Im Kindergarten: Herbstdrachen fliegen durch die Lüfte
Zaghaft stimmt Elianne das Morgenlied an. An der rechten und linken Hand hält sie ihre Freundinnen. Dieses Ritual findet im Vaihinger Kindergarten am Tannenweg jeden Morgen statt. Die Kinder stellen sich im Kreis auf und eines davon singt den anderen ein Lied vor. Der Rest singt es nach. Doch heute ist ein besonderer Tag: Elianne aus der Tigergruppe hat Geburtstag. Sie ist fünf Jahre alt geworden. Und die Kinder aus der Tiger-, Drachen- und der Bärengruppe feiern mit.
Nach dem täglichen Morgenkreis ziehen sich die Kinder mit ihren Erzieherinnen in die Gruppenräume zurück. Der Kindergarten am Tannenweg hat drei Gruppen und etwa 75 Kinder. Jeweils zwei Erzieherinnen sorgen in den Gruppen fürs Programm: Bei den Bärenkindern sind es heute Melanie Gosch und Ursel Mörgenthaler. Doch Nachnamen spielen in dieser Welt keine Rolle. Kinder und Kindergärtnerinnen sprechen sich mit dem Vornamen an.
Melanie bastelt mit den Bärenkindern kleine Herbstdrachen. Sie verwendet dazu Schnüre, Krepp- und Tonpapier, flüssigen Kleber und Klebestreifen. Die Kinder sind begeistert. „Das macht Spaß“, sagt Matin, der einen Platz am Tisch ergattert hat. Schnell wird das Tonpapier in Drachenform gefaltet, aus dem Krepppapier entstehen Schleifen, die die Schnur des Herbstdrachens schmücken sollen und mit den Klebestreifen wird eine Papierschlaufe auf der Rückseite befestigt.
Solange Melanie, Matin und seine beiden Freunde basteln, spielen die anderen Kinder. Dabei haben sie eine große Auswahl: Puppenzimmer, Bauecke, Gesellschaftsspiele, Webrahmen, Mosaiksteinchen, verschiedene Puzzles und allerhand andere Spielsachen. Vasilia-Maria und Sina haben sich das Baumspiel ausgesucht. Dabei müssen die beiden vierjährigen Mädchen einen Spielstein auf den Tisch werfen. Er zeigt entweder ein Blatt oder eine Blüte. Je nachdem, auf welcher Seite der Stein landet, dürfen Vasilia-Maria und Sina entweder eine Blüte oder ein neues Blatt an ihren Baum legen. Wer seinen Baum zuerst vervollständigt hat, hat gewonnen. Das Spiel hält die beiden eine halbe Stunde in seinem Bann. „Schon wieder ein Blatt, aber ich brauche doch noch eine Blüte“, ärgert sich Sina. Die andere Vierjährige hat mehr Glück: Ihr Baum ist komplett, sie hat gewonnen. Doch darauf kommt es gar nicht an. Beide sehen zufrieden aus, beide hatten ihren Spaß.
Auch in der Küche der Bärengruppe ist einiges los. Es duftet nach frischem Tee, Wurst und Obst. Hier können die Kinder ihr mitgebrachtes Vesper essen. Wann sie das tun, ist ihnen überlassen. „Manche kommen ja schon um 7.30 Uhr, wenn wir gerade aufgemacht haben, andere kommen erst um 8.30 Uhr“, sagt Erzieherin Ursel, die heute die Krankheitsvertretung für eine Kollegin in der Gruppe übernommen hat. Weil die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten in den Kindergarten gebracht werden, haben sie auch zu unterschiedlichen Zeiten Hunger. Der kleine Philipp hat von seiner Mutter einen Apfel eingepackt bekommen. Er lässt ihn sich schmecken.
