Schützingen (elf). Das Konzept hat es in sich: Interessante Führungen durch den malerischen Ort und die nahen Weinberge, garniert mit spannenden Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten. Dazwischen schwäbische Spezialitäten und charaktervolle Weine bei gleich drei Gastronomen. Bei den Schützinger Menüwanderungen ist Wandern und Genießen angesagt. Die VKZ hat sich auf die Beine gemacht und mitgeschlemmt.
Roland Straub aus Lienzingen ist eine sympathische Erscheinung. Sein historisches Wissen ist immens, sein Humor trocken. Da fällt es einem nicht leicht zu glauben, dass der Mann Nachkomme einer uralten Scharfrichtersippe ist. Ein Stammbaum, der offenbar verpflichtet. Wie sonst lässt es sich erklären, dass ein Mann zertifizierter Naturparkführer im Naturpark Stromberg-Heuchelberg wird und sich dabei der Historie von Fachwerkdörfern, der Sagengeheimnisse des Strombergs sowie der Rechtsgeschichte und diversen Hinrichtungspraktiken in der Region widmet? Eine seiner spannenden Führungen ist die Schützinger Menüwanderung, die der 58-Jährige einmal pro Monat anbietet. Die Idee ist genial: Der Naturpark- und Historienführer begleitet seine Gäste von einem Restaurant zum nächsten und streift mit ihnen dabei nicht nur durch den Ort und die Weinberge, sondern erzählt dabei auch noch allerlei Wissenswertes.
Erste Station ist heute die Gutsschenke des Weinguts Häge. Um die Zeit bis zur leckeren Vorspeise zu überbrücken, gibt es selbst gebackenes Brot und einen ebenso selbsthergestellten Brotaufstrich. Das öffnet den Magen. Beim Getränk hat man die Auswahl zwischen einem erfrischenden Secco und einem süffigen neuen Wein. Bei der Vorspeise entscheidet man sich zwischen Zwiebel- und Kartoffelkuchen. Kleiner Tipp: Am besten ist es, wenn man sich mit dem Partner abspricht, denn dann kann man von allem etwas probieren...
Nach einer knappen Stunde ruft Roland Straub zum Aufbruch. Die Dorf- und Fachwerkführung durch Schützingen steht an. Straub ist dabei flexibel. Gut möglich, das die nächste Führung im Dezember – im November findet keine Führung statt – in einem anderen der drei Lokale beginnt und es dann zuerst in den Weinberg geht. „Schützingen ist ein Straßendorf mit Scheunengürtel“, ist zu erfahren, gefolgt von dem Hinweis, dass die Häuser in der Hauptstraße schräg gebaut sind und die Giebelseite nicht im 90-Grad-Winkel zur Straße zeigt. Mit dieser österreichischen Bauweise war es den Bewohnern besser möglich, die Straße einzusehen. 60 Familien aus dem österreichischen Enns sollen es gewesen sein, die um 1700 nach Schützingen kamen, um das nach dem 30-jährigen Krieg völlig zerstörte Dorf wieder aufzubauen. Noch heute zeugen zahlreiche typisch österreichische Namen davon. Beim Spaziergang durch den Ort ist zu erfahren, dass die Mönche im Kloster Maulbronn berüchtigt für ihre Expansionspolitik gewesen seien. „Denen hat auch in Schützingen alles gehört“, sagt Straub. Im 17. Jahrhundert hätten die Mönche keinen Zehnt mehr eingezogen. Dafür hätten es Zehntversteigerungen und Frondienste gegeben. Leibeigene Frauen mussten statt Geld eine sogenannte Leibhenne abgeben. Diese wurden vom Hühnervogt eingesammelt. Aufgrund der vielen Krankheiten und der hohen Sterblichkeitsrate hätten die Familien früher zwölf bis 15 Kinder gezeugt, um überleben zu können.
