Die Streckenwärter stopfen Straßenlöcher
Es ist dunkel, Nebelschwaden liegen über den Straßen rund um Sersheim. Nur der Kreisverkehr an der Stelle, an der die Straßen von Oberriexingen nach Sersheim und von Bietigheim-Bissingen nach Vaihingen sich kreuzen, ragt wie ein Fels aus dem Dickicht der feinen Wassertröpfchen. Die Stille der Nacht wird jäh unterbrochen. Motorengeheul, ein dumpfer Schlag, Schleifgeräusche.
Erst am nächsten Morgen wird sichtbar, was in der Nacht an dem Kreisverkehr passiert ist. Ein geknicktes Schild und Reifenspuren auf der Pflanzfläche des Kreisverkehrs sind Zeugen des Unfalls: „Da war wohl einer zu schnell und hat den Kreisel nicht gesehen“, sagt Streckenwärter Gerd Rapp von der Vaihinger Straßenmeisterei. Eine Seltenheit sei das an dieser Stelle nicht. „Ich wette, dass das Schild in vier Wochen wieder kaputt ist.“ Ausgetauscht wird es trotzdem.
Und der Unfallverursacher? Hat er Fahrerflucht begangen? Nein. Der Polizei hat er das Malheur zwar nicht gemeldet, dafür aber der Straßenmeisterei. „In vielen Fällen ist das ausreichend“, sagt Gerd Rapp. Das kaputte Schild verstaut er auf der Ladefläche des orangefarbenen Transporters. Danach wartet der nächste Auftrag auf den Straßenwärter.
Die Mitarbeiter der Vaihinger Straßenmeisterei sind für etwa 230 Straßenkilometer zwischen Häfnerhaslach, Vaihingen, Gerlingen und Münchingen-Kallenberg zuständig. Sie kümmern sich darum, dass die Kreis-, Landes- und Bundesstraßen in diesem Gebiet in Schuss bleiben. Damit das reibungslos funktioniert, wurde der Bereich in zwei Touren aufgeteilt: Nord und Süd. Gerd Rapp arbeitet im Süden. Wenn er die ganze Tour abfährt, zeigt der Kilometerzähler seines Wagens die Zahl 160 an.
Das Sorgenkind der Vaihinger Streckenwärter ist die Bundesstraße10 in Enzweihingen. Etwa 20 Zentimeter unter dem Straßenbelag liegen Pflastersteine verborgen. Durch Feuchtigkeit und den vielen Schwerlastverkehr bröckelt die Straße und gibt den Blick auf das uralte Pflaster frei. „Die Schlaglöcher müssen wir flicken“, sagt Rapp und schreitet zur Tat: Mit Besen, Schaufel, Kaltasphalt und Sand rückt er den unschönen und gefährlichen Kratern im Belag zu Leibe.
Der Verkehr läuft während der Arbeiten an der Straße weiter. Gerd Rapp beobachtet die Fahrzeuge genau, macht einen Schritt zur Seite, wenn sie ihm zu nahe kommen oder wenn ein Lastwagen heranbraust. Zuerst fegt der Mann im orangefarbenen Arbeitsanzug die Löcher aus, dann kommt die schwarze Asphaltmasse zum Einsatz: „Die muss nicht heiß verarbeitet werden und härtet auch bei kalten Temperaturen oder bei feuchter Witterung aus“, erklärt der ausgebildete Straßenwärter. Zum Schluss kommt der Sand über den frischen Belag – damit nichts Klebriges an den Reifen der Autos hängen bleibt.
Die Prozedur auf der B10 in Fahrtrichtung Stuttgart wiederholt Gerd Rapp, der seinen Job schon seit 26 Jahren macht, einmal pro Woche. „Die Löcher reißen immer wieder auf“, sagt er. Manchmal überlege er sich deshalb schon, warum er das eigentlich mache. „Aber es führt ja kein Weg daran vorbei, irgendjemand muss es ja tun“, bricht es aus ihm heraus. Und deshalb verpflegt er das Sorgenkind der Streckenwärter auch weiterhin.
Sorgen macht der Straßenmeisterei aber nicht nur der Belag der Bundesstraße. Auch so mancher Jugendliche bringt Rapp und seine Kollegen in Rage. „Es kommt oft vor, dass zum Beispiel Leitpfosten umgetreten werden“, sagt Rapp. Auch heute liegt eine solche Meldung vor. Ein Passant hat den Streckenwärtern von einem ganzen Haufen umgetretener Leitpfosten zwischen Horrheim und Hohenhaslach berichtet. „Wir wussten allerdings bereits Bescheid.“ Rapp erklärt, dass das einem Mitarbeiter der Straßenmeisterei bei einer Kontrollfahrt aufgefallen sei. Abgearbeitet werden die beanstandeten Dinge der Reihe nach.
„Natürlich ärgert es mich, wenn ich sehe, dass absichtlich etwas beschädigt wurde“, sagt Rapp. Er erklärt, dass er manchmal gute Lust hätte, die Dinge dann einfach liegen zu lassen. Aber es führt kein Weg daran vorbei: Die Leitpfosten müssen wieder aufgestellt werden. Zehn Stück sammelt er in den umliegenden Äckern auf und steckt sie wieder auf ihre Halterungen. Dabei merkt Rapp, dass nicht nur die Leitpfosten den Jugendlichen zum Opfer gefallen sind. „Am Kreisverkehr sind die Schilder verbogen und verdreht.“ Und ein Stück weiter Richtung Hohenhaslach sei der Pfosten eines Verkehrszeichens gebrochen. Das Problem am Kreisel behebt der Streckenwärter sofort, das andere notiert er sich. „Dafür brauche ich ein neues Fundament und das können wir erst machen, wenn es wärmer ist“, erläutert Gerd Rapp.
Für das Aufstellen der Leitpfosten wird keine Rechnung ausgestellt – schließlich weiß die Straßenmeisterei nicht, wer der Empfänger sein müsste. Anders sähe das aus, wenn der Täter bekannt wäre. Und anders ist das auch im Fall des Unfallfahrers von Sersheim. „Er kann sich entscheiden, ob er die Arbeit selbst bezahlt oder ob er seine Versicherung in Anspruch nimmt“, sagt Rapp. Wie viel die Reparatur am Kreisverkehr gekostet hat, weiß er nicht. Nur, dass es günstiger gewesen wäre, wenn der Autolenker langsamer gefahren und dann den Kreisverkehr nicht übersehen hätte. „Das hätte nämlich gar nichts gekostet.“
Philipp-Marc Schmid
