Freitag, 25. Mai 2012

Ich bin dann mal im Knast


Die alte Druckmaschine wird zur Kunst im Gefängnisgelände, der Schlüssel muss immer griffbereit sein und ein Blick in den Mehrzweckraum. Fotos: Rücker
Die alte Druckmaschine wird zur Kunst im Gefängnisgelände, der Schlüssel muss immer griffbereit sein und ein Blick in den Mehrzweckraum. Fotos: Rücker

Heimsheim (sr/28. Januar 2011).An der Pforte der Justizvollzugsanstalt Heimsheim werden gut gelaunt Bedenken zerstreut. „Wir behalten Sie nicht hier, das ist ein Männerknast.“ Drei Stunden lang darf die VKZ-Mitarbeiterin hinter Gittern verbringen. Ein Besuch in der Druckerei, wo die Archivbände der VKZ entstehen, inklusive.

 5,20 Meter hoch ist die Mauer, die sich vor dem Besucher der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heimsheim aufbäumt. Obendrauf windet sich Nato-Draht. Schon der bloße Anblick dieser Schneiden auf der Mauerkrone tut weh. „Durch den Draht ist noch keiner durchgekommen“, sagt Wolfgang Sautter. „Gut so“, fügt der Justizvollzugsbeamte noch hinzu. Der Draht schrecke vor Ausbruchsversuchen ab. 400 Inhaftierte sitzen zurzeit in der JVA, hinzu kommen regelmäßig „Durchzügler“, da sich in Heimsheim die Transportzentrale des Justizvollzugs Baden-Württemberg befindet. Vom Kleinkriminellen bis zum Mehrfachmörder reicht die Bandbreite in dem Gefängnis im Enzkreis, in dem ausschließlich männliche Erwachsene einsitzen.Wolfgang Sautter ist seit 31 Jahren im Strafvollzug tätig. Mit seiner Zusatzausbildung zur Arbeitstherapie trainiert er mit einer Gruppe von Gefangenen einen geregelten Arbeitsalltag. Bei Sautter schaffen die Inhaftierten, die aus verschiedenen Gründen in den anderen Werkstätten der Anstalt nicht zurechtkommen. Darunter sind Menschen mit körperlichem Handicap, ehemalige Drogenabhängige oder auch Häftlinge, die von Mithäftlingen bedroht werden. „Es gibt immer irgendwo Reibereien“, stellt Sautter fest. In der Hierarchie der Inhaftierten stünden Sexualstraftäter und vor allem „Kinderschänder“ ganz unten. Auch diese müssen vor Übergriffen geschützt werden.Der erste Gang in dieser anderen Welt führt zu unserer Zeitung. Wie werden die Häftlinge, die in der Druckerei arbeiten, auf die Besucherin reagieren? Sautter öffnet die Tür, hinter der eine scheinbar ganz normale Werkstatt erscheint. Die Zeitungsfrau mit der Kamera um den Hals erregt nicht mehr Aufsehen, als das draußen auch der Fall wäre. Ein paar Schritte noch und da liegt sie, unsere VKZ. Frisch geglättet und sortiert, fertig zum Binden für unser Archiv. Martin Häcker, Betriebsleiter der Druckerei und Druckermeister, greift in ein Regal. Er hält ein Gesangbuch in der Hand, das auf seine Reparatur wartet. Ein Kundenauftrag von außen. Geburtstagkarten werden hier entworfen und gedruckt, Visitenkarten, Flyer, zählt Häcker auf und kommt in Fahrt. Stempel werden gefertigt, vier Arbeitsplätze gibt’s in der Buchbinderei, die Ausbildung zum Drucker wird angeboten. 700 000 Euro Umsatz habe die Druckerei 2010 gemacht, 23 Leute sind dort beschäftigt. Ein ehemaliger Häftling habe Drucker und Drucktechniker gelernt und sich jetzt draußen selbstständig gemacht. Wolfgang Sautter horcht auf und beide sind angetan von dieser Vorstellung.Wir verlassen die Werkstätten und schlängeln uns durch die Gänge. Bewaffnet ist keiner der Justizvollzugsbeamten. Die Gefahr, dass Insassen die Waffe entwenden könnte, wäre viel zu groß, klärt Sautter nebenbei auf. Was jedoch unverzichtbar die Hüfte umspielt ist eine mächtige Kette mit Schlüssel. Fast jede Tür in dem Gebäude ist verschlossen. Alle paar Meter stoppt ein solches Hindernis alle, die durch die Gänge laufen.Etliche Türen und einige Gänge später zückt Sautter erneut seinen Schlüssel. Der Weg zum Mehrzweckraum wird frei. Schade, dass Johnny Cash keine Konzerte mehr geben kann. Gottesdienste werden dort abgehalten, islamische Gelehrte kommen, Dienstbesprechungen und Veranstaltungen gibt es hier.Der Start der Anstalt in Heimsheim war holprig. Man wollte das Gefängnis nicht in der Stadt im Heckengäu haben. 