Unterwegs mit den Fahrkartenprüfern des VVS
Mit hochrotem Kopf kramt Robin in seiner Tasche. Sein Adrenalinpegel steigt. Er wird immer nervöser, fängt an mit den Füßen zu wippen. Dann bricht es aus ihm heraus: „Vorhin hatte ich meine Fahrkarte noch, ich glaube, ich habe sie verloren.“ Den Fahrkartenprüfer, der sich vor dem jungen Auszubildenden aufgebaut hat, beeindruckt das nicht. Er drückt einige Tasten seines kleinen Handcomputers, prüft die Personalien von Robin und druckt ein Stück Papier aus. Robin muss 40 Euro bezahlen. Dagegen hilft alles Bitten und Betteln nichts.
Thomas Bachmann und seine Kollegin Marina Hauber (Namen von der Redaktion geändert) haben sich heute am Vaihinger Bahnhof getroffen. Viel haben sie nicht dabei: Je eine Umhängetasche, ihren Dienstausweis, einen kleinen Computer, einige Rollen Papier und eine Flasche Wasser. Die beiden sind Fahrkartenprüfer der Stutgarter Straßenbahnen AG (SSB). Im Auftrag des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) prüfen sie die Tickets der Vaihinger Fahrgäste. Sie haben sich die Busstrecken zwischen dem Bahnhof und der Grabenstraße vorgenommen.
Bachmann und Hauber sind bereits ein eingespieltes Team. Gleich den ersten Bus, der die Stadtmitte von Vaihingen ansteuert, nehmen sie ins Visier. „Ab halb vier sind hier die meisten Fahrgäste unterwegs“, sagt Bachmann. Unbemerkt betritt er den Bus durch die hintere Tür, seine Kollegin steigt vorne ein. Im Bus wollen sie später aufeinander zulaufen, damit sie sich gegenseitig im Blick haben, falls es zu einer gefährlichen Situation kommen sollte. So gehen sie immer vor.
Erst wenn im Bus alle Fahrgäste einen Platz gefunden haben, genug Zeit zum Abstempeln der Fahrscheine war und die Türen geschlossen sind, treten die Prüfer in Aktion. Das kann schon zwei oder drei Minuten dauern. „Wir wollen im Bus keinen Stress auslösen“, erläutert Thomas Bachmann, der nebenbei seinen Dienstausweis aus seiner Umhängetasche kramt.
Jetzt wird es ernst. Die Prüfer geben sich zu erkennen. Mit hochgehaltenen Dienstausweisen fordern sie die Fahrgäste laut auf, die Tickets vorzuzeigen. Etwa 50 Fahrgäste werden in diesem Bus kontrolliert. Thomas Bachmann und Marina Hauber achten vor allem bei Dauerfahrscheinen auf verschiedene Merkmale. Die Nummer der Monatsmarke muss zum Beispiel mit der Nummer des Verbundpasses übereinstimmen, das Gültigkeitsdatum darf nicht überschritten und natürlich müssen genügend Zonen in den Pass eingetragen sein.
„In Vaihingen sollten es Schwarzfahrer eigentlich schwer haben“, sagt Thomas Bachmann. Schließlich müssen die Fahrgäste beim Busfahrer einsteigen und ihr Ticket zeigen. „Die Busfahrer können aber nicht jede Dauerkarte und jeden Mehrfachfahrschein genau untersuchen“, erläutert er. Da kommen die rund 400 Prüfer ins Spiel, die im VVS-Gebiet im Einsatz sind. Etwa 180 davon stellt die SSB. „Pro Schicht sind von uns vier bis sechs Kontrolleure im VVS-Netz unterwegs“, sagt Albert Böhm, der bei der SSB für das Prüfpersonal verantwortlich ist. Im Durchschnitt werden in Vaihingen 3,5 Prozent der kontrollierten Fahrkarten beanstandet. Im gesamten Gebiet des VVS sind es 3,1 Prozent.
