Bioland-Jungpflanzen bei der Gärtnerei Natterer
Enzweihingen (sr) – Mit verklärter Gärtnerromantik kann der Betrieb von Gudrun und Uli Natterer in Enzweihingen kaum dienen. Dafür erblicken dort unzählbar viele Bioland-Jungpflanzen das Licht der Welt, die schließlich in Süddeutschland und der Schweiz landen.
Gekonnt tänzelt Uli Natterer über den Köpfen seiner zarten Lieblinge. Schnittlauch, Melone, Rosmarin und Pflänzchen, die „erst noch was werden wollen“, wachsen in den Kisten, auf deren Rändern der 51-Jährige sich fortbewegt. Reihe an Reihe stehen die Jungpflanzen in den Gewächshäusern des Enzweihinger Bioland-Gärtners.
Vom Samen bis zum Jugendalter dürfen die Gewächse in der Gärtnerei Natterer verweilen. Dann tritt das junge Gemüse von Aubergine bis Zucchini seine Reise zum Durchschnittskunden, der ebenfalls ein Biogärtner ist, an.
Der Betrieb beim Leinfelder Hof ist einer von fünf „dieser Machart und Größe in Deutschland“ für biologisch produzierte Jungpflanzen, sagt Uli Natterer. Auf den 3,5 Hektar Fläche der Gewächshäuser sprießt der Löwenanteil des Grünzeugs. Nur Lauch wird, sobald es wärmer ist, direkt aufs freie Feld gesät und die Abhärtungsphase findet ebenfalls im Freien statt. Im Jahresdurchschnitt halten 22 Arbeitskräfte den Betrieb am Laufen.
Als Natterer die Gärtnerei 1981 von seinen Eltern übernommen hatte, waren die Dimensionen noch etwas anders. Der gelernte Gärtner misst mit Daumen und Zeigefinger rund drei Zentimeter Luftsäule ab, um das zu verdeutlichen. Natterer: „Viele, viele Jahre war das eine ganz kleine normale Gärtnerei, die direkt vermarktet hat.“ Im Januar 1982 hat der Enzweihinger den Vertrag bei Bioland unterschrieben. Auf Wochenmärkten habe man damals die Produkte verkauft, ein breit gefächertes Gemüseangebot, von A bis Z eben.
1989 brachte die Geburt der Tochter die Erkenntnis mit sich, dass freie Wochenenden auch nicht schlecht wären. Eine Neuorientierung stand an. Der Standort in Enzweihingen sei eigentlich sehr ungeeignet für den Gemüsebau. „Die Fläche ist relativ knapp und teuer und es gibt kein organisiertes Bewässerungssystem“, zählt Natterer auf. Somit habe die Frage im Raum gestanden, wie die relativ kleine Fläche am effektivsten genutzt werden kann.
Eine Art Markt für ökologische Produkte hatte sich zwischenzeitlich entwickelt und die Suche nach der Nische führte über Topfkräuter und Kresse in der Schale letztendlich zur Spezialisierung auf Jungpflanzen. Ende der 90er Jahre war der Übergang vollbracht und die Jungpflanzen hatten die Gewächshäuser erobert. Und zwar ganzjährig, wobei die Hochsaison von März bis Mai reicht.
Bei Natterer wird nur auf Bestellung produziert. Ein ausgeklügeltes Belegungssystem der Gewächshäuser ist da vonnöten, „ein ganz stringenter Plan“. Schon im Herbst und Winter werden die Bestellungen der Kunden angenommen. Beispielsweise 10000 Kopfsalatsetzlinge für Bio-Gärtner XY in der Kalenderwoche zehn. Bei diesem vernetzten System muss alles flutschen, schließlich nehmen zarte Pflanzen jeden Verzug übel.
Im besten Fall ist bei Natterer vom Saatgut an alles Bioqualität. „Bio zeichnet sich aus durch die Abwesenheit von Chemie. Chemie bedeutet Pflanzenschutzmittel und mineralische Düngung“, fasst Natterer knapp seine Definition von Bioware zusammen. Vor vielen Jahren habe mal ein Kunde an seinem Marktstand einen Bio-Kopfsalat für seinen Kanarienvogel gekauft. Ihm selbst mache die konventionelle Ware nichts aus, so der Käufer, aber der letzte Vogel habe nach dem Genuss von Salat aus dem Supermarkt das Zeitliche gesegnet.
Beim Saatgut hapert die Biogeschichte mitunter, denn Öko-Saatgut ist bei manchen Sorten rar. Dann hilft eine Ausnahmegenehmigung weiter. Die konventionellen Samen müssen aber auf jeden Fall „naturbelassen“ sein, sie dürfen keine Beize an sich haben. Die Sortenvielfalt insgesamt sei gewaltig, allein beim Blattsalat kann der Kunde unter einer dreistelligen Anzahl von Sorten wählen.
Ganz schutzlos möchte aber auch der Biogärtner das junge Grün nicht etwaigen Schädlingen überlassen. Und so kommen bei Natterer Nützlinge im Kampf gegen Schädlinge zum Einsatz. Pflanzenstärkungsmittel tragen zur Gesunderhaltung bei.
Zu guter Letzt wird nicht einmal vor Operationen zurückgeschreckt. Mit skalpellartigen Klingen entfernen Johanna Link und Heilgard Bader Keimblättchen und Wurzeln von Kürbispflanzen-Winzlingen. Mit einer kleinen Klammer wird eine Gurkenpflanze auf die Wunde geklemmt. Behutsam kommt der verstümmelte Setzling in die Erde und genießt bis zu seiner Genesung tropisch feuchtes Klima. Wenige Wochen später ist er zu einer jungen Pflanze emporgewachsen, die Dank der Kürbisunterlage weniger krankheitsanfällig und robuster ist.
Überhaupt scheint auch Uli Natterer auf natürliche Weise gefeit vor panischen Anflügen. Weder der strenge Winter mit höheren Heizkosten noch die Vorstellung eines Hagelschadens an den Glashäusern können ihn aus der Ruhe bringen. Vielleicht liegt das in der Liebe zu seinen Pflänzchen begründet, die er nach der Aufzuchtzeit nach Süddeutschland und in die Schweiz entlässt. „Mich begeistert die Entwicklung. Die Jungpflanzen sind Lebewesen, die auf Reize reagieren“, sagt Natterer und balanciert über den Schnittlauchnachwuchs hinweg davon.
Beim Kleinverkauf, der noch bis einschließlich Samstag (22. Mai 2010) bei Natterer stattfindet, kann sich der Hobby-Gärtner aus der Region mit Ware eindecken.
