Freitag, 25. Mai 2012

Pilzsammeln in Gündelbach


Heinrich Deppert und ein Edelreizker. Foto: Rücker
Heinrich Deppert und ein Edelreizker. Foto: Rücker

Gündelbach (sr). 2. Oktober 2010.Den Südwesthang hat der Kenner für uns ausgesucht. Im Gündelbacher Mischwald unterhalb des Hamberger Sees lässt Heinrich Deppert die Faszination seines Hobbys lebendig werden. Pilzesuchen als Naturerlebnis, Nahrungsbeschaffung und Training für Körper und Geist.
Von Sabine Rücker
Gündelbach. Es gibt sie noch. Orte, an denen der Baum einfach sein darf. Wo der Wald vor allem eines ausstrahlt: Ruhe und Frieden. Gestört wird das Idyll an diesem Donnerstagnachmittag nur durch Prof. Dr. Heinrich Deppert und mich.
„Kennen Sie die, diese Hübschen da“, ruft der pensionierte Musiker aus. Am Hang des Gündelbacher Mischwalds steuert der 74-Jährige auf etwas am Boden zu. Ein Griff, ein Ruck, ein Pilz wird emporgehoben, gedreht und bewundert. „Das ist der Gelbe Knollenblätterpilz“, sagt Deppert. Der Vaihinger führt das blasse Exemplar zur Nase. Dann streckt er ihn in meine Richtung: „Riechen Sie mal.“ Ich will eigentlich nicht am Knollenblätterpilz riechen und ihn schon gar nicht anfassen.
Deppert zerstreut die Bedenken: „Der Gelbe Knollenblätterpilz ist nicht giftig. Er schmeckt nur nicht, aber sterben kann man daran nicht.“ Und er erzählt die Geschichte von zwölf französischen Pilzsammlern, die das im Jahr 1928 in einem Selbstversuch bewiesen hätten. Bufotenin, ein Gift, das auch in Kröten zu finden ist, sei allerdings schon in dem Hutpilz vorhanden. Okay, ich bin ja keine Memme, nehme den Pilz und schnuppere. Tatsächlich, wie von Deppert prophezeit, erreicht ein Schwall von „Kartoffelduft im Keller“ meine Riechzellen.
Hutpilze sind häufig das, auf das es der Schwammerlsucher abgesehen hat. Sie erscheinen als Lamellen- oder Röhrenpilz an der Erdoberfläche. Die Fruchtschicht, der Ort der Sporenbildung, liegt bei ihnen an der Hutunterseite. Bei den Bauchpilzen hingegen, zu denen auch der Bovist gehört, erfolgt die Sporenbildung im Innern.
All diese Auswüchse am Waldboden sind sozusagen nur die Spitze des unterirdischen Eisbergs. Denn der Großteil dieser Pilze, das Mycel, befindet sich in der Erde. Nur die Fruchtkörper erblicken als „Pilz“, nach dem der Liebhaber lechzt, das Licht der Welt. Die Fruchtkörper von schätzungsweise 3000 verschiedenen Großpilzarten können in unseren Wälder entdeckt werden.
Davon ist nur ein Teil schmackhaft und genießbar. Wer als Anfänger Pilze sammeln möchte, sollte daher vor allem Geduld und Bedacht walten lassen. Heinrich Deppert hatte vom Beruf her keine Berührungspunkte mit Pilzen. Er arbeitete bis zur Pensionierung vor zehn Jahren als Professor für Musiktheorie an der Musikhochschule Stuttgart. Seit 35 Jahren ist er nun Pilzsammler aus Leidenschaft. Deppert: „Ich habe das Rauchen aufgegeben und begonnen, mich mit Pilzen zu beschäftigen.“ Heute ist er Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie und beim Verein der Stuttgarter Pilzfreunde. Der Anfänger sollte sein Begehren zunächst auf Röhrenpilze beschränken. Jedoch gehörten gerade auch die giftigen Pilze genau studiert, rät Deppert. Mitnehmen und anhand von Literatur kennenlernen, das ist Depperts Devise. Empfehlen kann er für den Anfang zum Beispiel den Kosmos-Pilzführer von Roger Phillips. „Man muss so lange arbeiten, bis man ganz sicher ist“, sagt er.

