Freitag, 30. Juli 2010

Mit Kreisräten in den Bergen


Gipfelfoto auf dem 3078 Meter hohen Fundusfeiler. Foto: p
Gipfelfoto auf dem 3078 Meter hohen Fundusfeiler. Foto: p

Ein wenig skeptisch war ich schon: Mit Kreisräten für mehrere Tage ins Gebirge? Politische Debatten statt spannende Bergtouren? Zank und Hader statt zünftige Hüttenabende? Selbstdarstellung statt Kameradschaft? Zur Not kann ich mir ja Stöpsel ins Ohr stecken und meditieren, denke ich und packe meinen Rucksack. Ich habe gefragt, ob ich mal mitgehen darf, also muss ich da jetzt auch durch. Doch so viel sei vorweg verraten: Keines meiner Vorurteile hat sich bestätigt. Der Mehrtages-Ausflug mit Landrat und Kreisräten zu alpinen Unternehmungen rund um die Ludwigsburger Hütte im Pitztal (Österreich) entpuppte sich zu einem unvergesslichen Bergerlebnis mit Menschen, die fernab von Sitzungssaal und Fraktionszwängen vor allem eines verbindet: die Liebe zu den Bergen.
Donnerstag, 5 Uhr, vor dem Ludwigsburger Kreishaus. Acht Kreisräte, ein Mitarbeiter des Landratsamts sowie eine siebenköpfige Bergführer-Delegation des Deutschen Alpenvereins (DAV), Sektion Ludwigsburg nehmen mich mit zu einem viertägigen Abenteuer im Pitztal. Es handelt sich dabei nur um einen Teil der gesamten Gruppe; den Teil, der zu einer erweiterten, und recht anspruchsvollen Tour bereits einen Tag früher startet. Die anderen kommen tags drauf nach. Am Freitagabend sollen sich alle auf der Ludwigsburger Hütte auf 1935 Metern Höhe treffen. Über die erweiterte Tour – eine Gletscherexkursion – wird in unserer morgigen Ausgabe berichtet. Dieses alpine Highlight wollte eigentlich auch Landrat Dr. Rainer Haas begleiten, der allerdings aus wichtigem Grund erst einen Tag später kommen kann.
Den Chef des Kreishauses treffe ich beim anderthalbstündigen Aufstieg zur Ludwigsburger Hütte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea steht er etwas abseits des Weges und sammelt Pfifferlinge. Die sollen einen Tag später zu einer herrlichen Suppe verarbeitet werden. Die erste Überraschung ist perfekt. Oben angekommen gibt’s von der Hüttenwirtin Lydia Holzknecht zur Begrüßung einen Schnaps. Nach dem ersten Umtrunk verteilen sich die Kreisräte auf die Zimmer. Ich teile mein Lager mit Albrecht und Charlotte Fischer (Gündelbach), Horst Stegmaier (Erdmannhausen), Adolf Eisenmann (Besigheim) und Peter Bareiß (Ingersheim). Mit dieser Gruppe habe ich es gut erwischt – alle nett und keine Schnarcher!
Die nächste Überraschung folgt nach dem Abendessen. Statt langweiliger Diskussionen über Kreisumlage und Hebesätze wird zünftig gefeiert. Die Kreisräte und Weingärtner Fischer und Stegmaier haben aus eigenem Anbau genügend Rebensaft mitgebracht und per Lastenlift zur Hütte bringen lassen. Das schmeckt nicht nur, sondern löst auch die Zunge. Die Folge: Fernab von Parteiengeplänkel und Ideologie haben die Kreisräte fraktionsübergreifend ihren Spaß miteinander, unterhalten sich prächtig und stimmen zu später Stunde zahlreiche Volkslieder an. Die Atmosphäre passt, die Stimmung ist bestens – von politischen Diskussionen keine Spur. Besser können die Voraussetzungen für alpine Unternehmungen am nächsten Tag nicht sein. Dann findet auch das eine oder andere politische Gespräch statt, das über Fraktionen hinweg in aller Freundschaft läuft. So soll’s sein.
Für das Programm sorgen Roland Fischer aus Vaihingen, zweiter Vorsitzender der DAV-Sektion Ludwigsburg sowie Hubert Burkart vom Landratsamt Ludwigsburg. Drei Touren sind im Angebot: Besteigung des 3079 Meter hohen Fundusfeiler, Wanderung über das Lehnerjoch zur Erlanger Hütte sowie eine dreistündige Kräuterwanderung auf dem Panoramaweg oberhalb der Ludwigsburger Hütte. Ich möchte da mitgehen, wo auch der Landrat hin will und bin froh, dass er sich für den Fundusfeiler entscheidet.
Um acht Uhr geht es los. Roland Fischer sorgt für ein gleichmäßiges Tempo, dicht an seinen Fersen die restliche Truppe, die nach 75 Minuten bereits knapp 600 Höhenmeter überwunden hat und sich auf dem Lehnerjoch die erste Pause gönnt. Spannend die Geschichten, die er unterwegs aus dem umfangreichen Repertoire seines Bergsteigerlebens erzählt. Interessant auch die Gespräche mit und unter den Kreisräten, die nun auch kreispolitische Themen ansprechen . Als der Weg steiler wird, bilden sich Grüppchen – allen voran Roland Fischer und Landrat Rainer Haas, der unglaublich gute Fitness mitbringt. Kurze Pause auf der Feilerscharte. Von hier trennen uns noch 153 Höhenmeter vom Gipfel. Fischer und Haas sind nach insgesamt dreieinhalb Stunden die ersten, die sich das traditionelle „Berg heil“ zurufen. Ein Wunsch, dem sich Peter Bareiß verweigert: „Mir gefällt das Wort ‚heil‘ nicht“, sagt er. Uli Stark vom DAV packt derweil eine Flasche Rotwein aus seinem Rucksack und lässt kleine Zinnbecher kreisen. Gemeinsam auf einen 3000er gestiegen und Wein getrunken – das verbindet. Keine Frage, dass nun auch ein Gipfelfoto geschossen werden muss.
Nachdem darauf ein Viertel des Abstiegs bewältigt wurde, fängt es leicht an zu regnen. Roland Fischer, der bis dahin die Truppe zusammengehalten hat, lässt die Schnelleren und Erfahreneren loseilen und bleibt mit seinen Helfern bei den Langsameren. „Es müssen ja nicht alle nass werden“, lautet sein Kommentar. Nach insgesamt acht Stunden haben auch die letzten die Ludwigsburger Hütte wieder erreicht und sind um ein Bergerlebnis reicher. Der Trupp von der Wanderung zur Erlanger Hütte ist auch wohlbehalten wieder da. Die Teilnehmer der Kräuterwanderung mit dem Zahnarzt Jens Ditlevsen aus Tamm wissen nun, dass man sich aus manchem, was auf heimischen Wiesen wächst, ganz schön gefährliche Tees kochen kann…
Bevor es tags drauf heimwärts geht, folgt am Abend der nächste Hüttenabend, dem ich nicht mehr mit Skepsis sondern mit Freude begegne. Kein Wunder, denn die Kreisräte haben mir gezeigt, dass sie ein prima Haufen und gute Bergkameraden sind. Jetzt muss ich nur mal sehen, ob mir das „Du“, das mir von den meisten angeboten wurde, auch künftig einfach über die Lippen geht…     Frank Elsässer


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