"Hallo junger Mann“, ruft Vollzugsbedienstete Gisela Kugele in den Kleinbus eines Handwerkers hinein, „zum Vespern nicht ins absolute Halteverbot stehen.“ Da hat sie recht. Nur wenige Meter entfernt leuchtet das Haltverbots-Schild in der Mühlstraße. Im Busle wird schnell der letzte Bissen hinuntergewürgt. Aus dem Fahrzeuginneren ist etwas wie „ja, ja, bin sofort weg“ zu hören, der Motor springt an und das Fahrzeug verlässt den Ort des Geschehens.
Ach ja, wer kennt das nicht? Nur ganz kurz in die Apotheke oder zum Bäcker huschen, nur ganz geschwind im Haltverbot parken, um die Kinder abzuholen. Wird schon niemand sehen, dass kein Parkschein hinter der Windschutzscheibe liegt oder das Halten gar nicht erlaubt ist. Falsch gedacht, denn die vier Vollzugsbediensteten der Stadt gehen mit wachen Augen durch Vaihingen.
Wer mit Gisela Kugele durch die Innenstadt zieht, der wird sensibilisiert: Ist der orangefarbene Aufkleber der Stadt Vaihingen auf den Plakaten in der Fußgängerzone? Gehen die Hunde an der Leine und wie parken die Fahrzeuge? Sind Baustellen ordnungsgemäß gesichert und wo türmt sich der Müll?
„Schon als Schülerin“, sagt Kugele, „war das mein Ding.“ Die Politessen ihrer Heimatstadt verkörperten ihren Traumberuf. Nun ist sie Vollzugsbedienstete, eine vielseitige Tätigkeit. „In größeren Städten gibt es tatsächlich noch reine Politessen“, erläutert Eugen Weiß, Leiter des Amtes für Melde- und Verkehrswesen. „Die Außenwirkung“, so Weiß, sei halt die Sache mit den Strafzetteln. Doch das Aufgabenspektrum seiner Mitarbeiter ist viel breiter gefächert: Von nächtlichen Fahrten zu Schutzhütten und Spielplätzen über die Überwachung und Platzvergabe bei den Märkten der Stadt Vaihingen bis zur Geschwindigkeitsmessung in der gesamten Verwaltungsgemeinschaft mit Vaihingen, Eberdingen, Sersheim und Oberriexingen.
Und auch das gehört dazu: Beim Obdachlosenheim in der Enzgasse 50 schaut Gisela Kugele alle paar Wochen vorbei. „Aha, der Müll ist weggeräumt“, stellt sie noch vor der Haustüre fest. Sie betritt das Haus forschen Schrittes, erklimmt die Stufen und klopft an eine der Türen. Was uns wohl erwartet? „Hallo, Herr Müller (Name geändert), wie geht’s ?“ Der Rentner öffnet und klagt sein Leid. Kugele spricht aufmunternde Worte, dann ziehen wir wieder von dannen.
Strafzettel verteilen gehört natürlich auch zum Dienst. Während Kugeles Kollege in der Amtsstube sich mit saatgutfressenden Schafen und herrenlosen Fahrrädern befasst, erwischt es in der Heilbronner Straße ein paar Fahrzeughalter. Hinter ihrer Windschutzscheibe liegt anstelle des Parkscheins die Parkscheibe. Das Knöllchen wird gerade am Scheibenwischer festgeklemmt. Fünf Euro Verwarnungsgeld sind fällig. Da kommt der Mittdreißiger herbeigeeilt: „Ja super, ich war bloß g’schwind in der Apotheke“, meckert er, schwingt sich hinters Lenkrad und braust davon. Gisela Kugele wurde sogar von erbosten Verkehrsteilnehmern mit dem Auto schon an der Hüfte touchiert. Sie trägt’s mit Fassung.
Ein älterer Herr hetzt von seinem geparkten Wagen kommend auf die Uniformierte zu: „Darf ich kurz, ich bin auch gleich wieder weg...“ Da drückt die Vollzugsbedienstete ein Auge zu, „manchmal auch die Hühneraugen, aber immer geht das nicht“. Auch die Schreiberin hat schon um Gnade gefleht, als beim Imbiss „bloß ganz g’schwind“ unrechtmäßig geparkt wurde. Mit Erfolg. Aber das war so peinlich, dass jetzt immer ordnungsgemäß der Parkschein platziert wird. Kugele kennt ihre Pappenheimer. Am Köpfwiesenparkplatz kommentiert sie ein Auto, das zufällig meins ist, mit: „Da brauch’ ich schon gar nicht mehr gucken, da ist immer der Zettel drin.“ In meinem Hirn meldet sich eine Stimme: Ob ich in Zukunft eventuell, vielleicht, hin und wieder einmal keinen...Stopp! Es gibt Gedanken, die müssen im Keim erstickt werden. Immerhin sind die Parkgebühren in Vaihingen wirklich moderat.
In der Tränkegasse behindert ein Anhänger auf dem Gehweg die Fußgänger. Ein klarer Fall für Kugele! Sofort wird an der nächsten Haustüre geklingelt. Alles klar, der Hänger ist gleich wieder weg, wird versichert.
Während Gisela Kugele sich in die warme Amtsstube begibt, starte ich mit deren Kollegin Gisela Stricker nochmal durch. Gemeinsam geht’s in Richtung Schulen in der Friedrichstraße. Kaum erscheint Gisela Stricker mit ihrer Berufskleidung auf der Bildfläche, bewegen sich einige Fahrzeuge wie von Geisterhand vom eingeschränkten Halteverbot weg. „Vor allem“, sagt Stricker, „geht es hier um Präsenz.“ Nach der fünften Schulstunde ergießen sich die Schülerströme über den Berg. Stricker lupft wagemutige Kinder von einer hohen Mauer, bittet Rad fahrende Teenager auf die Straße und verscheucht Falschparker durch die pure Anwesenheit. Bei den sporadischen Kontrollen gibt es allerhand zu tun. Angepflaumt werden die Mitarbeiter der Stadt auch hier. „Lassen Sie uns Mütter doch in Ruhe“, musste sich Gisela Stricker schon anhören. Doch auch für Mütter gilt die Straßenverkehrsordnung.
Es liegt wohl im Naturell des Menschen, dass er sich immer auf die Seite schlägt, die ihm am gerade recht ist. Im Heimatort gerät mein Blut in Wallung, wenn Eltern direkt vor die Kindergartentüre fahren. Und selbst? Ertappe ich mich, wie auch ich – nur selten! – vor dem Portal der weiterführenden Schulen meiner Kinder halte. Bloß ganz g’schwind, versteht sich. (sr)

