Vaihingen/Stuttgart (sr). Ein Vormittag in der Welt des Harry Aberle ist nichts für zarte Seelen. Der Vaihinger behängt Besucher mit Schlangen und bringt Krustenechsen zum Fauchen. Wie wär’s mit einer Vogelspinne als Kopfdekoration? Ein Besuch bei den „mutigen Typen“ in der Wilhelma.
Es braucht den Anflug eines hysterischen Anfalls, damit Harry Aberle aufgibt. „Nein, ich will die Helga nicht umhängen“, kreische ich und bewege mich rückwärts in Richtung Ausgang. Erst da gibt Schlangen-Harry endlich Ruhe. Um seinen Hals hat er Helga drapiert, eine Boa constrictor, ungefähr 20 Jahre alt. „Helga ist o.k.“, sagt Aberle und wuchtet sich das Reptil von der Schulter. Ein wenig Unverständnis und Enttäuschung schwingt in seiner Stimme mit. Wie kann man sich nur so anstellen, wegen dem bisschen Würgeschlange...
Seit 35 Jahren arbeitet der gebürtige Vaihinger Aberle, der in Aurich wohnt, im zoologisch-botanischen Garten Wilhelma in Stuttgart. Für die Besucherin von der VKZ zieht er an diesem Vormittag alle Register. Klapperschlangen, Würgeschlangen, giftige Krustenechsen und etliches Getier bringen das Blut der Journalistin in Wallung. „Das ist alles nichts gegen die Königsklasse“, relativiert Tierpfleger Aberle deren Aufregung. Die Königsklasse, das sind für ihn die Leistenkrokodile.
Etappe um Etappe tasten wir uns an die Krokodile heran. In der Quarantänestation, in der Helga auf den Rückzug in ihr gereinigtes Terrarium wartet, gibt’s auch herzerfrischend Goldiges zu sehen. Die Babyschildkröten aus der Wilhelma-Nachzucht zum Beispiel. Oder die Geckos. Wie niedlich, gell Schlangen-Harry? Aberle rollt verächtlich die Augen: „Pillepalle!“ Er brauche spektakuläre Sachen, sagt er und strebt nach draußen. Die Tierfutterstation ist unser nächstes Ziel. Mehlwürmer warten hier auf ihr Schicksal, Grillen und Heimchen, die bald von Pfeilgiftfröschen und Echsen verspeist werden. „Hey, Luigi, altes Tier“, grüßt Aberle seinen Kollegen Roland Lutz. Der Ton ist rau und herzlich. Zwei Finger fehlen an der linken Hand von Roland Lutz. Ein Schabrackentapir war’s. Genauer gesagt eine Schabrackentapir-Mutter, deren Junges vom Tierarzt untersucht worden war. Als Lutz das Kleine zum Muttertier ließ, attackierte die ihr Junges. Der Tierpfleger ging dazwischen, da war’s passiert. Doch die Liebe zum Tier ist unerschütterlich: „Eigentlich sind es ganz tolle, liebe Viecher.“
Schützen muss er sich an diesem Vormittag dagegen vor – man glaubt es kaum – Heuschrecken. Der Kontakt mit den sechsbeinigen Hüpfern löst häufig Allergien aus. Mit Atemschutzmasken ausgerüstet verteilen Lutz und Dr. Wolf Reckhaus saftiges Grün unter den Heuschrecken.