Der Verbundspass einer jungen Frau, die von der Grabenstraße zum Bahnhof fahren möchte, sieht vorbildlich aus. Keine Kratzer, nicht abgelaufen, genügend Zonen. Aber: Sie hat die falsche Monatsmarke dabei. „Wir haben bereits April“, sagt Thomas Bachmann freundlich. Die Frau ärgert sich, sieht den Fehler aber ein. Wieder drückt Bachmann einige Tasten seines kleinen Handcomputers, prüft die Personalien und druckt ein Stück Papier aus. Sie hat jetzt eine Woche Zeit, am Schalter des Vaihinger Bahnhofs oder bei einer anderen VVS-Verkaufsstelle glaubhaft zu machen, dass sie die aktuelle Marke schon vor der Kontrolle besaß. „Dann wird lediglich eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von fünf Euro erhoben“, sagt Bachmann. Ansonsten werden 40 Euro fällig.
Wer bei der SSB Kontrolleur werden möchte, muss eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen und einige Kurse besuchen. „In den Kursen wird einem nicht nur gezeigt, wie man richtig mit Kunden umgeht, es werden auch rechtliche Aspekte aufgegriffen“, sagt Bachmann. Wenn ein Fahrgast sich nicht ausweisen könne, werde in manchen Fällen die Polizei gerufen. Dann dürfen die Kontrolleure zum Beispiel die Person bis zum Eintreffen der Ordnungshüter im Verkehrsmittel festhalten. „Wir sind aber keine Unmenschen“, sagt Bachmann. Wenn ein Fahrgast ohne Fahrschein nicht ausfällig werde, sei auch der Prüfer freundlich. Schwarzfahrer seien schließlich auch Kunden.
Mitleid hat Bachmann mit den von ihm erwischten Fahrgästen ohne Ticket aber nicht: „Jeder der nicht bezahlt, fährt auf Kosten der Allgemeinheit“, sagt er. Im Jahr 2007 musste der VVS entgangene Fahrgelder in Höhe von 12,55 Millionen Euro vermelden. Außerdem sei Schwarzfahren kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat.
Auch Marina Hauber hat einen Fahrgast ohne gültigen Fahrschein, wie Schwarzfahrer offiziell genannt werden, aufgespürt. Im Gegensatz zu der Frau, die Thomas Bachmann erwischte, hat der Ludwigsburger zwar eine gültige Monatsmarke. Die Nummer auf ihr stimmt aber nicht mit der auf dem Verbundpass überein. Hauber wittert Betrug. „Dafür kann ich nichts“, sagt er. Die Marke habe er so zugeschickt bekommen. Ob hier ein Fehler vom VVS vorliegt, oder ob der Fahrgast sich selbst mit Wertmarken versorgt hat, kann Marina Hauber nicht klären. Auch in diesem Fall hat der Kontrollierte eine Woche Zeit sich bei einer Verkaufsstelle zu melden, bevor das erhöhte Beförderungsentgeld von 40 Euro fällig wird.
Zwei Stunden sind Thomas Bachmann und Marina Hauber mit den Bussen zwischen der Grabenstraße und dem Bahnhof hin und her gefahren. „Viele Fahrgäste hatten noch alte Wertmarken im Pass“, sagt Bachmann. Ein Mann sei sogar mit einer Wochenmarke aus der neunten Kalenderwoche erwischt worden. „Die ist ja schon lange vorbei“, sagt Bachmann und kann sich dabei ein Lachen nicht verkneifen. Insgesamt wurden 28 Fahrkarten beanstandet. Die nächste Prüfung im Schülerverkehr soll noch im April stattfinden.
Auch Robin dürfte mittlerweile am Ludwigsburger Bahnhof angekommen sein. Denn wer ohne Ticket erwischt wird, darf trotzdem bis zu seinem eigentlichen Ziel weiterfahren.
Philipp-Marc Schmid