Die Informationsflut reißt nicht ab. So sei die Schützinger Kirche, die von 933 bis 1023 erbaut worden ist, aufgrund der vielen in ihr vereinten Baustile etwas ganz Besonderes. Dann zeigt sich Straub als ausgewiesener Kenner des Fachwerks, das er anhand von prägnanten Beispielen erklärt. An der vorderen Giebelfront ein Fenster links (Schlafkammer) und zwei Fenster rechts (Wohnstube): „Die Häuser sind alle gleich aufgebaut.“ An diversen Erkern und Fachwerkverzierungen sei der Reichtum der ehemaligen Bewohner zu erkennen. Und – wer hätte es gewusst? – das älteste Haus Schützingens ist die Nummer 27 in der Illinger Straße. Nach einem Streifzug durch die Dorfverwaltung vom Schultheiß über den Feldschütz bis zum Totengräber und ein paar Beispielen zu Frevelstrafen ist auch schon der Weingasthof Zaiß erreicht. Dort wartet die gleichnamige Weingutfamilie mit einem herzhaften Wildschweingulasch mit Semmelknödel, Rotkraut und Preiselbeeren auf. Klar, dass sich die meisten der 24 Teilnehmer der Führung einen passenden Rotwein dazu servieren lassen.
Nur mit sanftem Druck lässt sich die Gruppe der gemütlichen Runde entreißen, als Roland Straub gegen 21.30 Uhr zur Weinbergführung auffordert. Doch der Spaziergang mit leichtem Anstieg tut nach dem schmackhaften Essen gut in den Beinen. Nachdem der Kreislauf wieder in Schwung gebracht wurde, gibt es Informationen zur Rebkultur. „Die Rebe ist eine Schlingpflanze, die sich in den Urwäldern behaupten musste“, sagt Straub. Ihre Wurzeln würden sich neun bis zwölf Meter tief in den Boden graben. Der Geschmack des Weines würde aus der Schale der Beere kommen. „Der Rest ist Wasser“, sagt Straub und weißt nebenbei darauf hin, dass nahezu alle Champagner aus Rotwein hergestellt werden. Nach der Erklärung einiger Fachbegriffe aus dem Weinbau versäumt es der Naturparkführer nicht, wieder einen Blick in die Historie zu werfen. Weintrauben habe es vor 60 Millionen Jahre schon gegeben, was Funde von fossilen Traubenkernen belegen würden. Zeichnungen auf mehrere Tausend Jahre alten Amphoren würden Weinmotive zeigen. Der Wein sei damals allerdings nicht Genuss- sondern berauschendes Mittel gewesen.
Am Ende der Weinbergführung macht Roland Straub einen Schlenker in eines seiner Spezialgebiete: die Gerichtsbarkeit. Viele Räuberbanden habe es früher in der Gegend gegeben, Sippen, die das Metier über Generationen hinweg betrieben hätten. „Auf Diebstahl stand Todesstrafe“, leitete Straub zur Bambergischen Halsgerichtsverordnung samt Folter und Hinrichtungen über. Erst 1949 habe es in Tübingen die letzte Hinrichtung gegeben. Der Scharfrichter sei übrigens ein Lehrberuf gewesen. Straub: „Der Abschluss war eine erfolgreiche Hinrichtung mit dem Schwert.“ Nach der Aufzählung diverser Hinrichtungsarten geht es nicht zum Schafott sondern in das Gasthaus Krone. Hier kredenzt Wirt Claus Späth einen Apfelstrudel mit Eis und Vanillesoße sowie einen korrespondierenden Muskattrollinger Rosé. Bis Mitternacht hat der Abend gedauert, der an Kurzweil und Genuss nicht zu überbieten war.
Wer einmal erfahren möchte, warum die Scharfrichter den Beruf des Chirurgen hervorgebracht haben, meldet sich zu einer der zwölf Schützinger Menüwanderungen 2011 an.
www.naturparkfuehrer-stromberg-heuchelberg.de