1990 wurde der 50 Millionen Euro Bau fertiggestellt. „Heimsheim kann sich das nicht mehr ohne uns vorstellen“, sagt Sautter heute. Immerhin hat die Stadt nun einige Hundert Bürger mehr, denn die Insassen sind in Heimsheim gemeldet. Die Sportvereine von draußen – nur Männer – kommen rein und es werden Turniere gegen die Gefangenen angesetzt. „Wenn sie unsere Sporthalle sehen, wissen Sie, warum“, ergänzt Sautter.Wie setzen uns in Bewegung. Tür auf, Tür zu, Schlüssel rein, Schlüssel raus. Im Krankenrevier schließt gerade Leiter Rolf Schaaf eine Tür auf und zu. Hier findet die ärztliche und zahnärztliche Versorgung der Häftlinge statt. Aus einem anderen Gang kommt Emilie Blasberg zur Tür herein. Seit 31 Jahren arbeitet die Vollzugsdienstleiterin nun in Gefängnissen. Ursprünglich wollte sie Krankenschwester werden. Aber bereut hat sie die Ausbildung zur Justizvollzugsbeamtin nicht. „Ich bin Überzeugungstäterin“, lässt sie fröhlich wissen. Am Anfang ihrer Laufbahn sei sie mit einer Kollegin quasi als „Versuchskaninchen“ im Männervollzug eingesetzt worden. Die Skepsis, ob sich Frauen in der Welt der männlichen Häftlinge durchsetzen können, war groß. Zu unrecht. Wolfgang Sautter: „Ein gewisser Anteil von Frauen tut gut.“ Es fördere das Balzverhalten der Gefangenen, welche dann mehr auf ihr Äußeres achten. „Und der Ton verändert sich positiv“, sind sich die beiden einig.Wir schlendern weiter. Sautter schließt linker Hand eine Tür auf. „Besonders gesicherter Haftraum“, zeigt das Schild außen. Wer selbstmordgefährdet oder aggressiv ist, kommt zur Beruhigung „sehr kurz“ in diese Zelle mit der unzerreißbaren Matratze. Kein Ort zum Wohlfühlen.Kurze Zeit später passieren wir die Sporthalle. Hinter der – verschlossenen – Tür sind Männer, die sich für ein Foto in Pose stellen. Die Inhaftierten dürfen allerdings nicht fotografiert werden. Wir erreichen eine Halle mit einem riesigen Bus. Vier solcher Gefangenentransportbusse mit Zellen gibt es in Heimsheim, der Transportzentrale Baden-Württemberg. Sie fahren einen Fahrplan, sagt der Leiter Peter Kößler. Von Montag bis Freitag, elf Touren pro Woche, von Mannheim nach Würzburg, Konstanz und so weiter. Senioren unter den Gefangenen fährt Kößler und seine Kollegen nach Singen in den Seniorenknast. Nö, Tränen würden da eher nicht kullern, „das sind ja alles harte Jungs“, stellt Sautter klar. 250 000 Kilometer bringen die Busse jedes Jahr hinter sich. Dabei werden 25 000 Gefangene transportiert, nur ein kleiner Teil davon sind Frauen. Kößler: „Es sind zahlenmäßig weniger, aber die Straftaten sind härter, häufig handelt es sich um Mord, Mordversuch oder Totschlag.“Ungeachtet der Straftat sollen die Justizvollzugsbeamten den Häftlingen neutral gegenübertreten. Es gebe zwar Sympathien und Antipathien, wie draußen auch, sagt Sautter. Aber man müsse schon eine gewisse Distanz wahren und ein gesundes Misstrauen mitbringen, sagt der 58-Jährige. „Sie werden hier drin so viel angelogen“, fügt er hinzu. Gefangene, die auf das Leben ihrer Kinder schwören, dass nichts mehr passiert, seien am Tag ihrer Entlassung schon wieder da. Sautter: „Wie im guten Hotel.“ Andererseits hätten es ehemalige Häftlinge schwer. Falls sie in einem Betrieb unterkommen und dort etwas vorfällt, stünden sie häufig gleich unter Verdacht.„Der Strafvollzug ist kein Spaß, man ist eingesperrt und wird bevormundet“Wolfgang Sautter, Leiter der ArbeitstherapieWir sind in Sautters Büro angekommen. Von dort aus überblickt er die Werkstatt mit den rund 20 Häftlingen. Es ist 15.29 Uhr, Feierabend für die Gefangenen. Werkzeug wird eingesammelt, die Leute durchsucht, gezählt, dann geht es in die Zellen. Später hat jeder noch die Möglichkeit für eine Stunde Hofgang. Es gibt Freizeitgruppen, in denen auch Ehrenamtliche von außen sich einbringen. 1,15 Euro plus möglicher Leistungszulage von zehn Prozent verdienen die Männer in der Arbeitstherapie. In der JVA herrscht Arbeitspflicht. Von dem verdienten Geld werden Zigaretten, Kosmetikartikel, Süßigkeiten und Sonstiges gekauft. „Der Strafvollzug ist kein Spaß“, sagt Sautter. Man sei eingesperrt und werde in allen Bereichen bevormundet. Und doch kommen viele immer wieder. Diejenigen, die den Absprung von der schiefen Bahn schaffen, verliert Sautter meist aus den Augen. Nur ab und zu, da kommt ihm draußen ein Gesicht bekannt vor.Ich verabschiede mich und werde rausgeschleust. Eine Meise piepst im Baum. Drinnen waren alle nett. Aber draußen sein ist besser.Die Justizvollzugsanstalt Heimsheim bietet Führungen für Gruppen an. Landfrauen, Volkshochschulkurse et cetera haben schon einen Ausflug hinter Gitter unternommen. Kontakt JVA per E-Mail: poststelle@jvaheimsheim.justiz.bwl.de oder per Telefon 0 70 33/30 010.

