Mit Kreisräten auf dem Pitztal-Gletscher
Okay, ich habe schon etwas alpine Erfahrung gesammelt und zahlreiche Berge in den bayrischen Alpen unter meine Füße gebracht. Wenn die Baumgrenze aufhört und der Fels beginnt, fängt bei mir die Freude an. Vor allem auf Klettersteigen fühle ich mich zu Hause und habe unter anderem den Mittenwalder Höhenweg, den Heilbronner Weg, den Friedberger, den Mindelheimer und den Hindelanger Klettersteig begangen. Auch die Überschreitung des Watzmanns stellte mich vor keine Probleme.
Und dann war sie da, die Chance über einen Gletscher zu gehen, und zwar im Rahmen einer Ausfahrt einiger Kreisräte zur Ludwigsburger Hütte (wir berichteten in unserer gestrigen Ausgabe). Als aus dem Kreishaus die Erlaubnis kam, die gesamte Ausfahrt redaktionell begleiten zu dürfen, war schnell klar, dass ich auch an der Exkursion auf den Pitztaler Gletscher dabei sein möchte – eine einmalige Gelegenheit.
So fahren wir am Donnerstag vor einer Woche in aller Herrgottsfrühe mit vier Autos ins hintere Pitztal nach Mittelberg. Bevor wir um zehn Uhr mit der Pitztaler Gletscherbahn auf den Gipfel des 3440 Meter hohen Brunnenkogel fahren, fragt uns Bergführer Roland Fischer vom Deutschen Alpenverein, Sektion Ludwigsburg, Ortsgruppe Vaihingen, ob wir auch an Gletscherbrille, Sonnenmilch und Lippenschutz gedacht haben. Haben wir. Es kann losgehen.
Nach einer halben Stunde – inklusive ein Mal umsteigen – stehen wir auf dem höchsten mit der Bahn erreichbaren Punkt Österreichs. Die Luft ist erschreckend dünn, dafür der Ausblick fantastisch. Doch nach 15 Minuten drückt unser Bergführer aufs Tempo, schließlich haben wir einen langen Marsch vor uns.
Dreieinhalb Stunden dauert es normalerweise, über den Gletschersteig vom Brunnenkogel bis zum Taschachhaus, wo wir übernachten wollen, abzusteigen. Wir wählen allerdings die spannendere, doch ungleich gefährlichere Variante über den Pitztaler Gletscher. Um zum oberen Gletscherboden zu gelangen, gehen wir ungefähr eine Stunde lang den Pitztaler Gletschersteig hinab. Dort angekommen, begeben wir uns vom Steig weg auf das Eis, vor dem ich ganz schön Respekt habe. „Steigeisen anziehen! Pickel in die eine und Stock in die andere Hand!“, ruft uns Roland Fischer zu. Er selbst knüpft so lange die Knoten ins Seil, die wir uns anschließend in die Karabiner hängen. In zwei Fünfer- und einer Sechserseilschaft gehen wir los.
Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Schließlich führt uns der Weg über den spaltenreichsten Gletscher der Ostalpen. Als Fischer uns auch noch die Geschichte vom Wirt der Braunschweiger Hütte erzählt, der hier vor einigen Jahren in einer Gletscherspalte den Tod fand, verbessert das meine Stimmung nicht. Doch unser Bergführer geht mit traumwandlerischer Sicherheit über das Eis. Äußerst spannend ist es zu beobachten, wie er sich den Weg über den Gletscher sucht, der von Jahr zu Jahr sein Aussehen verändert.
So geht es im Zickzackkurs über das zerklüftete Eis. Immer wieder hebt Fischer den Blick in die Ferne. Wie ist das Eis beschaffen? Wo liegt Schnee? Dabei erfahren wir: Helle Stellen im Eis sind zu meiden, dunkle Stellen sind in Ordnung. Der Grund: Die hellen Stellen sind Schnee, unter dem es tief hinab gehen kann. Deswegen sticht Fischer auch immer wieder mit dem Ende des Eispickels ins Eis, um die Beschaffenheit zu eruieren „Was wir hier machen, getraut sich nicht jeder“, sagt der Bergführer und meint damit vor allem sich selbst. Nicht alle Bergführer sind dazu geeignet, Personen in Seilschaften über einen Gletscher dieser Kategorie zu geleiten. Doch auch die Seilschaften – in diesem Fall die Kreisräte und ich – brauchen Mumm. Immer wieder müssen wir über breite und ziemlich tiefe Spalten hüpfen. Und dabei soll das Seil nach vorne und hinten immer schön gestrafft bleiben. Da ist Konzentration angesagt. Nicht, dass der Hintermann gerade dann das Seil strafft, wenn man über eine Spalte hüpft.
Nach einer Stunde dann eine weitere spannende Abwechslung: Wir sollen in eine Spalte abgeseilt werden. Da die Gletscherspalten aber zu dicht aufeinander folgen, wählt Roland Fischer einen Eisbruch aus, der schätzungsweise 20 bis 30 Meter tief ist. Ein unglaubliches Gefühl ist es, mit dem Gesicht nach vorn am Rand zu sitzen, ins Leere zu blicken und von hinten zu hören: „Los, rutschen!“ Nachdem sich die Kreisräte keine Blöße gegeben haben, möchte auch ich mal. „Den Frank nehmen wir für die Demonstration einer Spaltenrettung durch Brigitte und Daniela“, sagt Roland Fischer und meint damit seine Frau und seine Tochter. Also gut, denke ich, werde gesichert und hüpfe ins Leere. Kaum gesprungen, strafft sich bereits das Seil. Ein Blick nach oben verrät, dass ich ohne Hilfe chancenlos bin. Zu steil ist die Wand. Der Blick nach unten lässt mich hoffen, dass oben alles gut geht. Brigitte und Daniela fixieren mich und basteln aus einem Seil einen Flaschenzug. Daniela wirft mir an einem Seil einen Karabiner hinunter, den ich mir einhängen soll. Doch der Verschluss macht nicht mit. Also ein anderer Karabiner mit Schraubverschluss her – klappt! Eine Minute später stehe ich wieder oben. „Danke für die Rettung“, höre ich mich sagen.
Weiter geht es über den Gletscher bis zu einer Eiswand, wo sich die Gruppe am Eisklettern versuchen darf. Unglaublich, mit welcher Sicherheit Landratsamts-Mitarbeiter Hubert Burkart und die Kreisräte Adolf Allmendinger, Rainer Gessler, Hans Schmid und Armin Zeeb mit Steigeisen und Pickeln die etwa 20 Meter hohe Wand hochklettern. Auf dem weiteren Abstieg zum Taschachhaus auf 2434 Metern, wo wir übernachten, sehen wir noch gut erhaltenen Überreste eines abgestürzten amerikanischen Kampfflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg am Rande des Gletschers herumliegen.
Am nächsten Morgen teilt sich die Gruppe auf. Während die einen mit Roland Fischer den Offenbacher Höhenweg gehen, entscheide ich mich für den weniger anstrengenden, dafür mit spektakulärer Aussicht ausgestatteten Fuldaer Höhenweg. Am Mittag sind auch diese Touren geschafft, so dass wir uns auf der Taschachalm eine lange Pause genehmigen. Am Nachmittag steigen wir in knapp anderthalb Stunden auf die Ludwigsburger Hütte für weitere alpine Unternehmungen (siehe Ausgabe von gestern). Mein persönliches Fazit: Die Gletscher-Überschreitung war ein unvergessliches Erlebnis. Dennoch lege ich jetzt Eispickel und Steigeisen zur Seite freue ich mich erstmal auf den nächsten Klettersteig… Frank Elsässer