Ein paar Schritte weiter am Hang – „Südwesthänge sind am besten“ – und der nächste Fund steht da. „Was ist denn das, oh ja, ein Hainschneckling!“, sagt der Pensionär und beugt sich nach vorne. Sehr schmackhaft, aber von Insekten befallen. Der Pilz bleibt steh’n. Schon kommt die nächste Beute in Sicht. „Kennen Sie diese da?“, ruft Deppert. Mit meiner Krausen Glucke liege ich falsch. Ein Ziegenbart ist’s, der keck aus dem Waldboden guckt.
Erinnerungen aus meiner Kindheit werden wach, als Rotkappe und Edelreizker in Sicht kommen. Das absolute Highlight des Nachmittags, das alles andere an diesem Tag fast vergessen lässt, ist der König der Pilze. Deppert hatte ihn als Baby vor wenigen Tagen gesichtet und mich nun zum ausgewachsenen Prachtexemplar geführt. Es ist ein Bild von einem Steinpilz. Der Musikprofessor entfernt die Augenweide vom Boden. Wie das geschieht, spielt übrigens laut Deppert keine Rolle. Rupfen, schneiden, drehen, alles ist erlaubt. Er säubert den kapitalen Röhrenpilz.
„Die Grobsäuberung sollte im Wald erfolgen“, sagt er und legt die Köstlichkeit in sein Körbchen. Überhaupt sei dieses Jahr ein unglaublich gutes Pilzjahr. Die Saison gehe in unseren Breiten von April bis Dezember, je nach Witterung. Die Hauptsaison sei im August, September und Oktober. Natürlich spiele auch immer das Glück eine Rolle, man müsse gute Stellen kennen und diese dürften halt noch nicht abgeräumt sein. Trotzdem treiben den Sammler keinerlei Verlustängste um. „Ich habe schon vielen Leuten gezeigt, wo sie suchen sollen“, sagt der Pilzkenner.
Deppert ist ein Verfechter des Naturerlebens im Wald. „Der Wald sollte von vielen Menschen genutzt werden“, findet er. Das Pilzesuchen ist für den Musikwissenschaftler eine Art Jungbrunnen, der sowohl geistig, als auch körperlich fit hält. Im Wald bei den Pilzen gebe es immer wieder Neues zu entdecken, schwärmt der Mann, der auch Buchautor ist. Einerseits befasst sich Deppert mit dem Frühwerk von Johann Sebastian Bach. Andererseits hat er ein Pilzkochbuch geplant.
Nach rund eineinhalb Stunden steuern wir den Parkplatz an. Ein kleines Körbchen mit Speisepilzen ist die Beute. „Die nehmen Sie mit“, verkündet Heinrich Deppert auf dem Weg zum Auto. Immer wieder hat er bei diesem Waldspaziergang erklärt, geschnüffelt und probiert. Ja richtig, die Geschmacksprobe. Die sei für Fortgeschrittene äußerst wichtig. Ein kleines Stückchen der Fruchtkörper kurz kauen und wieder ausspucken. Namen wie Runzelschüppling, Eichenseitling, Wulstling sind auf meinem Block gelandet. Totentrompete, Fliegenpilz und Parasol habe ich endlich einmal wiedergesehen. Wissenschaftliche Begriffe haben mein Ohr erreicht, das Hirn durchdrungen und sind wieder entfleucht. Eines ist klar: Im Wald da sind nicht etwa die Räuber. Da warten Rotkappe und Co. aufs Körbchen und die innere Ruhe auf die Menschen. Frieden und Stille für die Seele. Die letzte Ruhe blüht allerdings dem, der den Grünen und den Weißen Knollenblätterpilz oder den Orangefuchsigen Schleierling für sein Pilzgericht erwischt. Das sind die ganz Schlimmen, lässt Experte Deppert noch wissen. Allesamt Lamellenpilze. Was liegt eigentlich im Körbchen, das er mir in die Hand drückt? Ein kurzer Blick in den Korb, ein Seitenblick zu Deppert. Sieht völlig gesund aus der Mann. Ich schnappe mein Körbchen und schwirre von dannen.


Seitenanfang