Aberle zeigt durch eine der Scheiben und sagt: „Und die hier kopulieren.“ Die beiden Maskierten nebenan brechen vor Lachen fast zusammen. Biologe Reckhaus: „Der hat noch nie kopulieren gesagt.“ Aberle kontert: „Ich reiße mich heute zusammen.“
Wir gehen weiter in Richtung Terrarienhaus, vorbei am beheizbaren Seerosenteich und am Magnolienhain. Beide seien die größten in dieser Art nördlich der Alpen. Manchmal, sagt Harry Aberle, da sitze er frühmorgens ein paar Minuten am Teich. „Ein Mordsfeeling, da geht’s einem wieder gut“, sinniert er und wirkt gar nicht mehr so hart, der Typ. Dann geht’s rein ins Gebäude, vorbei an Kaulquappen von Pfeilgiftfröschen, deren Pflege aufwendig ist. Einzeln müssen die Kleinen gehalten werden, sonst würden sie sich gegenseitig meucheln. Aberle erklärt, wie Indianer das giftige Hautsekret der Pfeilgiftfrösche gewinnen. An einem Stöckchen werden die Tiere übers Feuer gehalten, das Hautgift tropft vom Froschkörper, wird aufgefangen und schließlich Pfeilspitzen damit präpariert. Curare, so Aberle weiter, sei zwar auch ein Pfeilgift, werde aber aus Lianen hergestellt.
Wir nähern uns der Krokodilhalle. Auf dem Weg dorthin besuchen wir einen massigen Star namens Monika. Das Weibchen, das so heißt wie die Frau von nebenan, ist ein Tigerpython. 62 Kilogramm schwer, 4,8 Meter lang und 18 Jahre alt. „Der patsch ich dann erst mal an d’r Ranza no“, schwäbelt der 51-jährige Reptilienexperte. Aberle öffnet die Tür zu Monikas Reich und verschwindet hinter einer Wand. Patsch, patsch, patsch, hallt es nach draußen. „Dann weiß sie, dass ich es bin“, ruft er noch. Monika hat ihn heute zum Glück nicht zum Fressen gern.
Es folgt der Auftritt der Riesenschlange. Ein Wirbeltier mit irrer Körperform, ein kompakter Schlauch aus Muskeln und Schuppen. Aberle hat Mühe, die kapitale Schöne zu präsentieren. An den Scheiben des Terrariums drücken sich Besucher die Nasen platt. Ich fahre meinen Arm weit aus und berühre die Schlangenhaut. Das Schuppenkleid fühlt sich glatt und angenehm an, die Kraft des Tieres vibriert hindurch.
„’Tschuldigung, darf ich die auch mal streicheln?“, ruft ein Teenager aus dem Besucherbereich nach hinten. „Aber Mädle, die frisst dich ja auf“, antwortet Harry mit seinem Haudegen-Charme und lässt Monika wieder zu Boden gleiten. Einmal, im Winter, da habe er den Python füttern wollen. Es war noch dunkel, er öffnete die Tür und da schnellte die Würgeschlange schon an ihm vorbei. Natürlich hat er sie gleich wieder eingefangen, aber: „Das hat sogar mich beeindruckt.“ Immer zu zweit müssen die Tierpfleger bei den Schlangen sein. Ein von der Polizei beschlagnahmter Netzpython widersetzte sich vor einiger Zeit Harrys Griff und umwickelte seine Hände derart gekonnt, „dass mich ein Kollege nach einer Viertelstunde entflechten musste“.
Tschüss, Monika, wir müssen weiter. Wir laufen durch den Aufenthaltsraum. Der Kühlschrank ist voll mit diversen Seren für den Fall eines Schlangenbisses. Der Trollinger im Notfallschränkchen dient dagegen der Belustigung der Besucher. Wir treten wieder hinter die Kulissen der Schauterrarien.
Kalifornische Kettennattern werden gepriesen als Geburtstagsschlangen. „Die kann man für Tierbegegnungen bei der Wilhelma buchen“, sagt Aberle und schon baumelt eine um meinen Hals. Jeden Mittag sorge er mit seinen Schlangen für Stimmung bei Kindergeburtstagen. „Das ist brutal, wenn du 15 kleine Mädchen hast, die brüllen wie am Spieß“, ächzt Aberle. Sogar Hochzeitspärchen können sich in der Wilhelma mit Boa Helga und Apfel in Anlehnung an paradiesische Geschichten ablichten lassen. Aberle und seine Reptilien haben dank der Medien eine gewisse Berühmtheit erlangt. Der Crocodile-Harry der Wilhelma ist zwar der geborene Entertainer, das zeigt sich auch jeden Montag bei der öffentlichen Fütterung der Krokodile. Doch nach Feierabend möchte selbst er einmal nur Harry Aberle sein, der mit Bus und Bahn in das beschauliche Aurich gondelt.
