noch bis Oktober zu schaffen haben.
Bodenaustausch:
Gestern war Submission
Und dann steht vor allem noch der Bodenaustausch an; der wird ein noch umfangreicherer Auftrag. Alexander Bock hat auf die Ausschreibung im Staatsanzeiger hin auch dafür ein Angebot abgegeben. Gestern fand der Eröffnungstermin (Submission) statt. Im Anschluss an diesen werden die Angebote der Bieter beziehungsweise Bietergemeinschaften unter Berücksichtigung aller technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte gewertet. „Ich hoffe, dass ich da gut im Rennen liege“, meint der Unternehmer.
Auf dem Dach der großen Halle bewegen sich Männer mit großen Elementen. Das Abdecken des Gebäudes ist an Spezialisten vergeben worden. In sogenannter Sandwich-Bauweise sind die Tafeln gefertigt und auf den Trägern befestigt worden. Für sie gibt es unter Umständen eine Wiederverwertung, wie auch für die ganze Halle. Bock denkt da in Richtung Osten. „Die Konstruktion ist noch einwandfrei, schade nur, dass die Träger am Boden vernietet wurden“, findet er und sinniert über deutsche Regulierungsvorschriften nach. „Hier dürfte die Halle mit Bestandschutz ohne weiteres stehen bleiben, neu aufbauen wäre jedoch mit einer Flut von Auflagen verknüpft.“ So wird die Konstruktion wohl irgendwann in Rumänien oder Bulgarien wieder aufgebaut.
Sein Geschäft empfindet der Abbruchunternehmer manchmal fast als Pokerspiel. „Man weiß oft nicht, was man am Ende noch erlösen kann“, erzählt er. Wenn er die beiden Hallen verkaufen könnte, wäre er sicher ein Gewinner des Pokers. In die allgemeinen Klagegesänge der momentanen wirtschaftlichen Lage will der bayrische Unternehmer jedoch nicht einstimmen. „Es läuft ganz gut in unserem Metier; ich kann relativ zufrieden sein.“ Den Auftrag in Illingen hat er übrigens zum Preis von 268000 Euro erhalten.
Das Luig-Areal, auf dem bis zum Jahr 2000 unter dem Namen Stanelle gearbeitet wurde (später versuchten sich hier kleine Firmen), ist insgesamt rund vier Hektar groß. Im März 2009 ging es in den Besitz der Gemeinde Illingen über. Im Haushalt 2009 waren für den Kauf 3,2 Millionen Euro eingestellt (die Gemeinde hat jedoch weniger bezahlt; die Summe ist allerdings nicht für die Öffentlichkeit bestimmt).
Ein städtebauliches Konzept mit Wohnungen und Einzelhandel ist ebenfalls im März der Bevölkerung vorgestellt worden (6,7 Hektar mit dem Bereich „Westlich der Uhlandstraße“). 1,2 Millionen Euro hat die Gemeinde für Abriss und Bodensanierung veranschlagt. Vom Land gibt es eine stattliche Förderzusage.
