Freitag, 30. Juli 2010

Saubermänner in Orange


Lothar Zink arbeitet seit 1979 bei der Stadt. Foto: Schmid

Es sind Bonbonpapierchen, Zigarettenschachteln und weggeworfene Taschentücher, die Lothar Zink in aller Herrgottsfrühe in Rage bringen. Er schließt die roten Zähne seiner schwarzen Greifzange und versenkt ein grünes Bonbonpapier im Müllsack. Zwei Meter weiter klaubt er die Einzelteile einer Pizzaschachtel auf. Lothar Zink ist mit seinem Kollegen Hans Weber für die Sauberkeit in Vaihingen verantwortlich.

Gäbe es die Müllsammler in Orange nicht, würde die Stadt vermutlich im Müll versinken. Pro Jahr sammeln die Mitarbeiter der Stadtreinigung etwa 200 Tonnen Abfall, 150 Autoreifen, 30 Autobatterien und anderen Unrat ein. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört aber nicht nur das Auflesen von Abfällen, sie leeren auch die rund 400 öffentlichen Mülleimer, räumen Spielplätze auf und tragen schon mal Kanister mit giftigen Substanzen aus dem Wald. „Das ist aber eher die Ausnahme, Priorität hat bei uns die Kernstadt“, sagt Lothar Zink.

Seine Schicht beginnt jeden Morgen um sieben Uhr. Zuerst ist die Fußgängerzone dran, dann arbeitet Zink sich mit seinem Kollegen über den Marktplatz zum Rathaus vor. „Bis dahin müssen wir meistens Eistüten, kleinere Verpackungen und heruntergefallene Plakate aufheben“, sagt er. Das Hauptproblem sei, dass kaum ein Geschäft einen Mülleimer bereitstelle.

Zink findet es zwar ganz und gar nicht gut, dass in der Fußgängerzone so viel Unrat auf dem Boden landet, bleibt aber gelassen. Nur auf dem Adler-Platz verlässt ihn diese Gelassenheit kurz: „Aus dem Sandkasten, der ja eigentlich für die Kinder da ist, holen wir jeden Tag bestimmt acht Hundehaufen.“ Ein Prachtexemplar einer solchen Tretmine bugsiert er gekonnt auf seine Schaufel. Das Ungetüm gesellt sich zu dem Abfall aus der Fußgängerzone, verschwindet in der Mülltüte.

Der Marktplatz ist sauber, mal von ein paar Zigarettenstummeln abgesehen. Die Kippen interessieren Lothar Zink nicht weiter. „Wenn wir die auch noch alle einsammeln würden, dann würde das den Rahmen sprengen“, erläutert der Mann im orangefarbenen Anzug. Er springt in sein Bauhoffahrzeug und wirft den Motor an. Nächster Halt: Parkhaus Köpfwiesen.

„Hier muss ich vor allem alte Parkscheine auflesen“, sagt Zink und schreitet zur Tat. Außerdem leert er die Mülleimer auf dem Gelände. „Heute war kaum was drin“, stellt er fest. Normalerweise sei das nicht so: Lothar Zink erklärt, dass es ab und an vorkommt, dass Hausmüll in die Papierkörbe geworfen wird. Einige Vaihinger sparen sich so die Gebühren für die Leerung des eigenen Mülleimers. Mit unter kann das wilde Entsorgen von Hausmüll aber viel teurer werden: Wer erwischt wird, muss mindestens 100 Euro zahlen. Mit denjenigen, die ertappt werden, hat Zink kein Mitleid. „Schließlich entsorgen die ihren Müll auf Kosten der Allgemeinheit.“

An der Bushaltestelle beim Stromberg-Gymnasium hat die Stadtreinigung im Normalfall mehr zu tun, als an dem Parkhaus am Rand der Stadtmitte. Zwei Mülleimer standen an dem Haltepunkt ursprünglich. „Die Betonung liegt auf standen“, regt sich Zink auf. Auf die beiden Behälter wurde so lange eingetreten, bis die Schlösser aufsprangen. Wo die Mülleimer jetzt sind, weiß er nicht. Er weiß nur, dass der Müll jetzt eben auf den Boden geworfen wird. Neue Abfalleimer für die Bushaltestelle würden rund 250 Euro pro Stück kosten. „Das lohnt sich kaum, sie werden so oder so wieder beschädigt“, sagt Zink niedergeschlagen.

Ebenso unbelehrbar wie die Jugendlichen, die Mülleimer zerstören, sind Erwachsene, die Schutt auf öffentlichen Plätzen abladen. Zum Beispiel am Bahnhofsparkplatz in Richtung Illingen. Lothar Zink: „Hier karren wir regelmäßig Bauschutt weg.“ Auf dem Platz türmen sich jedoch auch Verpackungen diverser Fast-Food-Restaurants. „Das Problem mit den Verpackungen haben wir fast im gesamten Stadtgebiet.“ Ganz schlimm sei es auf der Wendeplatte am Ende der Leimfabrikstraße hinter der Großbäckerei Katz. „Wenn wir dort aufräumen, dann sieht es ein paar Stunden später wieder gleich aus“, sagt Zink, der schon seit Oktober 1979 für die Stadt Vaihingen arbeitet.

Den ganzen Dreck kann die Stadtreinigung schon lange nicht mehr wegschaffen. Deshalb wird von der Lokalen Agenda 21 am Samstag zum achten Mal ein Stadtputz veranstaltet. Vereinsmitglieder und Privatpersonen sammeln dabei Müll in der ganzen Stadt – auch an Stellen, zu denen Lothar Zink und seine Kollegen nur selten kommen. Viele Teilnehmer sind Jugendliche. Und gerade diese Altersgruppe wird gerne für den Müll, der auf Straßen und Plätzen umherliegt, verantwortlich gemacht. „Ich finde es toll, dass die Jugend sich an der Aktion beteiligt“, sagt Zink. Er hofft, dass beim Stadtputz der eine oder andere merkt, dass es schlecht ist Abfall auf den Boden zu werfen.

Nach zwei bis zweieinhalb Stunden hat Lothar Zink seine Tour geschafft. Aber nur, wenn nichts mehr dazwischen kommt. Heute muss er noch einmal los: Eine Vollzugsbedienstete der Stadt hat am Friedhof Wildmüll geortet. Zink findet einige Tüten mit Hausabfällen. Altes Toastbrot, Kaffeefilter, abgelaufene Wurst und Lebensmittelverpackungen sind in den weißen Tüten. Wie immer verschwindet alles in seinem Müllsack – zusammen mit Bonbonpapierchen und Zigarettenschachteln aus der Fußgängerzone.

Philipp-Marc Schmid


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