Weiter geht’s, die Klapperschlange kommt in Sicht. „Das musst du mal hören“, sagt Aberle und reizt das Tier mit einem Haken. Ja, sie klappert. Ab da immer, wenn einer von uns in Sicht ist. Ich lehne mich aus dem Blickfeld der Schlange. Ruhe. Dann beuge ich mich vor und schaue ihr in die Augen. Das Hinterende der Genervten rasselt bedrohlich. Zu allem Überfluss meint Aberle noch, mich mit den Krustenechsen bekannt machen zu müssen: „Die musst du anlangen, die fühlt sich an wie ein Dinosaurier.“ Das Tier ist giftig und zischt. Aberle: „Für die gibt es kein Serum.“ Meine Finger berühren eine Millisekunde lang das Schuppenkleid, das reicht – mir jedenfalls.
Dann sind wir da, die Krokodilhalle tut sich vor uns auf. Der vierjährige Marius, Großneffe einer Wilhelma-Kollegin, bekommt noch schnell eine Geburtstagsschlange umgelegt. Wie es war, frage ich ihn anschließend. Er nickt stumm mit großen Augen.
Die Zeit ist nun reif für die Königsklasse. Ein Blick über die Absperrung und da liegt Tong. Ein weißes Leistenkrokodil, neun Jahre alt, gut 2,5 Meter lang. Für Tong, thailändisch für der Goldene, und dessen drei Artgenossen hat Harry ein Leckerchen dabei. Zwei tote Ratten sollen die Leistenkrokodile aus ihrer Lethargie reißen. „Tooonnng“, ruft Aberle hinunter und schon fliegt die Ratte. Tong lässt sich zu einer schnellen Bewegung hinreißen, döst dann aber weiter vor sich hin. „Jetzt gehst du mit hintenrum“, sagt der Reptilienspezialist zu mir. Wie, wo, was, hintenrum? Das klingt aber gar nicht gut. Schon sind wir unterwegs, entlang der tropischen Gewächse und schließlich durch wucherndes Grün in Richtung Wasser. „Pass’ auf, dass du nicht reinfällst“, muntert mich Aberle auf und ruft: „Deng!“ Die neunjährige Deng ist mit 2,93 Metern und 103 Kilogramm der Chef unter den Panzerechsen. „Wo ist meine Große?“, fragt sich Aberle und sieht sich um. Deng, die Rote, da ruht sie unter Wasser. „Deeennng“, ruft der Meister nochmal und schlägt mit einem Stock aufs Nass. Deng kommt. Sie muss nicht viel machen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. „Die folgen alle, die sind wie Hundchen“, sagt Aberle nach dieser Vorstellung und lächelt zufrieden. Die Journalistin nickt stumm mit großen Augen.
Draußen im Freilandterrarium zeigt Aberle heimische Schönheiten. Darunter Ringelnattern, die sich stinkend zur Wehr setzen: „Riech mal!“ Ein Abstecher ins Insektarium muss zum Schluss noch sein. Riesige Gliederfüßer wie Fauchschaben und Kaiser-Skorpione werden auf dem Handteller präsentiert. Aberle und Biologe Reckhaus: „Wir sind ja mutige Typen.“ Bei den Pfefferminzschrecken heißt es wieder eine Nase voll nehmen. Hm, lecker. Die riechen wirklich wie das Kraut.
Mit einem „willst du noch eine Vogelspinne auf den Kopf haben?“ treibt Aberle mich endlich in die Flucht. Schön war’s, danke Schlangen-Harry!