Info: Produktion im Gefängnis:
Mit dem sinnigen Motto „wir lassen sie nicht sitzen“ bietet der Landesbetrieb Vollzugliches Arbeitswesen (VAW) mit seinen 17 Niederlassungen Privatkunden, Firmen und Behörden ein breites Leistungsspektrum zu attraktiven Konditionen. Die gesellschaftliche Wiedereingliederung des Gefangenen steht bei der Gestaltung des Justizvollzuges im Vordergrund. Die sinnvolle und wirtschaftlich ergiebige Beschäftigung der Gefangenen ist für eine erfolgreiche Resozialisierung regelmäßig von zentraler Bedeutung. Arbeit und Ausbildung im Justizvollzug sollen der Vermittlung, Erhaltung und Förderung der Fähigkeiten für eine Erwerbstätigkeit des Gefangenen nach seiner Entlassung dienen. Mit einer Auftragserteilung an den Landesbetrieb VAW wird ein wichtiger Beitrag zur Resozialisierung der Gefangenen geleistet. Bei der Justizvollzugsanstalt Heimsheim bieten eine Druckerei, Schlosserei, Schreinerei sowie eine Metzgerei und Montagebetriebe ihre Dienste an. In den Produktionsstätten arbeiten circa 500 Gefangene und 42 Bedienstete mit Meister- oder Technikerausbildung. Viele weitere Informationen zur Anstalt allgemein und zur Produktion in Heimsheim im Internet auf der Seite der JVA unter www.jva-heimsheim.de. (p/sr)


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