Ein Besuch bei der Großbuchbinderei Wennberg
Wennberg GmbH in Vaihingen ist zurzeit bei Buchbindereien „größter Familienbetrieb Deutschlands“
100 Millionen „Kataloge“ verlassen jedes Jahr die Großbuchbinderei Wennberg im Vaihinger Gewerbegebiet Fuchsloch. Zeitschriften, Reiseführer, Telefonbücher und Kataloge rauschen in den Hallen vom Band und finden sich in deutschen Haushalten wieder. Die VKZ beäugte mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Martin Wennberg die Produktionshallen.
„Jeder deutsche Haushalt hat x-mal im Jahr ein Produkt von uns bei sich Zuhause“, sagt Martin Wennberg. Damit hat der geschäftsführende Gesellschafter der Großbuchbinderei H. Wennberg GmbH vermutlich nicht übertrieben. Vom Telefonbuch über Zeitschriften wie „Elle“ und „Amica“ bis zu Reiseführern und Prospekten reicht das Spektrum der Produkte, die bei Wennberg vom Band laufen. Ob Mercedes C- oder E-Klasse, 7er BMW oder Ford Fiesta: In den Produktionshallen der Firma Wennberg stehen sie in friedlicher Koexistenz – Blatt an Blatt sozusagen. Diplom-Wirtschaftsingenieur Wennberg: „Bei uns sind alle Autos gleichberechtigt.“ 4000 Tonnen Papier werden auf dem 6000 Quadratmeter großen Gelände pro Tag gefalzt, geschnitten und geklebt. „Wir sind zurzeit in Deutschland der größte Familienbetrieb bei den Buchbindereien“, so der 44-Jährige. Getoppt werde das Unternehmen nur von großen Konzernen wie beispielsweise Bertelsmann.
Der „Rohstoff“ der Buchbinderei sind gedruckte Seiten, die in dem Betrieb von 115 fest angestellten Mitarbeitern im Drei-Schicht-Betrieb verarbeitet werden. Martin Wennberg setzt auf Anschauungsunterricht: Er schnappt sich ein DIN-A4-Blatt und beginnt zu falten. Genau das passiert, im großen Stil versteht sich, in einer Falzmaschine. „Wir bekommen Papierbögen von 1,4 mal 1,6 Meter Größe“, so Wennberg. Die Grundeinheiten für Marco- Polo-Reiseführer seien beispielsweise Druckbögen, auf denen bis zu 60 Seiten des Reiseführers vorne und 60 Seiten hinten gedruckt sind. Die Faltmanöver, die nötig sind, um die Seiten an ihren richtigen Platz zu bringen, sind für jeden Auftrag individuell. Die Falzmaschine zwingt die Riesenblätter in ein handliches Format.
Heraus kommen Falzbögen, die auch nach dem Schneiden noch so genannt werden. Nun steigt die Spannung, denn jetzt müssen diese Papiereinheiten in der richtigen Reihenfolge zusammengefügt werden. „Früher gab es einen großen runden Tisch, auf dem alle Falzbögen in Stapeln lagen“, erklärt Wennberg. Ein Mitarbeiter lief ein Mal um den Tisch, schnappte sich jeweils einen Bogen und hatte am Schluss ein „Buch“ zusammengetragen. Heute erledigt das die Zusammentragmaschine. Die „schlimmste Reklamation“, an die sich Martin Wennberg erinnern kann, kam wohl durch einen Fehler bei diesem Arbeitsschritt zustande. Vor einigen Jahren „fehlten im Stuttgarter Telefonbuch 64 Seiten“. Fatalerweise fand sich so weder die Firma Bosch, noch die Firma Daimler im Telefonbuch wieder. Wennberg: „Die Medien haben sich darauf gestürzt. Im Endeffekt waren nur zehn Bücher betroffen.“ Seitdem legt die Buchbinderei ihren Kunden ans Herz, jeden Falzbogen von der Druckerei mit einem eigenen Barcode kennzeichnen zu lassen. Dieser Code wird in der Zusammentragmaschine abgescannt und führt zu „100-prozentiger Sicherheit“ beim korrekten Zusammenfügen, so der Chef. Bei der langen Zusammentragmaschine werden die hintereinander geschalteten Abschnitte Anleger genannt. 27 dieser Anleger können den Falzbogen-Nachschub fürs Zusammentragen liefern. Mitten in jener Anleger-Straße sitzt ein weiteres Wunderwerk der Technik: der Warenprobenkleber. Die Zeitschriftenwelt wäre um einige Überraschungen ärmer, könnte nicht diese Spezialmaschine Parfümproben, Teebeutel oder ähnliches im Inneren der bunten Blätter anbringen. Der firmeneigene Rekord liegt übrigens bei 250000 Katalogen in 24 Stunden mit einer Maschine.
Beim Fräsen wird anschließend der „Buchrücken“ geformt. Dreierlei Industrieleime verpassen dem Gesamtwerk in der Klebebindemaschine schließlich seine Stabilität. Danach geht’s heiß her, denn dann feiern Inhalt und Umschlag, noch vom heißen Leim erhitzt, ihre Hochzeit. Eine Dreimessermaschine entfernt unschöne Kanten – fertig? Nicht ganz, denn jetzt erhält jeder Stapel ein Deckblatt und wird automatisch palettiert, und das gegebenenfalls sogar nach Postleitzahlen geordnet. Wennberg: „Die Post verlangt dann weniger. Der Kunde spart viel Geld, da geht’s um Millionenbeträge.“
Der „heiße Winter“ steht der Firma bevor, denn das Versandhandelsgeschäft bringt saisonale Höhepunkte mit sich. Von Juni bis August und von November bis Januar packen bis zu 50 zusätzliche Mitarbeiter in dem Betrieb mit an. Für 2008 plant Wennberg einen Neubau mit 5000 Quadratmetern Fläche, wodurch es im Laufe der Zeit zu rund 60 Neueinstellungen kommen wird. Zwar würden immer wieder andere Standorte, auch im Ausland, sondiert. Doch Vaihingen war seither der Favorit: Zum einen aufgrund der guten und engen Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Zum anderen sprechen sehr gute Mitarbeiter und zuverlässige Partner für sich. „Wir haben beispielsweise supergute externe Elektriker“, lobt Wennberg, „in Tschechien hätten wir dieses Umfeld nicht.“
Stolz ist der Unternehmer auch auf durchschnittlich sechs Auszubildende, die der Betrieb unter anderem in der eigenen Lehrwerkstatt mit dem Buchbinderhandwerk vertraut macht. Wennberg: „Die Azubis haben bei uns Aufstiegschancen bis hin zur Betriebsleitung.“
Im Jahr 1861 wurde die Buchbinderei von Hermann Wennberg in Stuttgart gegründet. Seit 1994 läuft die Produktion in Vaihingen. Martin Wennberg und seine Brüder sind in der Firmengeschichte die fünfte Generation, die über das Schicksal der Firma wachen. „Die dritte haben wir übersprungen“, grinst Martin Wennberg. Sie steht in Unternehmerkreisen im Verdacht, einen Betrieb zu ruinieren. „Da hat mein Großvater nach Kriegserlebnissen einen anderen Weg eingeschlagen.“ Er studierte Theologie und wurde Pfarrer in Cleebronn. Auch der 42-jährige Bruder Christian geriet fast auf „Abwege“: Er studierte Indologie, „bevor er sich in die Niederungen der Buchbinderei begab“, schmunzelt der große Bruder.
Sabine Rücker