Inzwischen ist Birgit Pertler-Schulz in die Gruppe gekommen. Sie kümmert sich um die Kinder, die noch Probleme mit dem Sprechen und der Sprache haben. Darunter sind nicht nur ausländische sondern auch deutsche Kinder. Sie nimmt Matin und die beiden Mädchen Zoha und Nermina mit. Eine halbe Stunde lang singen sie Lieder, lesen Geschichten und befassen sich mit den Inhalten eines Arztkoffers. „Die drei sind eigentlich schon ganz fit“, sagt Pertler-Schulz. Es gehe nur noch um den Feinschliff.
In der Bärengruppe beschäftigt sich Kaan solange mit seinem Lieblingspuzzle. Er verstreut die Teile auf dem Tisch und setzt sie wieder zusammen – immer und immer wieder. Wenn er die Teile richtig zusammengefügt hat, sind kleine Igelkinder auf dem Bild zu erkennen. Dominik sitzt neben Kaan und legt kleine Mosaiksteine in einer Form zu einem Muster zusammen. Sina steckt farbige Holzstäbe in ein Brett mit Löchern. Sie muss sie nach Größe und Farbe sortieren. Dann wird das spielerische Treiben jäh beendet: Es ist Zeit aufzuräumen. Ursel stimmt dazu ein Lied an. „Eins, zwei, drei, das Spielen ist vorbei, alle Kinder groß und klein, räumen jetzt das Spielzeug ein.“ Alle helfen mit, niemand drückt sich.
Nach dem Aufräumen setzen sich Kinder und Erzieherinnen im Kreis auf den Boden. Heute erklärt Ursel, warum am Herbstanfang der Tag genau so lang ist, wie die Nacht und dass damit der Sommer endgültig vorbei ist. Aber was bedeutet das eigentlich? „Jetzt wird das Wetter schlechter“, sagt Muhammed. Dominik meint, dass nun die Blätter von den Bäumen fallen. Und Oliver sagt: „Jetzt regnet es ganz oft.“ Alles richtig. Und was kann man im windigen Herbst ganz hervorragend tun? „Drachen steigen lassen“, schießt es aus Luca heraus. „Genau“, sagt Melanie und Ursel beginnt eine kleine Drachen-Geschichte zu erzählen.
Es geht um einen Drachen, der im „Zizazausewind“ durch die Lüfte fliegt. Matin, Muhammed, Kaan, Dominik und die anderen Kinder nehmen die gebastelten Drachen und schieben ihre Hand durch die Schlaufe auf der Rückseite. Die kleinen Kunstwerke tanzen an den Kinderhänden durch die Luft. Es geht auf und ab, nach rechts und nach links. Mal langsam, mal schnell. Auf dem Kopf und richtig herum. Alle machen mit. Bis auf Dominik. Er plappert lieber und wird deshalb ermahnt. Aufhören tut er trotzdem nicht. Er wird es gleich bereuen. Nach dem Drachenspiel sollen sich die Kinder nämlich Schuhe und Jacken anziehen, damit sie im Garten noch ein bisschen spielen können. Nur für Dominik gilt das nicht. Er muss im Bärenzimmer bleiben und ein Puzzle lösen. „Ich hatte dich gewarnt“, sagt Ursel.
Schuhe werden gebunden, die Reißverschlüsse von Jacken nach oben gezogen. Viele Kinder können das schon ganz alleine. Nur bei manchen müssen Ursel und Melanie nachhelfen. Alle sind warm angezogen, schließlich soll keines der Bärenkinder im Freien frieren. In Reih und Glied geht es Richtung Garten.
Im Außenbereich des Kindergartens stehen Schaukeln, Klettergerüste, Rutschen und andere Spielgeräte bereit. Die Schaukel ist beliebt. Zwei Kinder streiten sich darum, welches als erstes schaukeln darf. Melanie schlichtet. Sie einigen sich auf eine Reihenfolge. Dass sie ins Freie dürfen, finden die Kinder klasse. Aber es bedeutet auch, dass sie bald von ihren Eltern abgeholt werden. Denn beinahe jeder Morgen endet mit dem Gang in den Garten. Dann heißt es Abschied nehmen – aber meistens nur, bis der Kindergarten mittags wieder öffnet.
Philipp-Marc Schmid
